Klassiker der Woche: Eine Hymne für Kim Jong-un

Der Text ist koreanisch – aber musikalisch klingt das grosse Lob auf Kim Jong-un bemerkenswert westlich.

Das Verdiente Staatliche Chorensemble Nordkoreas rühmt seinen «Obersten Führer». (Youtube/Moneer Alrawahna)


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Dass sich Herrscher musikalisch verherrlichen lassen, ist eine alte Tradition. «Grosser Herzog, alles Wissen / Findet Schutz bei deinen Füssen»: Diese Zeilen hat Johann Sebastian Bach in seiner Kantate «O angenehme Melodei» für den Herzog Christian von Weissenfels vertont. Haydn lieferte die Musik für die bekannte Hymne «Gott erhalte Franz, den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz!», für die sich der Gerühmte mit einer mit seinem Porträt dekorierten Dose bedankte. Und ihre Kollegen in Italien, Frankreich oder England standen ihnen in nichts nach: Das Komponieren von Huldigungswerken für Fürsten, Kaiser, Könige gehörte zum Job.

In diesem Sinn muss man sich über die überschwängliche Hymne für Kim Jong-un nicht wundern. Dass einer, der seine Macht in jeder erdenklichen Weise zelebriert, auch entsprechende Musik bestellt, ist klar. Erstaunlich ist höchstens, wie westlich diese Musik klingt. Wäre da nicht der koreanische Text: Man käme nie darauf, wer der Adressat dieser Hymne ist. Und selbst der Text wirkt in der Übersetzung durchaus vertraut: «Der General ist ewiges Glück für uns» – so anders als bei Bach tönt das nicht.

Globalisierte Marschmusik

Es ist nun mal so: Zu keiner Musik kann man so gut strammstehen und paradieren wie zu europäischer Marschmusik. Das haben schon früh auch die Potentaten von Ländern entdeckt, die eigentlich ganz andere musikalische Traditionen haben. So ist es zweifellos kein Zufall, dass sich auch die Nationalhymnen mit wenigen Ausnahmen so sehr ähneln (wobei es hier genau genommen zwei verschiedene Modelle sind, die zum Zug kommen; neben dem Marsch-Typus wird auch noch der getragene, ebenso europäische Hymnen-Ton bedient). So paradox das sein mag: Ausgerechnet diese Werke, die ein Land musikalisch repräsentieren sollen, klingen überall gleich.

Eine Hymne für Kim Jong-uns grossen Widersacher Donald Trump übrigens scheint noch nicht komponiert worden zu sein; er inspiriert die Musiker offenbar eher zu satirischen Nummern. Aber man würde nicht ausschliessen, dass er irgendwann einen entsprechenden Auftrag vergibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 09:06 Uhr

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