Paul Klee trifft Pablo Picasso

Gemocht haben sie sich nicht, aber beeindruckt voneinander waren sie wider Willen: Das zeigt das Zentrum Paul Klee in einer überraschenden Schau mit Werken von Pablo Picasso und Paul Klee.

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Paul Klee nannte ihn nur den «Spanier». Pablo Picasso dagegen soll seinem Berner Kollegen den Namen «Blaise Napoléon» umgehängt haben. Mit Napoleon nahm er die straffe Haltung Klees auf die Schippe. Blaise steht für Blaise Pascal, damit zielte Picasso, der sich selbst als kraftgeladenen Mann sah, auf das Vergeistigte in Klee ab. Der sensible Paul und der unbändige Pablo, der reflektierte Denker und der innovative Macher, waren zwei grosse Künstler, wie sie gegensätzlicher nicht sein können, das scheinen auch die Namen zu verdeutlichen, die jeder dem anderen gab.

Distanz und Abwehr haben offenbar auch die beiden persönlichen Begegnungen der grossen Kontrahenten bestimmt. 1933 besuchte Klee Picasso in seinem Pariser Atelier. Über dieses Treffen ist leider nichts mehr bekannt. Vom Berner Kunsthistoriker Bernhard Geiser gut dokumentiert indessen ist ein sehr formell gestalteter Gegenbesuch Picassos bei Klee Ende November 1937. Geiser führte den prominenten Gast zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten in Bern. Beim Essen im Bahnhof-Buffet verweilt der Geniesser Picasso lange beim Wein. Mit Verspätung kommt man zu Klee, der verärgert ist. Picasso betrachtet ausführlich verschiedene Arbeiten Klees, sagt aber nichts. Ob aus Desinteresse oder, im Gegenteil, aus Unlust, dem anderen Anerkennung auszusprechen, bleibt offen.

Auf eine Goldader gestossen?

Diese Angst, dem anderen zu viel Anerkennung und zu viel Einfluss zuzubilligen, die man bei Picasso, dem stolzen Spanier, nur vermuten kann, tritt bei Paul Klee deutlicher zutage. Die Auseinandersetzung mit Picasso, geprägt von Faszination und Abwehr hat in seinem Werk Spuren hinterlassen und floss auch in Äusserungen zur Kunst ein. Das eindeutigste Werk in dieser Hinsicht ist die «Hommage à Picasso» von 1914, ein ovales Gemälde, im Klee-typisch kleinen Format, das den Stil des neuen Kubismus aufgreift.

Kurz zuvor hatte Klee seine ersten Picasso-Bilder beim Berner Sammler Hermann Rupf gesehen: den protokubistischen «Männerkopf» von 1908 und eine flächig aufgelöste Landschaft aus dem gleichen Jahr. Rupf war noch von Jugendtagen her mit Daniel-Henry Kahnweiler befreundet, dem legendär gewordenen Pariser Galeristen, der die Modernen, vor allem die Kubisten gross herausbrachte. Diese erste Begegnung Klees mit dem Werk des um zwei Jahre älteren Picasso muss kräftig bei dem sensiblen jungen Maler aus Bern eingeschlagen sein. Das Bild, das mit dem kubistischen Prinzip der Auflösung von Flächen und Formzusammenhängen spielt, ist die einzige einem anderen Künstler gewidmete Arbeit, die sich in Klees Œuvre findet.

Für Christine Hopfengart ist die «Hommage à Picasso» ein Schlüsselwerk. Die Kuratorin am Zentrum Paul Klee liess sich von dem Werk zu einer intensiven Recherche anregen, in der sie der künstlerischen Beziehung der beiden Künstler zueinander nachging. Die Ergebnisse ihrer Forschung fasst sie in der Ausstellung «Klee trifft Picasso» zusammen.

Juri Steiner, Direktor des Zentrums Paul Klee, verkündet euphorisch, Christine Hopfengart sei bei ihren Recherchen auf eine Goldader gestossen. Das klingt stark nach Gewinnstreben. Schon will sich die Befürchtung einstellen, die Ausstellung sei ein konstruierter Versuch, erfolgreichen Kombi-Schauen wie Picasso und Matisse oder Picasso und Bacon jetzt noch die Berner Variante hinzuzufügen. Doch ebenso leicht zerstreut die profund und doch angenehm leicht eingerichtete Ausstellung alle Bedenken wieder.

