Überschätzt: Pixar

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: Animation mit Kalkül.

Gefühls-Mannsgöggel im Vergnügungspark der Psyche: Die Protagonisten aus «Inside Out».

Gefühls-Mannsgöggel im Vergnügungspark der Psyche: Die Protagonisten aus «Inside Out».

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Was haben wir nicht alles dem Animationsfilmstudio Pixar zu verdanken: vegetarische Haie («Finding Nemo»), eine Ratte, die kochen kann («Ra­tatouille»), sprechende Spielzeuge («Toy Story»), sprechende Autos («Cars»), ein fliegendes Haus («Up»). Und natürlich die Notiz von der Kehrseite, laut der nicht wenige Kinder, nachdem sie «Finding Nemo» gesehen hatten, ihre Zierfische die Toilette runterspülten, in der Hoffnung, die Tiere fänden nun die Freiheit im Ozean. Kinder, so war es wirklich nicht gemeint. Und überhaupt würde ein in Gefangenschaft aufgewachsener Zierfisch sofort gefressen, schaffte er es tatsächlich via Kanalisation ins Meer hinaus, was höchst unwahrscheinlich ist.

Man sieht daran: Die Kleinen haben grösste Mühe, eine simple Geschichte wie «Finding Nemo» richtig einzuordnen, derweil die Grossen so tun, als hätten sie jeden Dialog auf erwachsene Anspielungen hin entschlüsselt und dazu auch viel Spass gehabt zusammen mit den Kleinen. Schliesslich ist in den Wunderwelten von Pixar die lustige Rasanz der Pixel ebenso eingerechnet wie die kluge Betrachtung des Seelenlebens – weshalb der Aufräum-iPod inmitten des Zukunftsmülls von «Wall-E» nicht nur als süss blinkendes Ding zu verstehen war, sondern auch als Chiffre für die übersättigte Dummheit des Menschen.

Der Zauber des Ghibli-Studios fehlt

So hat jeder etwas davon, also keiner richtig viel. Erschreckende Ausmasse nahm die Rundumversorgung von Pixar zuletzt mit «Inside Out» an, worin uns allerhand aus der Form geratene Mannsgöggel Gefühle wie Traurigkeit oder Freude vorspielten. Die Kinder wurden in einen hässlich bunten Vergnügungspark der Psyche geschickt, während die Erwachsenen halb verstrahlt damit begannen, Freud oder gar Lacan zu zitieren. Es ging ja ums Es, und wo Es war, soll umgehend Ich werden, weshalb Kritiker Sätze schrieben wie «Es war fantastisch, und ich hatte riesigen Spass».

Den Zauber eines Trickfilms vom ­japanischen Ghibli-Studio aber hatten die Pixar-Erfindungen nie. Ihre Originalität war oft aus dem Kalkül geboren, die digitalen Möglichkeiten zielgruppenübergreifend in den Massenmarkt zu übersetzen, wo es der Götti und der Göttibub gleichermassen lustig haben und die Konventionen gerade so weit verbogen sind, dass sie als Einfallsreichtum durchgehen. Die gezielte Übercodierung machte anfangs Eindruck. Aber bald herrschte der Eindruck eines Pixar-­Codes vor, mit dem das Studio Gefühlswärme und Spass errechnen konnte. Man fühlt sich da nicht mehr angesprochen. Sondern abgeholt.

In dieser Serie stellen TA-Journalisten Klassiker und Institutionen vor, mit denen sie wenig anfangen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2016, 14:38 Uhr

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