Wenn aus Feinden Verbündete werden

Scott Coopers Western «Hostiles» erzählt die tragische Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft.

Arge Animositäten. Tiefes Misstrauen prägt die Beziehung zwischen Cheyenne-Chief Yellow Hawk (Wes Studi, links) und Captain Joseph Blocker (Christian Bale).

Arge Animositäten. Tiefes Misstrauen prägt die Beziehung zwischen Cheyenne-Chief Yellow Hawk (Wes Studi, links) und Captain Joseph Blocker (Christian Bale).

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Selten sind sie geworden, die Western-Filme. Vorbei schienen die glorreichen Zeiten, als sich Charles Bronson als schweigsamer Einzelgänger in Sergio Leones «Once Upon a Time in the West» mit Colt und Mundharmonika bewaffnet auf einen blutigen Rachefeldzug begab. Oder als Clint Eastwood in der nicht minder bekannten Dollar-Trilogie des Grandseigneurs Leone als einsamer und todbringender Revolverheld die Saloons heimsuchte. Das (vorläufige) Ende einer Ära fand sich wohl im oscarprämierten Film «Unforgiven» von 1992, in dem Eastwood Regie und Hauptrolle übernahm – ein Spätwestern, der sich von der einstigen Idealisierung des Wilden Westens und dem mythologisierten Revolverheldentum deutlich verabschiedet hatte.

Abgesehen von einigen preisgekrönten zeitgenössischen Interpretationen, die wesentliche Stilmerkmale des Genres aufgriffen – zum Beispiel Ang Lees «Brokeback Mountain», «No Country for Old Men» der Coen-Brüder oder Quentin Tarantinos ausgezeichnete Spaghetti-Western «Django Unchained» und «The Hateful Eight» – blieben traditionelle Western in den folgenden Jahren häufig eine Rarität. Vereinzelt stachen Filmperlen wie «True Grit» und «Open Range» hervor, zu denen sich vor zwei Jahren noch «The Revenant» mit Leonardo Di Caprio gesellte. So öde und leer die Staubwüsten des Monument Valley sind, so selten sind sehenswerte Western-Filme geworden.

Hommage an eine Ära

Und doch entsteht hin und wieder ein starker Film, der an die einstige Ära anknüpfen kann: Heuer ist es «Hostiles» des amerikanischen Regisseurs Scott Cooper, welcher seine Premiere 2017 beim Telluride Film Festival feierte.

Die Geschichte handelt von einem in New Mexico stationierten Offizier der US-Army, der den Auftrag erhält, einen seit Jahren von der Regierung in Gefangenschaft gehaltenen todkranken Chief der Cheyenne-Indianer in den Süden Montanas zu bringen. Die Regierung will dadurch dem Wunsch des Chiefs entsprechen, in seiner Heimat sterben zu können.

Die Hauptrolle als Captain Joseph Blocker übernahm Christian Bale, der schon länger durch seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit zu überzeugen weiss. Auch in der Rolle als verbitterter und hasserfüllter Offizier, den die Erlebnisse in den Indianerkriegen innerlich schwer gezeichnet haben, brilliert Bale. Zur Seite stand ihm Rosamund Pike in der Rolle der Siedlerin Rosalie Quaid, die nach der Ermordung ihrer Familie durch marodierende Komantschen schwer traumatisiert von Blockers Trupp aufgegriffen wird.

«Hostiles» zeichnet sich besonders durch die detaillierte Charakterzeichnung aus. Trotz einer Vielzahl brutaler Schiessereien legte der Regisseur sein Augenmerk mehr auf die Entwicklung der Figuren, ihren Sinneswandel, ihre Auseinandersetzung mit vergangenen Erlebnissen als auf Gewalt. Der Film will anders sein und die Abgrenzung von ethnischen Stereotypen, die das Genre lange dominierten – die Indianer als die Bösen, die Weissen als die Guten –, bekräftigen.

Eine Schicksalsgemeinschaft

Wohl deshalb erzählt der Film die Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft aus Soldaten der US-Army und Kriegern der Cheyenne. Als Darsteller für die indigenen Filmfiguren wurden gezielt Schauspieler rekrutiert, die den amerikanischen First Nations angehö-ren: Wes Studi, der in «Dances with Wolves» an der Seite von Kevin Costner brillierte, verkörpert den alternden Häuptling Yellow Hawk. Dessen Sohn Black Hawk wird durch Adam Beach gespielt, der durch Clint Eastwoods Kriegsfilm «Flags of Our Fathers» grössere Bekanntheit erlangte.

Namensgebend für den Film ist der eruptive Hass zwischen Weissen und Indianern. Bald setzt aber ein Prozess der Läuterung ein, Feinde von einst lernen sich besser kennen und verstehen. «Hostiles» – «Feinde» – setzt auf philosophische Akzente: Es ist eine Geschichte über den Tod und das Sterben, über Hass und Vergebung, über Schmerz und Leid. Als Rosalie Quaid und Joseph Blocker einmal inmitten eines wunderschönen Nadelwaldes sitzen, sagt sie beiläufig zu ihm: «Manchmal neide ich dem Tod seine Endgültigkeit. Seine Gewissheit.»

Elegant sind auch einzelne Einstellungen, die die Schönheit der abwechslungsreichen Landschaften im Westen der Vereinigten Staaten gekonnt einfangen und wiedergeben. Schlicht: ein durchaus sehenswerter Spätwestern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.04.2018, 09:50 Uhr

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