Cannes, die seltsame Tombola

Das Sozialdrama «I, Daniel Blake» des britischen Regisseurs Ken Loach erhielt die Goldene Palme – ein solider unter eher bizarren Entscheiden.

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Es war eine seltsame Tombola, die Preisverleihung des 69. Filmfestivals von Cannes. Nach einem potenten Wettbewerb, in dem einem sogar die drei, vier minderen Werke auf interessante Weise missraten schienen, gewann der britische Regisseur Ken Loach zum zweiten Mal nach «The Wind That Shakes The Barley» (2006) die Goldene Palme.

«I, Daniel Blake» war angekündigt als Loachs Abschied vom Kino und unterstrich noch einmal seinen engagierten Kampf gegen eine neoliberale Fordern-statt-Fördern-Wirtschaft, die die kleinen Leute platt walzt: In Newcastle erleidet der Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) einen Herzinfarkt, worauf er in die kafkaesken Mühlen des Sozialstaats gerät und zerrieben wird zwischen Online-Formularen und der Frage, ob einer, der nicht weiss, wie man einen Lebenslauf mit Word gestaltet, noch taugt für die Leistungsgesellschaft.

Die Dramatik war sozialrealistisch verwurzelt im System einer Sozialstaatsbürokratie, die ihre «Kunden» zwischen der Aussicht auf Invalidenversicherung und der Forderung nach belegbaren Bewerbungsversuchen hängen lässt. Ein Lehrstück über die Entsolidarisierung in einem Land, das selbst von den schwächsten Bürgern Leistungen erwartet – und ein rechtes Rührstück, sobald der Schreiner einer allein erziehenden Mutter begegnet, die sich keine Lebensmittel leisten kann. Da forcierte Loach dann sehr das Sentimentale. Aber falls «I, Daniel Blake» wirklich sein letzter Film bleibt, beendet er seine Karriere – von «Kes» (1969) bis heute – in aller Konsequenz mit einem Film über den kleinen Mann, der nicht ankommt gegen die Verhältnisse. An der Preisgala erinnerte Loach denn auch an die Notwendigkeit einer «anderen Welt».

Mehrere Chancen verpasst

Die Filmkritik kam dafür nicht gegen die Jury an, präsidiert von «Mad Max»-Regisseur George Miller und besetzt mit den Schauspielern Mads Mikkelsen, Kirsten Dunst und Donald Sutherland. Die gefeierte deutsche Komödie «Toni Erdmann» von Maren Ade ging leer aus, womit man am Festival der gestandenen Männer die Chancen verpasste, eine Komödie einer jungen Regisseurin auszuzeichnen. Dafür und leider erhielt die Britin Andrea Arnold den Jurypreis für «American Honey», ihr Elendskitschbild der White-Trash-Jugend in den USA. Der Iraner Asghar Farhadi, der mit «The Salesman» ein typisch eng geführtes, aber herbeikonstruiertes Drama mitgebracht hatte, gewann den Preis fürs beste Drehbuch, auch der Hauptdarsteller Shahab Hosseini wurde geehrt.

Beste Schauspielerin wurde überraschenderweise Jacylin Jose, die in «Ma Rosa» des Philippiners Brillante Mendoza eine zähe Drogendealerin spielt, die Geld zusammensuchen muss, um die Polizei zu schmieren. Auch der Rest wurde auf leicht bizarre Art verteilt, der Regiepreis ging ex aequo an den Franzosen Olivier Assayas («Personal Shopper») und den Rumänen Cristian Mungiu, der für seine Korruptionsstudie «Bacalaureat» einen wichtigeren Preis verdient hätte. Und der Kanadier Xavier Dolan («Mommy») wurde mal wieder geehrt, diesmal gar mit dem Grand Prix für «Juste la fin du monde», einen Edelquatsch mit vielen französischen Stars. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2016, 20:31 Uhr

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