«You know?»

Was man in sieben Minuten aus Jake Gyllenhaal herauskriegt.

Zwei Finger, ein Finger, flache Hand: Die Zeit für ein Interview mit Jake Gyllenhaal am Zürich Film Festival ist knapp bemessen.
Video: Tamedia

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Am Ende sind es sieben Minuten. Waren nicht mal zehn vorgesehen? «Yeah, we’re running late», wir sind im Verzug. In der Sprache der Presseverantwortlichen ist das die internationale Formulierung für «sorry». Wir machen den Walk-and-Talk im Hotel Dolder, stolpern über Kabel der Fernsehleute. Selber schuld, wir sind nämlich im Teil mit den TV-Interviews eingeteilt worden, ohne es zu merken.

Aber es kommt nicht mehr drauf an, das Monster des Interview-Junkets am 13. Zurich Film Festival hat uns bereits verschluckt. Es frisst jetzt einen kleinen, japsenden Menschen nach dem anderen. Jeder sprüht vor gut überlegten Fragen, jeder verglimmt sofort. Der amerikanische Schauspieler Jake Gyllenhaal («Brokeback Mountain») empfängt sie der Reihe nach. Es ist ein ausgesprochen gut aussehender Mann im Alter von 36 Jahren. Er wirkt aufmerksam, ein bisschen beflissen sogar.

Die erste Diskussion dreht sich um das englische Wort «genial», für «herzlich», «liebenswürdig». Man wollte damit seine Figur Jeff Bauman in «Stronger» beschreiben, wie es sie wirklich gibt und wie sie am Anfang des Dramas wirkt, bevor die Explosion am Boston-Marathon 2013 ihr beide Beine zerstört und Jake Gyllenhaal zu seiner bestimmt Oscar-verdächtigen Tortur de force im Rollstuhl ansetzt. «Genial? I don’t know what that means, but I like it.» Er weiss natürlich schon, was es bedeutet. «You mean like, like, good-natured?» Genau.

Eine Frage, keine Antwort

So sei er halt, dieser Jeff Bauman, ruhig, introvertiert. Gyllenhaal hat ihn getroffen, um ihn zu studieren, er tut das oft zur Vorbereitung seiner Rollen. Frühe und hervorragende Gelegenheit, um über den Thriller «Zodiac» von David Fincher zu reden, ein Film, der uns ein bisschen mehr interessiert. Gyllenhaal spielt darin auch einen zurückhaltenden Eigenbrötler, der wie Jeff Bauman der Polizei bei der Mördersuche behilflich ist. Er ist im Kino eigentlich immer dann am besten, wenn er observiert, reagiert. Wenn man sieht, wie er denkt.

Er könne sich durchaus mit verschlossenen Typen identifizieren, einfach nicht bis zum Moment, in dem man sich von der Welt abkapselt. «Aber sicher, es ist ein wesentlicher Teil der menschlichen Erfahrung, dass man sich selber kennt, dass man bei sich selber ist.» You know?

Er pflege am Anfang immer einen analytischen Zugang, lese viele Drehbücher, «zuerst muss man recherchieren, in Büchern und in anderem Material. Für mich beginnt es immer mit viel Büchern.» Er lese viel, aber in letzter Zeit komme er nicht mehr richtig dazu, obwohl er gern mehr lesen würde, denn so sei es doch mit Büchern, ihnen sei eine «konkrete, greifbare Natur» eigen, man könne sie in der Wohnung den Gästen präsentieren und damit auch etwas aussagen darüber, wer man selber sei. «Sogar wenns nur Show ist, demonstriert eine Bücherwand den Respekt vor dem geschriebenen Wort.»

Eine Antwort folgt nicht. Jake Gyllenhaal zählt gerade alle Menschen auf, die sich in «Stronger» selbst spielen.

Wir kriegen die Finger, noch zwei Minuten. Eine Frage zur kulturellen Aneignung: Haben Sie sich je gefragt, ob nicht ein tatsächlich Amputierter die Rolle von Jeff Bauman spielen sollte? «Ich weiss, dass diese Frage aufgeworfen wurde.» Und? «Ich glaube nicht, dass das mein Job ist. Mein Job ist das Schauspiel. Hatte ich je Zweifel, ob ich Jeff verstehe? Auf jeden Fall.» Zweifel sei ein grundlegender Teil jedes Lebensprozesses.

Der Finger. Noch eine Minute. Die Diskussion um Privilegien von Weissen wird in letzter Zeit auch hinsichtlich Hollywood heftiger geführt. Inwiefern reagieren Sie darauf als Schauspieler von adeliger schwedischer Abstammung, der in eine gut gestellte Showbusiness-Familie hineingeboren wurde?

Für diese Frage ist allerdings gar keine Zeit mehr, denn Jake Gyllenhaal ist jetzt gerade dazu übergegangen, alle Menschen aufzuzählen, die sich in «Stronger» selbst spielen, Chirurgen, Pflegekräfte, Prothesenbauer. Man weiss das eigentlich alles schon, aber soll man ihn jetzt unterbrechen? Es wirkt, als rede Jake Gyllenhaal, um nicht antworten zu müssen.

Die flache Hand durchschneidet die Luft wie das Messer bei einer Enthauptung. Die sieben Minuten sind um. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2017, 12:14 Uhr

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