Klassiker der Woche: Anna Netrebkos Mission

Die Starsopranistin tritt derzeit vor allem mit ihrem Gatten auf. Heute Abend eröffnen die beiden die Scala-Saison.

Ach, die Liebe: Anna Netrebko und Yusif Eyvazov singen «Odna Lyubov'» («One love»).(Youtube/Opera pop)


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Es ist traditionellerweise der glamouröseste Abend des Opernjahres: die Saisoneröffnung an der Mailänder Scala, die immer am 7. Dezember stattfindet, dem Tag des Stadtheiligen Sant'Ambrogio. Dieses Jahr steht Umberto Giordanos «Andrea Chénier» auf dem Programm, und natürlich hat die Besetzung illuster zu sein.

Illuster, das heisst in der aktuellen Opernwelt meistens: Anna Netrebko ist dabei. Das wiederum heisst in der aktuellen Opernwelt: Auch Yusif Eyvazov ist dabei. Seit die Sopranissima und der aserbeidschanische Tenor 2015 geheiratet haben, tut sie alles, um ihm berühmtheitsmässig auf die Sprünge zu helfen. Das funktioniert bisher ziemlich gut, auch deshalb, weil die meisten Opern eine Sopranistin und einen Tenor als Liebespaar vorsehen (mit Netrebkos früherem Partner, dem Bassbariton Erwin Schrott, gab es da weniger Möglichkeiten).

Also sangen Netrebko und Eyvazov in Wien in der «Traviata». In Salzburg in der «Manon Lescot» (die Aufnahme ist auf CD erschienen). In diversen Arenakonzerten. Und sie haben unter dem Titel «Romanza» ein geradezu unverschämt kitschiges Doppelalbum herausgebracht: Da gibt es auf der zweiten CD Arien und Duette, die man von irgendwoher zusammengesucht hat – und auf der ersten schnulzige Opernpopsongs, die ein gewisser Igor Krutoy eigens für die beiden komponieren durfte.

Herzen und küssen

«Odna Lyubov'» ist einer dieser Songs, von denen Netrebko offen gesagt hat, dass sie nicht für ein Opernpublikum gedacht seien. Ins hier gezeigte Arenakonzert passt er dagegen bestens, und in die Karriereplanung natürlich auch. Wenn die beiden sich herzen auf der Bühne, wenn er sie schon vor seinem ersten Ton küsst und nach dem letzten sowieso, dann mag das durchaus mit Liebe zu tun haben – aber es sieht doch auch sehr nach Kalkül aus.

Das mag Geschmackssache sein, aussergewöhnlich ist es nicht. Auch in anderen Branchen sorgen Mächtige, Berühmte und Reiche dafür, dass ihre Ehegatten angemessen unterkommen. Nur: Auf der Bühne hört man sofort, ob ein Ehegatte auch etwas taugt. Die Meinungen über Yusif Eyvazov sind da bisher gespalten, und sie werden es voraussichtlich auch heute Abend sein, wenn das Publikum der Scala seine stets sehr dezidierten Urteile kundgibt.

Riccardo Chailly, der die Mailänder Premiere dirigiert, hat deshalb schon mal versucht, die Dinge in die richtigen Bahnen zu lenken: Eyvazov sei genauso gut wie die Netrebko, hat er dem «Corriere della Sera» gesagt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 14:20 Uhr

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