Teelichter und andere Täuschungen

Wer sucht, erfindet: Mit zwei Dutzend Werken umkreist die Hauptausstellung des Basler Medienkunst-Festivals Shift das Thema «Lost & Found» – und wird dabei politisch. Baz.ch präsentiert ausgewählte Werke in Videoform.

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Lustig blinken die orangen Quadrate auf der Lichtbox aus 25 identischen Feldern. Kein Zweifel, im «Random Screen» von Aram Bartholl führt der Zufall Regie. Der Blick ins Innere aber fördert Erstaunliches zutage: Hier gibt es weder Kabel noch LED-Lämpchen. Sondern 25 Teelichter, deren aufsteigende Wärme ein kleines Gehäuse zum Drehen bringt, was das Blinken suggeriert – zu sehen auch im ersten Video der obigen Film-Galerie.

Die von Raffael Dörig konzipierte Shift-Ausstellung beginnt mit dieser schönen Überraschung, und es ist nicht das einzige Werk, das der Medienkunst (selbst-)kritisch ins Gehäuse blickt. Den Kabelsalat gibt es auch, gleich nebenan, wo die Lötkolben von Flo Kaufmann noch heiss sind: Ausgehend von einem Videosynthesizer, mit dem schon 1973 Bilder verfremdet wurden, hat er ein monströses Bildermischpult konstruiert, dessen unzählige Knöpfe und Stecker für den Profi selbst heute noch genug Geheimnisse bergen (viertes Video).

Wo spielt die digitale Musik?

Hier findet der Kontakt mit dem nationalen Forschungsprojekt «AktiveArchive» zur Erhaltung von Medienkunst statt. Es bleibt die einzige Schnittstelle: Von 105 Medienkunstwerken, die der Bund seit 2003 gefördert hat, ist in der vom Bund geförderten Ausstellung nicht eines vertreten. Internationaler Fokus und sechs Positionen aus Berlin in Ehren – wo spielt die digitale Musik?

Aber zurück ins analoge Glück. Da es um Retro und Recycling geht, ist der Unterhaltungswert gross. Etwa beim 3-D-Modell einer Teekanne (Niklas Roy), das in einem Uralt-Monitor kreist: Es entpuppt sich als reales Drahtgitterobjekt, das im ausgeweideten Gehäuse hängt. Amüsant auch die Zukunftsvisionen aus der Science-Fiction-Welt, die Marie Velardi auf einer Zeittafel angeordnet hat. «Hirntransplantation kommt in Mode», lautet eine Prognose von 1986 für 2010. Ein Irrtum, zum Glück, und auch zum Jupiter ist gerade niemand unterwegs.

Finger auf die Wunden

Nicht alles ist technisch verspielt wie die gehackten Nintendo-Konsolen von Gijs Gieskes oder Harold Schellinxs gefundene Musikkasetten (siehe Videos). Besonders die Videos haben eher Documenta-Charakter: Weltkunst, die den Finger nicht auf Knöpfe, sondern auf Wunden legt. Liu Wei (Peking) etwa hat am 6. Jahrestag des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens Passanten nach der Bedeutung des Datums gefragt – und viel Schweigen geerntet. Armin Linke (Berlin) besucht stillgelegte Reaktoren, wo das Personal die Geräte überwacht – und wählte für die unspektakulären Bilder unpassenderweise die 3-D-Technik.

Helene Sommer (Oslo) collagiert 15 bulgarische Kinofilme, die alle im Bergdorf Kovatchevitsa gedreht wurden – eine heile Welt auf Bulgarisch. Und das Critical Art Ensemble zeigt mit TV-Bildern, wie die Regierung die Notwendigkeit biologischer Waffen geschickt belegt. Die US-Künstlergruppe selbst, die einige Experimente nachstellt, wurde 2004 wegen Verdachts auf Bioterrorismus angeklagt.

So geht es bei «Lost & Found» auch um Verdrängen, Erinnern, Manipulation. Am besten gelingt wohl Julius von Bismarck der Spagat zwischen Technik- und Kulturhistorie: Er projiziert bewegte Bilder auf eine präparierte Wand, die wie ein Fotopapier belichtet wird: Flüchtige Spuren einer vergangenen Zeit, die langsam wieder verblassen und nach einer Stunde verschwunden sind (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.10.2010, 13:27 Uhr

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Die Shift als Live Stream

Baz.ch überträgt in Kooperation mit Shift und livebeats.com folgende Veranstaltungen live:

Fr 21h: Konzert Gijs Gieskes (NL)
Fr 21.30h: Konzert Bruno Spoerris Electric Risk feat. OY & Flo Götte (CH)
Fr 23h: Scout Klas (S) und Consor (CH): Kopfhörerkonzerte

Sa 16.30h: Talk livebeats.com
Sa 18h: monochrom Gala mit Johannes Grenzfurtner, monochrom (A)
Sa 19.30h: Vortrag Bruno Spoerri

Das Programm von Shift 2010 umfasst Ausstellung, Konzerte und DJ-Sets, Kopfhörerkonzerte, Film-, Video- und Vorträge, die Shift Talks, Projekte von Kunsthochschulen und die Retro Game Lounge sowie Shift Workshops und ein Zusatz-Angebot im Schaulager. Fr bis So 11–24 Uhr. Detailprogramm unter > www.shiftfestival.ch

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