Überzeugend erscheinen die Antipoden Picasso und Klee, der mediterrane Kraftprotz und der spirituelle Denker, als Kinder des gleichen Zeitgeistes. Beide bekannt, erfolgreich, berühmt, kamen sie kaum umhin, vom jeweils anderen Kenntnis zu erhalten durch Ausstellungen, Zeitungsartikel, gemeinsame Kontakte. Ein dokumentarischer Teil, der gleichsam das Rückgrat der Schau bildet, führt mit Texten und Fotografien in diese Zeitgenossenschaft ein.

Künstlerische Zwillinge

Darum herum gruppiert, bietet die Schau zahlreiche Beispiel dafür, wie Klee und Picasso, die beiden individualistischen Talente, aus dem Geist der gleichen Zeit schufen und sich dabei – mal mehr, mal weniger deutlich – gegenseitig beeinflussten. Der junge Klee zeigt sich nicht nur in der «Hommage à Picasso» beeindruckt von den in Facetten aufgelösten Bildgründen des Kubismus, die er in der Bauhaus-Zeit für sich weiterentwickelt. In einem Artikel in der Zeitschrift «Die Alpen» preist Klee den Kubismus als Kunstrichtung der Zukunft. In den 30er-Jahren arbeiten beide Künstler mit deformierten Figuren.

Kuratorin Hopfengart geht davon aus, dass Picasso sich von den ironisch-karikaturhaften Fratzen in Klees Werk beeinflussen liess. Klee hingegen besorgte sich 1932 nach dem Besuch der Picasso-Retrospektive im Kunsthaus Zürich eine lebensgrosse Puppe, die ihm Aktmodell wurde, und öffnete sich damit ein bisher fremdes Thema. Die gegensätzlichen Kunststars wirken zuweilen fast wie künstlerische Zwillinge, die sich nur durch extreme Temperamente voneinander unterscheiden.

Wein, Weib und Wiederkäuer

Klee scheint allerdings der Beeinflussbarere der beiden Kunst-Giganten gewesen zu sein, der mehr vom anderen übernommen und sich stärker gegen das ungeliebte Vorbild wehren musste. Amüsant und psychologisch erhellend sind einige Zeichnungen, die Klee nach Picassos Besuch in Bern fertigte und die deutlich als Parodien auf den Konkurrenten erkennbar sind.

Der vitale Picasso sah sich selbst gern als viriler Stier, als Minotaurus. Oft hat er dieses Sagentier gestaltet, gern mit Wein und Weib garniert, wie in der «Bacchantenszene mit Minotaurus» von 1933. Bei Klee wird aus dem gewaltigen Stier ein «Urchs», ein friedliches Wesen, eher schwerfällig als temperamentvoll, das genügsam wiederkäut – und bei dem Heldengesten immer nur lächerlich wirken.

Der Wunsch nach Distanz zum anderen, die aus diesen Karikaturen spricht, ist so deutlich, dass viele Kunsthistoriker lange Zeit glaubten, auch die deutlich früher entstandene «Hommage» könne nur ironisch gemeint sein. Unter der äusseren Malschicht, so wurde kolportiert, verstecke sich ein grober, burlesker Kopf. Christine Hopfengart ging diesem Gerücht nach und liess das Bild röntgen. Die schöne Theorie von der gut versteckten Karikatur ist damit widerlegt. Die Kunstwelt ist um eine hübsche Anekdote ärmer.

Natürlich steckt hinter dieser spektakulären Paarbildung auch die Hoffnung, mehr Publikum ins Zentrum Paul Klee zu ziehen. Seit der Eröffnung 2005 gehen die Besucherzahlen kontinuierlich zurück. Mit der Klee-Picasso-Schau soll das fünfjährige Bestehen des Zentrums gefeiert werden. Der grosse Name Picasso und diverse Jubiläumsveranstaltungen sollen Publikum locken. So wurde die Ausstellung auch, wie Direktor Juri Steiner sagt, «nach dem Biorhythmus des Zentrums Paul Klee» in der Sommer-Reisezeit eingerichtet. Das Publikum wird möglicherweise die berühmten und grossformatigen Picasso-Bilder vermissen, mit denen finanzkräftigere Häuser ihre Besucher ködern können. Der Qualität der sehr schlüssigen Schau steht dies indes nicht entgegen. (Der Bund)

Erstellt: 04.06.2010, 12:01 Uhr

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