Klassiker der Woche: Jenny piepst

Lotte Lenya war zweimal mit Kurt Weill verheiratet – und die ideale Interpretin seiner Musik.

Träumt sich weg: Lotte Lenya im Film der «Dreigroschenoper» (1931). (Video: Youtube/Rongcentury)

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Nina Simone hat die berühmte Ballade der Seeräuber-Jenny gesungen und Juliette Gréco, Ute Lemper und Marianne Faithfull, Milva und Amanda Palmer. Und sie alle haben dieser Jenny, die vom Schiff mit acht Segeln und dem Tod all ihrer Peiniger träumt, eine wuchtige, rauchige, angriffige Stimme geliehen. Lotte Lenya dagegen hat ihre Ballade gepiepst – dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft.

In der Verfilmung der «Dreigroschenoper» von 1931 war das. Lenya war damals 33 Jahre alt und verheiratet mit Kurt Weill, dem Komponisten des Stücks. 1933 reichte sie die Scheidung ein, um aber bald zu ihm zurückzukehren. 1935 emigrierten die beiden in die USA, 1937 heirateten sie ein zweites Mal. Diesmal hielt die Ehe bis zu Weills Tod 1950.

Man darf also vermuten, dass Weill (und der Textautor und Refrainkomponist Bertolt Brecht) die Ballade der Jenny genau so haben wollten, wie Lenya sie sang mit ihrem irisierenden Hochsopran. Ein gespenstisches Stück ist es, der Traum eines geplagten Mädchens, der so irreal klingt, wie er zweifellos ist. Es gibt dieses Schiff mit den acht Segeln nicht, Jenny weiss es selbst und sehnt sich umso heftiger danach. Wenn man sie so hört, weiss man, dass sie einen Weg finden wird aus ihrem Elend; welchen auch immer.

Erfolg am Broadway

Dass es diese Seeräuber-Jenny gar nicht gibt, spielt da keine Rolle. In der originalen «Dreigroschenoper» wird ihre Ballade von Polly gesungen, im Film von ihrer Namensvetterin, der Spelunken-Jenny; aber die Gefühle, um die es darin geht, kennen wohl beide, darum singen sie ja das Lied.

Nach Weills Tod ist Lotte Lenya mit der «Dreigroschenoper» (in englischer Übersetzung) übrigens auch am Broadway aufgetreten – mit ebenso grossem Erfolg wie Jahrzehnte zuvor in Berlin. Ihre Stimme war damals schon weit in die Tiefe gerutscht und auch ein wenig brüchig geworden. Aber für Weills Musik war sie immer noch genau richtig.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.06.2016, 10:50 Uhr

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