432 500 Dollar für ein Gemälde einer künstlichen Intelligenz

Selbst im chronisch überhitzten Kunstmarkt ist so ein Verkaufspreis gewaltig. Ein anonymer Telefonbieter hatte sich an einer Christie's-Auktion bis zuletzt ein Duell mit einem Interessenten im Saal geliefert.

Eine Frau betrachtet das «Porträt von Edmond Bellamy» des Künstlerkollektivs Obvious im Auktionshaus Christie's in New York.

Eine Frau betrachtet das «Porträt von Edmond Bellamy» des Künstlerkollektivs Obvious im Auktionshaus Christie's in New York.

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Wenn der Preis des laut Beschreibung des Auktionshauses Christie's «ersten jemals von einer künstlichen Intelligenz geschaffenen originalen Porträts» 4320 Prozent über dem Schätzwert liegt, ist das sicherlich ein historischer Moment. Selbst im chronisch überhitzten Kunstmarkt ist so ein Sprung gewaltig. Ein anonymer Telefonbieter hatte sich bis zuletzt ein Duell mit einem Interessenten im Saal geliefert. Der Zuschlag lag am Ende bei 432 500 Dollar für das «Portrait of Edmond Bellamy» der Pariser KI-Kunstgruppe Obvious. Das war deutlich mehr, als die in derselben Auktion angebotenen Werke von Hochpreiskünstlern wie Jeff Koons, Banksy und Christo einspielten. Lediglich Andy Warhols zehnteilige Seriegrafie «Myths» erzielte mit 780 500 Dollar mehr.

Was die Versteigerung vor allem zeigt, ist, wie empfindlich der Kunstmarkt inzwischen auf Hypes und Entwicklungen der Wirtschaftswelt reagiert. Zunächst einmal ist das Bild von Obvious keineswegs das erste von einer künstlichen Intelligenz geschaffene originale Porträt. Das war vor zweieinhalb Jahren «The Next Rembrandt», das Bild eines Mannes im Stile des niederländischen Meisters, das eine KI in Amsterdam geschaffen hatte, nachdem ein Team die KI mit dem Gesamtwerk des Malers gefüttert hatte.

Aber ein Hype schafft erst einmal Tatsachen, die auch dann in der Welt bleiben, wenn sie gar nicht den Tatsachen entsprechen. Während «The Next Rembrandt» lediglich als KI-Zirkuspferdchen bei Digitalkonferenzen auftrat, hat Obvious Kunstmarktgeschichte geschrieben. Es war deswegen auch weniger das Bild als die Wette auf eine Zukunft der kreativen künstlichen Intelligenzen. Und weil in der digitalen Wirtschaft oft wichtiger ist, wer zuerst kommt, als wer Qualität schafft, setzte der anonyme Bieter ganz offensichtlich auf ein Kriterium, das in der Kunst bisher nicht galt.

Barbiepuppe und digitaler Drache

Die Wette ist kühn. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass künstliche Intelligenzen künstlerisch wertvolle Werke schaffen, ist gleich null. Das zeigt auch das Rekordbild. Der Effekt des Amsterdamer Projekts vor zwei Jahren war durchaus verblüffend. Auf den ersten Blick sah das Bild wirklich aus wie ein unbekannter Rembrandt. Im Gegensatz dazu erinnert das Bild von Obvious eher an den verschmierten Jesus in einem Fresko, das eine Rentnerin ohne Vorkenntnisse in ihrer Kirche in Spanien restaurieren wollte. Vom ästhetischen Empfinden mal abgesehen, lassen einen beide Bilder kalt. Kunst beruht eben nicht auf Können, wie es einem Traditionalisten weismachen wollen. Die Qualität von Malerei, Literatur, Musik, von sämtlichen Formen der Kunst wird von der Person geprägt, die sie geschaffen hat. Von ihren Emotionen, Erfahrungen, ihrer Biografie und ihrer Ausdruckskraft. Das aber sind alles Qualitäten, die eine künstliche Intelligenz mit ihrem analytischen Denkmodell nur imitieren, niemals aber selbst erschaffen kann.

Genausowenig wie es jemals eine KI mit Bewusstsein geben wird, wird es deswegen künstliche Intelligenz geben, die eine wahrhaft künstlerische Kreativität entwickelt, die über interessante oder sogar überraschende Rechen- und Lösungswege hinausgeht. Wer dafür Beweise suchte, der fand sie im Sommer im NRW Forum Düsseldorf in der Ausstellung «Pendoran Vinci - Kunst und künstliche Intelligenz heute», die ausschliesslich aus armseligen Versuchen bestand, KIs Kunst schaffen zu lassen.

Das mag «Meat Chauvinism» sein, wie es der Kognitionsforscher Steven Pinker einmal sagte, der Chauvinismus des menschlichen Wesens. Dahinter steht aber auch die wissenschaftlich begründete Einschätzung, dass physikalische und Naturgesetze auf diesem Planeten ewig gelten werden.

Das Rekordergebnis für das KI-Bild war also nichts anderes als das Anzeichen, dass die derzeitige Blase der KI-Investitionen in der Realwirtschaft inzwischen so gross ist, dass sie selbst den Kunstmarkt erfasst. Weil künstliche Intelligenz aber nicht nur eine Börsenmode ist, sondern eine Technologie, welche die Menschheit, die Gesellschaft und das Wirtschaftssystem in den kommenden Jahren von Grund auf verändern wird, sollte man auf solche Anzeichen von Hysterie genau achten. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 29.10.2018, 09:50 Uhr

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