Abgehängt, wieder aufgehängt

Die Art Gallery Manchester verbannte zeitweilig ein Bild, das nackte Nymphen zeigte.

Wirklich anstössig? «Hylas und die Nymphen» von John William Waterhouse im Besitz der Manchester Art Gallery.

Wirklich anstössig? «Hylas und die Nymphen» von John William Waterhouse im Besitz der Manchester Art Gallery.

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Was geschieht, wenn Kunst aus dem 19. Jahrhundert auf Betrachter aus dem 21. Jahrhundert trifft? Die Kunst muss den Rücktritt in die Museumskatakomben antreten. Dieser Auffassung war wohl die Manchester Art Gallery, als sie eines ihrer beliebtesten Gemälde auf unbestimmte Zeit in den Lagerraum verbannte.

Die Museumsbesucher fanden anstelle von «Hylas und die Nymphen» des 1849 geborenen John William Waterhouse eine leere Stelle vor, und selbst die Postkarten des Bildes wurden aus dem Sortiment des Museumsshops genommen. Auf dem wie ein feuchter Traum anmutenden Gemälde kniet der junge Hylas, der mythologische Gefährte des Helden Herakles, beim Wasserholen am Teich. Seine Schönheit hat sieben nackte Nymphen angelockt, die ihn umgarnen und schliesslich zu sich ins Wasser ziehen werden, bis er ertrinkt.

Softporno im Museum?

Das Ziel der Zensur war es, eine Diskussion rund um die als selbstverständlich wahrgenommene Objektivierung nackter Frauenkörper in der Kunst anzufachen, ganz im Sinne aktueller feministischer Debatten wie #MeToo. Das Museum bezichtigte sich selbst, die ausgestellten Gemälde vom Ende des 19. Jahrhunderts nicht genügend kritisch zu beleuchten. «Die Galerie zeigt den weiblichen Körper entweder als ‹passive dekorative Form› oder als ‹Femme Fatale›. Lasst uns zusammen diese viktorianische Fantasie hinterfragen!», rief das Museum die Besucher auf. Auf seiner Website konnte man Kommentare zur Verbannung des Gemäldes hinterlassen, und an der Stelle des Bildes hing fortan eine Pinnwand, an der Besucher ihre Reaktionen festmachen konnten.

Die Empörung liess nicht lange auf sich warten. Die über 700 Kommentare warfen dem Museum Zensur, Überkorrektheit und Engstirnigkeit vor. Die Meinungen reichten von «Für wen zum Teufel haltet ihr euch?» bis hin zu «Das ist ein grosser Rückschritt für das 21. Jahrhundert». Auch die britischen Medien reagierten sofort. Der Guardian bezeichnete das Bild zwar als Softporno, plädierte aber für das Recht der Kunst, zu schockieren. Der Independent kritisierte das Museum dafür, Schönheit auf Kosten der Politik zu beschneiden. Nur neun Tage nach dem Anfang dieser Aktion hat sich die Museumsleitung dem Aufschrei gebeugt. Nun hängt das Gemälde wieder an seinem alten Platz.

Die Femme Fatale ist typisch für Waterhouse

Die Manchester Art Gallery hat eine spannende Grundfrage gestellt, mit der Zensur jedoch eine erdenklich schlechte Antwort gefunden. Sonia Boyce, die das Kunstprojekt verantwortet, in dessen Verlauf das Gemälde verschwand, rechtfertigte sich, sie habe nach neuen Darstellungsformen der Frau fragen wollen. Die Idee ist berechtigt: Waterhouse gehört zu den Präraffaeliten, einer englischen Malergruppe des 19. Jahrhunderts. Eines ihrer Merkmale ist die Darstellung toter und todbringender Frauen. Die Angst ihrer Zeit vor einer aktiven, weiblichen Sexualität verkörpern gefährliche Verführerinnen.

Damit entstand auch die Figur der Femme Fatale, die ihren männlichen Opfern reihenweise den Kopf verdreht. Sirenen umgarnen Seefahrer, ausgehungerte Vampirinnen knien über ihrer Beute, Feen locken mittelalterliche Ritter ins Dunkle des Waldes, und Nymphen werden zu Nymphomaninnen. Waterhouses Bild bot seit seiner Entstehung weder Anlass für ausserordentliche Kritik, noch ist es eine bahnbrechende Kreation, sondern ein typischer Vertreter seiner Zeit. Ob man heute diese problematischen Frauenbilder als solche erkennt oder nicht, hängt auch davon ab, wie stark sich unsere Definition von Frau und Mann in den letzten 122 Jahren verändert hat.

Denkanstösse statt Zensur

Um Diskussionen ohne Zensur anzuregen, hätte die Manchester Art Gallery jedoch ganz andere Wege gehen müssen. Zum Beispiel hätte man eine zweite Version des Hylas-Mythos anbringen können – dasselbe Bild mit vertauschten Geschlechterrollen. Findet man diese Version lächerlich, stellen sich weitere Fragen: Warum geniesse ich das Originalbild, während mich die Neuinterpretation befremdet?

Eine andere Idee zur Diskussionsanregung wären Hintergrundinformationen zum Originalmythos. Erstens waren Hylas und Herakles ein Liebespaar. Hylas ist also nicht so eindeutig heterosexuell, wie es Waterhouse in der Szene suggeriert. Und zweitens ist Hylas eine Version von Narziss. Beide Männer ertrinken im Teich, und beide werden nach ihrem Tod zu Blumen; Narziss zur Narzisse und Hylas zur Hyazinthe. Blumen sind hier also nicht weiblich, sondern männlich, und die Erzählung rankt sich um männliche Schönheit und Selbstverliebtheit. Statt diesen Teil des Mythos zu illustrieren, entschied sich Waterhouse aber, ganz im Sinne seiner Femme-Fatale-besessenen Zeit, für die Darstellung der gefährlichen weiblichen Monster.

Die Objektivierung der Frau in Kunst, Film und Literatur früher wie heute ist ein Thema, das Aufmerksamkeit verdient. Jedoch ist die Aktion der Manchester Art Gallery gescheitert, da sie ungewollt zu Zensur-Debatten geführt hat, statt, wie beabsichtigt, berechtigte Fragen zur Kuration einer Ausstellung rund um Körperlichkeit und Sexualität zu stellen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 09:27 Uhr

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