«Locarno war plötzlich wieder in den Schlagzeilen»

Das 71. Locarno Festival hat sein Programm vorgestellt: mit Bettina Oberli, Spike Lee und einem 14-stündigen Mammutwerk.

Das Programm der Piazza Grande verspricht laut Carlo Chatrian viel «Leichtigkeit» und «Lachen». Bild: Keystone

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15 Jahre arbeitete Carlo Chatrian für das Filmfestival von Locarno, zuerst als Mitarbeiter, die letzten sechs Jahre als künstlerischer Direktor. Ab nächstem Jahr ist er Chef der viel grösseren Berlinale. Er sei wohl selber etwas erstaunt gewesen, dass ihn die Leute von Berlin angerufen hätten, erfährt man an der Pressekonferenz in Bern, an der das Programm der 71. Ausgabe vorgestellt wurde.

«Ich bin für Carlo extrem glücklich», sagte Festival-Präsident Marco Solari und machte dabei ein Gesicht, das nicht nur Glück ausdrückte. Das hatte mit dem Satz zu tun, den er kurz darauf sagte: «Ich hätte mir vorstellen können, mit Carlo noch ein paar Jahre zusammenzuarbeiten.» Chatrian sei dem Festival gegenüber enorm loyal geblieben und habe mit seinem Team «ohne Konzessionen» die Auswahl zusammengestellt.

Sein Abgang habe nun insofern sein Gutes, als Locarno «plötzlich wieder in den Schlagzeilen war, worldwide». Die Suche nach dem Nachfolger oder der Nachfolgerin sei in vollem Gang, sagte Solari: Ungefähr 30 Bewerbungen habe man bekommen, «zu 90 Prozent sind sie sehr gut». Dem Findungsgremium steht offenbar auf Wunsch von Solari Mark Peranson zur Seite; der aktuelle Programmchef ist eine zentrale Person in Locarno.

Bettina Oberli wieder auf der Piazza Grande

Chatrian selbst hatte schon ein Mikrofon von ARD vor der Nase, betonte aber als Erstes und auch gleich auf Französisch, dass er bis Ende August noch immer der künstlerische Leiter von Locarno sei. Als solcher stellte er die Auswahl vor: Auf der Piazza Grande sei viel «Leichtes» programmiert – ganz im Zeichen der Retrospektive zu Leo McCarey, der mit Stan Laurel und Oliver Hardy drehte.

Komödien aus Frankreich und Italien sind darunter, aber auch die gefeierte Rassismus-Satire «BlacKKKlansman» von Spike Lee (er selbst kommt nicht). Aus der Schweiz sind der Regisseur Denis Rabaglia und Bettina Oberli vertreten, die nach «Die Herbstzeitlosen» mit «Le vent tourne» auf die Piazza zurückkehrt: ein Liebesdrama vom Land, gedreht im Jura und auf Französisch.

Der Wettbewerb versammelt mit 15 Premieren eine Anzahl Autorenfilme aus dem Libanon, Kanada oder Rumänien. Der Zürcher Thomas Imbach zeigt «Glaubenberg», eine Inzestgeschichte vor alpinem Hintergrund. Zu reden geben wird Jan Bonnys «Wintermärchen», eine Fiktion um die NSU-Verbrechen in Deutschland. Ausserdem kommt der lustige Südkoreaner Hong Sangsoo wieder nach Locarno. Aus Argentinien ist ein 14-stündiger Fels von einem Film angekündigt – eine Hommage an die Kinogeschichte, die gegen Ende des Festivals in drei Teilen gezeigt wird. Es sind also Überstunden angesagt, denn der Dokumentarfilm «Shoah», programmiert zu Ehren des jüngst verstorbenen Claude Lanzmann, dauert mit 9 Stunden nur wenig mehr als ein normaler Arbeitstag.

Zu den Gästen in Locarno zählen die Schauspieler Ethan Hawke (Excellence Award) und Meg Ryan (Leopard Club Award), der Regisseur Bruno Dumont (Pardo d'onore), der erstmals in der Geschichte des Festivals eine Fernsehserie auf der Piazza Grande zeigt, sowie Jurypräsident Jia Zhangke aus China. Neu kann in den Sälen Pala Cinema, La Sala und Pala Video gegen einen Aufpreis von vier Franken eine bestimmte Anzahl Plätze reserviert werden. Und die Semaine de la Critique findet nicht mehr im zu engen Kursaal, sondern im La Sala statt. Das 71. Locarno Festival dauert vom 1. bis zum 11. August.

www.pardo.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 12:41 Uhr

Piazza Grande

Das Programm

1. 8.
«Liberty» von Leo McCarey. Kurzfilm mit Stan Laurel und Oliver Hardy aus der Retrospektive, begleitet von einem Orchester.

«Les beaux esprits» von Vianney Lebasque. Komödie über ein Basketball-Team, das sich als Gruppe von Behinderten ausgibt, um an den Paralympics teilnehmen zu können.

2. 8. «L’ordre des medecins» von David Roux. Drama um einen Arzt auf der Intensivstation, gespielt von Jérémie Renier.

3. 8. «Was uns nicht umbringt» von Sandra Nettelbeck. Ein Psychotherapeut verliebt sich in seine Patientin. Komödie.

«In the Cut» von Jane Campion. Aus Anlass des Leopard Club Award an Meg Ryan.

4. 8. «The Equalizer 2» von Antoine Fuqua. Action mit Denzel Washington.

«Coincoin et les z’inhumains» Erste zwei Teile des skurrilen Krimi-Fernsehmehrteilers des Franzosen Bruno Dumont.

5. 8.
«BlacKKKlansman» von Spike Lee. Rassimus-Satire nach einem wahren Fall eines schwarzen Spions beim Ku-Klux-Klan.

«Seven» von David Fincher. Aus Anlass des Ehrenpreises für den Gestalter Kyle Cooper.

6. 8. «Le vent tourne» von Bettina Oberli. Liebesdreieck der «Herbstzeitlosen»-Regisseurin, gedreht im Jura.

7. 8. «Un nemico che ti vuole bene» von Denis Rabaglia. Schwarze Komödie aus der Schweiz um einen Auftragsmord.

«Manila in the Claws of Light» von Lino Brocka. Gilt als schönster philippinischer Film der Geschichte.

8. 8. «Blaze» von Ethan Hawke. Flimbiografie über den amerikanischen Folkmusiker Blaze Foley.

9. 8. «L’ospite» von Duccio Chiarini. Liebesdrama über ein Paar, das sich überlegt, Kinder zu haben.

«Ruben Brandt, Collector» von Milorad Krstic. Animationsfilm-Thriller über einen Psychotherapeuten, der zum Kunsträuber wird.

10. 8. «Birds of Passage» von Cristina Gallego, Ciro Guerra. Epische Drogenkriegstragödie, angesiedelt unter den Indigenen Kolumbiens.

«Searching» von Aneesh Chaganty. US-Thriller, der ausschliesslich auf einem Computerdesktop erzählt wird.

11. 8. «I Feel Good» von Benoît Delépine, Gustave Kervern. Französische Komödie mit Jean Dujardin («The Artist»).

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