Morins Erbe

Die Basler Museen brauchen mehr Geld. Wird die Museumsstrategie das Problem lösen?

Vieles wurde angestossen, weniges erreicht. Ex-Regierungspräsident Guy Morin im Kunstmuseum.

Vieles wurde angestossen, weniges erreicht. Ex-Regierungspräsident Guy Morin im Kunstmuseum. Bild: Nicole Pont

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Die Basler Museumslandschaft ist in jüngster Zeit von zwei finanzpolitischen Erdbeben erschüttert worden, die derart grundsätzliche Fragen nach politischer Führung und umsichtiger Planung aufwerfen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass die lang ersehnte, eiligst zusammengeschusterte Museumsstrategie – Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann will uns das Papier noch vor Weihnachten präsentieren – diese beantworten wird.

Die neuen Museumsdirektoren Josef Helfenstein und Marc Fehlmann haben in den letzten Monaten lautstark mehr Geld gefordert. Die Finanzierung ihrer Museen sei mangelhaft und die Budgets seien zu klein, um den Museumsbetrieb zu garantieren, der laut Basler Museumsgesetz Bewahren, Sammeln und Vermitteln umfasst. Ihr Notruf hat das finanzielle Gefüge der fünf grossen staatlichen Museen kräftig durcheinander geschüttelt und stellt die Neubaupläne für das Naturhistorische Museum in Frage.

Bald soll eine Museumsstrategie vorgelegt werden. Aber wie sollte ein Strategiepapier auf die Unterfinanzierung von mindestens zwei der fünf staatlichen Museen reagieren, wenn man seitens der Kulturabteilung immer noch daran zweifelt, ob den Angaben der Museumsdirektoren überhaupt Glauben zu schenken sei? Die grundlegenden und hoffentlich auch budgetwirksamen Analysen, die man ja eigentlich schon lange hätte vornehmen müssen, wenn man sich wirklich um die Probleme der Häuser kümmerte, sind auf nächstes Jahr versprochen worden. Bis dato wurde nur ein Notkredit für das Kunstmuseum in Aussicht gestellt, der den Betrieb 2018 absichern soll.

Einseitiger Erneuerungsschub

Die jetzige Museumsmisere ist in ihrer ganzen Tragweite nur verständlich, wenn wir in die Ära Guy Morin zurückblenden, der von 2009-2016 der für Kultur zuständige Regierungspräsident war. Wir erinnern uns noch gut, wie Morin am Anfang seiner Amtszeit festgestellt hat, dass Basel an einem Punkt angelangt sei, an dem alle fünf staatlichen Museen einer baulichen Erneuerung bedürften.

Damals stand man kurz vor der Eröffnung des neuen Museums der Kulturen, die man dann auch 2011 samt dem Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron gebührend feierte. Das Antikenmuseum hatte schon 2001 seinen Erweiterungsbau bekommen, sass es doch auf einem schönen Ausstellungskeller unter dem Innenhof des Museums, den ihm die UBS geschenkt hatte. Und das Kunstmuseum hatte von Maja Oeri gerade einen Scheck über 50 Millionen erhalten, mit dem es seinen Erweiterungsbau planen konnte.

Auch wenn Morin am Anfang von einem Haus der Geschichte träumte und Museen fusionieren wollte – gedacht war zum Beispiel an ein Zusammengehen von Historischem Museum und Antikenmuseum –, so scheiterte diese Gesamtschau am Widerstand der Museumsdirektoren. Wobei man Morin (und allen Museumsstrategen, die auf ihn folgen) vorwerfen muss, dass solche Fusionen sowieso nur mit den Direktoren zu machen sind und nicht gegen sie.

Morin fokussierte in der Folge auf einzelne Museen, wohl auch aus dem verständlichen Wunsch nach Komplexitätsreduktion. Neben dem Erweiterungsbau des Kunstmuseums, bei dem so gut wie alle strategischen Fragen von seinem Vorgänger Christoph Eymann oder von der Mäzenin Maja Oeri beantwortet wurden, erhielt das Naturhistorische Museum präsidiale Priorität. Das Haus der Geschichte, dessen Wunschprotagonisten Historisches Museum und Antikenmuseum sich quer gestellt hatten, wurde fallen gelassen. Morins Abkehr von der Geschichte mutet uns im Nachhinein wie eine Trotzreaktion an.

Während die Museen sparen mussten, baute die Abteilung Kultur ihren Stellenplan aus.

Auch wenn sowohl das Historische wie auch das Naturhistorische Museum einen Erneuerungsschub brauchten, setzte der Regierungspräsident einseitig auf das letztere. Zuerst versuchte man einen Neubau auf die Heuwaage zu stellen, wo ein neues Gebäude geplant war samt integrierten Depots. Als der Zolli den Bauplatz für sich reklamierte, um dort ein Aquarium zu errichten, ging man auf die Suche nach Alternativen. Man fand sie schliesslich beim Bahnhof St. Johann auf einem schmalen und langen Grundstück, das am Rande eines Wohnquartiers liegt und unmittelbar an die Geleiseanlagen der SBB angrenzt.

Nun wurde ein Paket geschnürt. Das Naturhistorische Museum sollte zusammen mit dem Staatsarchiv ins St. Johann ziehen, was den enormen Vorteil hatte, dass das Regierungsdepartement in unmittelbarer Nähe zum Rathaus viel Platz gewann für seine stetig wachsende Mitarbeiterschar: Während die Museen seit 2013 einer schmerzhaften Sparrunde unterworfen wurden und einige Stellen unbesetzt blieben, konnte die Abteilung Kultur, also die Verwaltung eines alles in allem stagnierenden Kulturbudgets, im Schnitt jedes Jahr eine zusätzliche Stelle schaffen. Das sind fünf Stellen in fünf Jahren oder eine satte Steigerung von über 40 Prozent.

