«Wenn du Liebe zeigst, verlierst du sie»

Der deutsche Regisseur Rosa von Praunheim dreht so sanfte wie schrille Filme. In «Härte» nähert er sich einem Missbrauchsopfer, das selber zum Quäler wurde.

Eindrückliche Szenen: Der offizielle Trailer zu «Härte». Video: Youtube/filmcoopi


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Man freue sich, den Herrn von Praunheim kennen zu lernen, hatte man kaum gesagt, da sagte er schon: Ich bin Rosa, und was für ein Sternzeichen man denn sei, und, ach ja, die Wassermänner seien meistens pflegeleicht und freundlich zu oberflächlichen Schützen wie ihm. Fürs Zeremoniell der Förmlichkeit hat der Regisseur Rosa von Praunheim scheints weder Geduld noch Zeit. Beide werden für das Sammeln von Menschen und Lebensgeschichten gebraucht, da ist er unersättlich. Die Zuneigung ist seine natürliche Methode, auch wenn er hinabsteigt in die Dark Rooms der Realität.

Er könne nicht anders, als die zu lieben, mit denen er rede, sagt er. Und deshalb habe er auch diesen Andreas Marquardt lieben können, von dem sein neuer Film handelt: «Härte», eine Dokufiktion der zwiespältigen Art. Es ist die Geschichte eines gequälten, sexuell missbrauchten Kindes, das selbst zum Quäler und Missbraucher heranwuchs . Der erwachsene Marquardt hat es in den 1970er-Jahren auf seine Weise zu etwas gebracht: zum erfolgreichen «Karate-Andy» und zu Berlins brutalstem Zuhälter. Im Gefängnis fand er zur tätigen Reue, wie man so sagt. Aber über der Wirklichkeit einer gelungenen Resozialisierung liegt immer noch der Schatten der kaltherzigsten Gewalttätigkeit.

Gab es bei Ihnen nie so etwas wie eine innere Sympathiekrise?
Ich habe Marquardt ja nur nett kennen gelernt. Sehr charmant, kooperativ, ein bisschen eitel. Man konnte ihm jede Frage stellen, und er hat sie, soweit ich das beurteilen kann, ehrlich beantwortet. Ich kann mir gar nicht recht vorstellen, wie er früher war. Natürlich, er war acht Jahre im Knast. Und tatsächlich habe ich mich gefragt: Wo entdecke ich etwas von der Brutalität, die damals von ihm ausgegangen sein muss?

Sie haben sie ja inszeniert ...
Klar, das habe ich nachgestellt. Am Ende schien es mir: Wir haben hier das typische Diktatorenmodell. Der konnte nicht nett sein. Wenn du ein Machtsystem betreibst und mit dem Nettsein beginnst, ist alles aus. Das ist die Angst der Diktatoren: Wenn du Liebe zeigst, verlierst du sie. Deshalb hat der Marquardt dieses Brutalitätssystem errichtet, auch beim Sex, der mit Sexualität ja gar nichts mehr zu tun hatte.

«Härte» ist auch ein Film über eine Frau, über die Lebenspartnerin Marion, die Marquardt sich quasi zurechtgeprügelt hat. Die ist immer bei ihm geblieben. Wie erklären Sie sich diese fast schon perverse Treue?
Es ist die Treue des Opfers, das die Schuld bei sich selbst sucht. Es denkt: Ich muss irgendwas falsch gemacht haben, ich weiss zwar nicht was, aber einen Grund wird es schon haben, dass der mich prügelt. Man hört oft von diesem psychologischen Phänomen bei Frauen und Kindern. Auch bei Marquardt wars ja so, solang ihn die Mutter missbraucht hat und darüber hinaus. Und auf der anderen, der diktatorischen Seite hat er sich dann Menschen gesucht, die manipulierbar waren und ein schwaches Selbstbewusstsein hatten. Solche wie Marion, andere hätte er gar nicht genommen.

Alles habe einen Sinn gehabt, sagt sie heute. Glauben Sie wirklich an dieses Mit-sich-im-Reinen-Sein?
Na ja, das Alter. Er hat jetzt drei Bypässe als Folge seines Spitzensports. Der kann jeder Zeit tot umfallen, und das ist schon mal eine andere Situation. Jetzt hat sie eine gewisse Macht über ihn, sie darf für ihn da sein, es ist nicht mehr so anstrengend, und sie hat den späten Triumph, seine Einzige zu sein.

