Viecher mit exzellentem Körpergefühl

Eine Berner Ausstellung widmet sich Paul Klees Tierzeichnungen. Diese sind drollig und verspielt.

Hat offensichtlich noch was vor: Paul Klees «Unternehmendes Tier» von 1940.

Hat offensichtlich noch was vor: Paul Klees «Unternehmendes Tier» von 1940. Bild: Paul Klee Zentrum

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Die Ähnlichkeit ist beabsichtigt. Die Informationstafeln erinnern nicht von ungefähr an jene im Berner Tierpark. Die verschiedenen Abteilungen der Ausstellung im Untergeschoss des Zentrums Paul Klee lassen sich demnach auch als Gehege eines Zoos verstehen, durch die man spazieren kann. Es ist aber kein konventioneller Zoo, bewahre.

Es wimmelt in diesem Reich der Tiere von komischen Kreaturen, Mischwesen zwischen Mensch und Tier, es hat «Urchse», drollige Geschöpfe, deren Namen eine Kombination von «Ochse» und des ausgestorbenen «Ur» sind. Erstmals überhaupt widmet sich nun eine Ausstellung ausschliesslich Klees fantastischem Tiergarten.

Vorläufer von Barbapapa

Man trifft auf seltsame Tiere, die Noah vergessen hat, auf die Arche mitzunehmen: etwa einen «Halb-Löwen-Affen» oder «Erd-Luft-Amphibien». Überhaupt wimmelt es von Zwittern, mythologischen Sphynxen, hybriden Geschöpfen wie dem «Doppelschwanz-Dreiohr» und «Bastarden» – wie das gleichnamige Bild aus dem Jahr 1939, in dem eine Art Kreuzung aus Pferd und Nashorn dem Betrachter vergnügt sein Hinterteil entgegenhält und ein rundum positives Körpergefühl ausstrahlt.

In «Der Torso und die Seinen» räkeln sich amöbenartige Wesen vor einem Vollmond und wirken wie Vorläufer von Barbapapa und Konsorten. Es gibt Gestalten, gezeichnet mit energischem Strich, bei denen Metamorphosen abzulaufen scheinen vom Tierischen hin zum Menschlichen oder umgekehrt. Mitunter stösst man auch auf ausgestopfte Vögel, auf Muscheln und Schneckenhäuser in Vitrinen, auf Fischskelette. Und ziemlich genau im Zentrum dieser Schau leuchtet ein Aquarium. Obwohl es keine fotografischen Beweise gibt, ist es verbürgt: Im Atelier des Dessauer Bauhauses hatte Paul Klee eine Zeit lang ein Aquarium. Besucher berichten, dass er es gerne vorführte und mit den Fischen Verstecken spielte. Wobei man sich fragen kann: Wer hier mit wem spielte – das Tier mit dem Menschen oder der Mensch mit dem Tier.

Als präziser Beobachter entdeckte Klee im Menschen oft das Tier, im Tier dagegen das Menschliche. Er liebte es, traditionelle Rollen umzukehren. In zahlreichen seiner Werke «vertieren» Menschen, während Tiere menschliche Züge aufweisen.

Und er war ein Katzennarr. In über 250 meist verschwommenen Fotografien versuchte er, seine Lieblingstiere zu verewigen. In Briefen an seine Frau Lily liess er seinen Katzen Fritzi und Bimbo regelmässig «Pfotendruck und kaltnasse Nasenküsse» ausrichten. Er zeichnete sie auch, die Katzen, und landete oft wieder bei Mischwesen, etwa dem «Katzinchen».

Die Ausstellung «Paul Klee. Tierisches» versammelt rund 130 Werke, von denen etliche erstmals gezeigt werden. Leihgaben aus dem Naturhistorischen Museum ermöglichen zudem das unmittelbare Studium auf den Spuren des Künstlers. Tiere bilden einen roten Faden, der sich durch Klees Werk zieht, aber bislang selten als zentrales Motiv gewürdigt wurden. Tiere haben ihn lebenslang interessiert, bereits als Schüler im Gymnasium zeichnete er Tiere und bildete detailgenau Vögel und wirbellose Tiere ab, vertiefte sich in deren Anatomie; später, während seiner Münchner Zeit, betrieb er akkurate Studien von Vogelkrallen.

Indirekte Kommentare

Die Unterwasserwelt mit ihrer Farben- und-Formen-Vielfalt übte eine anhaltende Faszination auf ihn aus – ebenso die Vögel, die als Herren der Lüfte eine bedeutende Rolle in Klees Werk spielen. Nicht zuletzt, weil Vögel und Fische im Unterschied zum Menschen nicht an die Schwerkraft der Erde gebunden sind und sich in Luft und Wasser frei bewegen können. Auffallend ist die Fülle der Tierdarstellungen aus den beiden letzten Lebensjahren. 1939, im Jahr vor seinem Tod, erreichte seine künstlerische Produktivität trotz seines sich verschlechternden Gesundheitszustands mit 1235 Werken einen Höhepunkt. Viele Tierbilder aus dieser letzten Lebensund Schaffensphase strotzen nur so vor Fabulierlust und können – als Tierfabeln oder politische Parodien – teils auch als indirekter Kommentar des «entarteten Künstlers» Klee auf Deutschlands Politik verstanden werden.

Die gefährliche animalische Natur, sie ist etwa präsent in den komischen Zweikämpfen zwischen Mensch und Tier aus dem Jahr 1939; man fragt sich dabei, wer von beiden die Oberhand behält? Bereits 1933 hatte Klee nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit einer Reihe von bizarren Dressurakten reagiert, in denen das Zirkushafte auf Kosten einer gewaltsamen Abrichtung in den Hintergrund gedrängt wird.

Zentrum Paul Klee Bern, bis 17. März 2019.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 12:51 Uhr

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