Wer die Welt hackt, dem gehört sie

Kein Spiel hat die Gamergemeinschaft 2014 sehnlicher erwartet als «Watch Dogs», heute ist es erschienen. Es zeigt einen neuen Helden der digitalen Ära.

Im Game-Shop: Ein Digital- und ein Kulturredaktor testen «Watch Dogs».
Video: Melanie Finschi, Lea Koch

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Ob Software, Account oder Passwort: Ein versierter Hacker kommt an alles ran, niemand ist vor ihm sicher. Das zeigte sich jüngst wieder, als wegen des Heartbleed-Bugs Millionen Computer für fremde Zugriffe offen standen.

Diese bedrohliche, immanente Verletzlichkeit des Internets prägt die Atmosphäre von «Watch Dogs», die digitale Manipulation ist das Spielprinzip des Games. Heute haben die französischen Entwickler von Ubisoft das 70 Millionen Franken teure Prestigeprojekt nach fünf Jahren Programmierarbeit und etlichen Verzögerungen endlich veröffentlicht; kein Spiel wurde von der Gamer-Gemeinschaft sehnlicher erwartet.

Im Zentrum steht der Hacker Aiden Pearce, ein sogenannter Grey-Hat-Hacker, der seine Ideale und Ziele übers Gesetz stellt. Pearce, ein Sonderling mit schmuddligem Trenchcoat, Baseballmütze und grober Visage, hackt alles Mögliche: Er kann Ampeln auf Grün stellen und den Strom ausknipsen, von Handys Daten klauen und sich per E-Banking-Betrug bereichern. Der Nutzer verbringt viel Zeit damit, als Pearce unter Druck neue Hacks zu planen und einzuleiten, er erlebt eine neue Digitalität im virtuellen Raum – eine eigentümliche und für den Spieler auch ziemlich stressige Erfahrung. «Watch Dogs» erfordert denn auch neben einem hochgerüsteten Spielgerät (die Systemanforderungen lassen jeden durchschnittlichen Rechner kollabieren) eine beachtliche Fingerfertigkeit.

Snowden und NSA-Agent zugleich

Das Kultobjekt unserer Tage, das Smartphone, ist Pearce’ wichtigstes Gerät, weit wichtiger als jede Schusswaffe und jedes Sportauto. Es dient ihm als Medium. Mit ihm manipuliert er Mitmenschen und Umgebung, mit ihm switcht er zwischen virtueller und physischer Realität. Letztere erinnert stark an die abgewrackte Welt des US-Thrillers «Drive» von Nicolas Winding Refn: Zu düsterem Elektro-Sound fährt Pearce an verlassenen Wellblechhütten und seelenlosen Glastürmen der Hochfinanz vorbei; die Schere zwischen Arm und Reich des postindustriellen Amerikas klafft unübersehbar. Vorlage der weitläufigen Open-World-Umgebung, in der sich der Spieler frei bewegen kann, war ein Chicago der nicht allzu fernen Zukunft.

Der Hacker bedient sich der Apparatur eines Überwachungsstaats, der nicht bloss die Vorstrafen und Steuerschulden, sondern auch die Krankheiten oder die sexuellen Vorlieben seiner Bürger registriert. Pearce ist ein durchaus zwiespältiger Charakter, ein wenig Edward Snowden und NSA-Agent zugleich. Er weiss immer mehr, als er für seine Missionen eigentlich zu wissen brauchte, scannt sich durch komplette Häuserblöcke, bis er seinen Gegner identifiziert hat. Pearce nimmt Kollateralschäden in Kauf: Seit seine Nichte von einem Gangster-Syndikat ermordet wurde, wird er von Rachegefühlen getrieben. Er stiehlt Autos, tötet Polizisten. So ganz sicher ist sich der Spieler nie, ob er nun tatsächlich einem guten Zweck dient, ob er letztlich nicht selber der Manipulierte ist.

Überwindung des Nerds

Mit «Watch Dogs» erfolgt die Erhebung des Hackers in den Olymp der Actionhelden, die Kreation eines Batmans mit Smartphone, die Kombination von Muskelkraft und Kodierkunst. Anfänglich war der Hacker ja ein pickeliger Pixelfreund, der sich als Anonymus in einer dunklen Klause vergrub, umlagert von Pizzaschachteln und Computerspielen.

In «War Games» etwa, dem prototypischen Hackerfilm von 1983, verhindert ein schwind- und spielsüchtiger Teenager den Atomkrieg, indem er von zu Hause aus mit einer Dooms-Day-Maschine «Drei-gewinnt» zockt. Ab den 1990ern gehört der eifrig programmierende Nerd zu jedem Team von Weltenrettern, ob in «Independence Day» oder in «Mission Impossible». Kaum zufällig trat 1999, als das Internet massenkompatibel geworden war, in «Matrix» der erste Hacker auf, der sich allmählich die Fähigkeiten eines traditionellen Actionhelden aneignet (Keanu Reeves als Neo).

Die Muskeln als blosse Zier

«Watch Dogs» erscheint nun als logischer nächster popkultureller Evolutionsschritt. Von Anfang an ist der Hacker hier die mächtigste aller Figuren, dank digitaler Kenntnisse hat er seinen Körper um mächtige Prothesen erweitert: Die gehackte Überwachungskamera ist sein neues Auge, ein blitzartig aktivierter Poller seine eiserne Faust. Fast scheint es, als sei Aiden Pearce’ muskelbepackter Torso blosse Zier.

Zweifellos, es gibt für die zeitgenössischen Helden kein Zurück mehr, die digitale Revolution hat auch sie mit Wucht erfasst: Selbst ein James Bond wird künftig rasend sein Smartphone betippen müssen wie ein Schulmädchen, das sich eben verliebt hat. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2014, 09:13 Uhr

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