Eines ist in «Härte» die dokumentierte Gegenwart. Ein anderes die rekonstruierte Erinnerung. Rosa von Praunheim stellt Szenen aus Marquardts verrohtem Leben in sichtbar stilisierte Kulissen. Sie entwickeln schmerzhafte Kraft. Er nennt es: die Entdeckung des Lebens in seiner Theatralik.

Trauen Sie dem Theatralischen mehr Intensität zu als einem naturalistisch ausgestatteten Film?
Man kann es beinahe ein Grundprinzip nennen. Der äussere Realismus ist nicht mein Talent. Ich bin künstlerisch immer sehr künstlich vorgegangen, hier in den schwarzweissen Rückblenden ohne Schnitt. Ich denke, so öffne ich Räume für das intensive, mutige Spiel. Denn am wichtigsten bleibt ja die Emotion. Du sollst als Zuschauer die Künstlichkeit erkennen und sie dann vergessen und in Gesichter sehen und glauben.

Die Darsteller in «Härte» scheinen sehr glaubwürdig. Wie sind Sie umgegangen mit der Realität, die da war in Gestalt von Andreas Marquardt?
Ich habe noch nie so eindrücklich erlebt, was Schauspieler können, wenn sie gut sind. Ich arbeite ja sonst eher mit Typen. Aber Hanno Koffler, der fiktive Marquardt, ist ein grossartiger Schauspieler, da sah ich die Sorgfalt im Herstellungsprozess einer Figur. Und bei Katy Karrenbauer hat mich fasziniert, wie bereit sie war, sich zu entblössen, auch körperlich, und zu altern in der Rolle einer widerlichen Mutter. Das war ein grosser Mut zur Unansehnlichkeit, innerlich und äusserlich.

Wenn von Mut schon die Rede ist: Als Filmemacher war Rosa von Praunheim immer ein mutiger Mann, wos nötig war. In aller Freundlichkeit hat er oft im Glashaus mit Steinen geworfen, damit frische Luft hereinkam. Als Avantgardist einer Schwulenbewegung, die es noch gar nicht gab, half er gewissermassen der schwulen Moderne auf die Beine mit seinem Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» (1971). Seine Verzweiflung über die Trägheit des moralischen Fortschritts konnte verletzend werden. Es kann nicht angenehm für diskrete Prominente wie Hape Kerkeling oder Alfred Biolek gewesen sein, als sie sich plötzlich von ihm als schwul geoutet fanden (1991, live auf RTL). Aber diese Unfreundlichkeit hat wohl doch der Emanzipation genützt.

Ist es Ihnen wohl dabei, eine «Leitfigur» der Schwulenbewegung genannt zu werden?
Ach, das ist doch eigentlich vorbei. 1971 vielleicht, mit meinem ersten Schwulenfilm, als über fünfzig Schwulengruppen in Deutschland entstanden, das hat etwas bewegt. Als ich mich dann in der Aids-Bewegung engagierte, waren die Leute schon nicht mehr so dankbar, viele wollten nichts hören von Safer Sex, und ich stand da als unangenehmer Moralist. Und nach meinen öffentlichen Outings in den Neunzigern war ich sozusagen Staatsfeind Nummer eins. Überhaupt war ich nie eine Leitfigur, weil mir das nicht liegt. Ich habs immer zerstört, wenn man mich zu sehr verehrte.

Regisseure wie Tom Tykwer nennen Sie ihren künstlerischen Vater, sich selber nennen sie «Rosakinder». Zum Siebzigsten haben sie unter diesem Titel einen Dokumentarfilm gedreht. Macht das stolz?
Ja natürlich, und es macht vor allem dankbar. Weil da etwas zurückkommt von Menschen, die ich gern habe.

Bald 73 ist Rosa von Praunheim. Der Eindruck ist: Er altert gut. Ein vitales Greisentum hat keinen Schrecken für ihn. Er ist darauf vorbereitet und hat ihm auch im Film «Unsere Leichen leben noch» (1981) längst ein Denkmal gesetzt; da war er noch keine 40.

Altern Sie gern?
Ich tue und plane viel und habe viel vor. Aber jetzt gehts auf die achtzig zu, da wird sich wahrscheinlich etwas verändern. Wenn man die erlebt, ist man als Mann einfach nicht mehr so auf dem Damm. Deswegen muss ich schnell arbeiten. Wie alt sind Sie eigentlich?

Einundsechzig.
Ein Baby. Sie haben noch Zeit.

Ich rauche.
Das hat dann wieder den Vorteil, dass man am Lungenkrebs meistens schnell stirbt.

«Härte» läuft in Zürich im Arthouse Uto. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2015, 15:31 Uhr

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