Der Umzug ins St. Johann war strategisch durchaus geschickt eingefädelt, hatte man doch mit der Zusammenführung der beiden Institutionen zwei Lobbygruppen hinter sich und die Schar der Kritiker elegant reduziert. Dass aber zwischen Staatsarchiv und Naturhistorischem Museum null Synergieffekte nutzbar waren, das war und ist den Promotoren egal.

Falsche Versprechungen

Die Idee wuchs sich zu einem veritablen Mammutprojekt aus, das auf 190 Millionen Franken geplant ist und samt Architekturwettbewerb inzwischen schon elf Millionen Franken Projektkosten verschlungen hat. Zum Vergleich: Die Erweiterung des Kunstmuseums kostete 100 Millionen Franken, wovon die Hälfte von Maja Oeri bezahlt wurde (die Schlussabrechnung liegt allerdings noch nicht vor), die Messehalle 1 von Herzog & de Meuron kostete 450 Millionen Franken, für den Umbau des Kopfbaus der Kaserne sind 45 Millionen Franken bewilligt.

Trotz der weit fortgeschrittenen Planung fehlt es dem Museumsprojekt am Stadtrand an Überzeugungskraft, nicht nur weil die beiden Nutzer nicht zusammenpassen wollen, sondern auch, weil der neue Standort am Bahngeleise mit potenziell gefährlichen Transporten und in einer Zone mit hohem Grundwasserspiegel für kostbare Objekte und wertvolle Archivalien nicht besonders gut geeignet scheint.

Die Kosten des Museumsneubaus sind das eine, die Frage der Folgenutzung im leer werdenden Gebäude von Melchior Berri, die samt Renovation ebenfalls viel Geld verschlingen wird, das andere. Das Projekt hatte schon unter Morin eine so grosse Dimension erreicht, dass die Renovationspläne für das Historische Museum gestrichen werden mussten.

Der Erneuerungsschub bei den Museen muss von Grund auf überdacht werden.

Hatte Morin Marie-Paule Jungblut 2012 bei ihrem Stellenantritt als Direktorin des Historischen Museums in Basel noch versprochen, dass sie das Haus zum Kirschgarten sanieren dürfe, kam nach einigen Projektstudien schon bald das Njiet aus dem Rathaus. Auch diese Museumsdirektorin, die schliesslich an internen Schwierigkeiten scheitern sollte, wurde mit falschen Versprechen nach Basel gelockt. Fehlmann und Helfenstein sollte es nicht anders ergehen, hat man ihnen doch nichts von den dräuenden Finanzproblemen ihrer Häuser erzählt. Schliesslich kam unter Morin auch noch die Sanierung des Kopfbaus der Kaserne dazu, die nicht direkt zur Museumspolitik gehört, aber doch ein Loch ins Budget reisst und Gelder und Stellenprozente abzieht, die woanders in der Kultur auch dringend gebraucht würden.

Angesichts der Vielzahl der Baustellen in der Basler Museumslandschaft, die Morin seiner Nachfolgerin Ackermann hinterlassen hat und sich als ein Erbe mit mehr Schulden als Guthaben erweisen (das man auch ausschlagen könnte), braucht es heute einen Marschhalt und eine Neujustierung der Zukunftspläne unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Museen. Denn eines ist klar, auch wenn der Umzug des Naturhistorischen Museums beschlossen werden sollte, die Ansprüche der anderen Museen lassen sich nicht mehr kleinreden.

Der Finanzbedarf für den Betrieb der Museen steigt, was wohl zu einer starken Ausweitung des Kulturbudgets führen dürfte, wenn man nicht bei den privaten Museen oder bei Theater oder Orchester sparen will. Denn oft wirkt das Kulturbudget wie ein System der kommunizierenden Röhren: Baut man die alternative Kultur aus, dann fehlt Geld bei der Hochkultur, setzt man auf die Museen, haben die performativen Künste das Nachsehen.

Koordination und Autonomie

Eine Gesamtschau im Sinne einer Strategie, die nicht einfach die bestehenden Pläne fortschreibt, sondern die Probleme und Projekte breit diskutiert und aufeinander abstimmt, wäre dringend geboten. Und weil das Schlamassel, in das die Basler Museen hineingeschlittert sind, zu einem guten Teil auf das Konto der Abteilung Kultur und des sie führenden Regierungsrats geht, sollte auch die Führungsstruktur der Museen überdacht werden.

Dabei werden zwei Varianten favorisiert: Die einen möchten die Museen noch enger an den Staat binden und die Museumsdirektoren, die bis anhin dem Abteilungsleiter Kultur unterstellt waren, einem Superdirektor unterstellen. Diese Lösung verbietet sich aber schon rein dadurch, dass die Abteilung Kultur nicht eben brilliert hat im Bereich der Museumsführung. Marie-Paule Jungblut zum Beispiel hat einen Grossteil ihrer Ausgaben, die schliesslich zu einem Defizit in ihrem Museum geführt haben, mit Unterstützung der Abteilung Kultur gemacht.

Die andern sehen das Heil in einem Mehr an Autonomie, wie beim Theater Basel. Grossrat Claudio Miozzari und Konsorten haben eine entsprechende Interpellation lanciert. Auch das Museum Rietberg in Zürich ist übrigens direkt der Zürcher Stadtpräsidentin unterstellt. Und mancherorts werden Museen als Stiftungen gemanagt. Wenn man bedenkt, dass moderne Museen wie Unternehmen geführt werden, dann macht die Integration in den Staatsapparat, die immer ein Plus an Schwerfälligkeit bedeutet, keinen Sinn. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.12.2017, 12:53 Uhr

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