Akte Raubkunst ungeprüft

Der Basler alt Regierungsrat Eymann verantwortet eine Schein-Untersuchung zur Glaser-Sammlung im Kunstmuseum.

Dreiste Teamarbeit. Bei Kulturchef Michael Koechlin (links) und seinem Chef Christoph Eymann (rechts) sind jüdische Erben im Jahr 2008 aufgelaufen.

Dreiste Teamarbeit. Bei Kulturchef Michael Koechlin (links) und seinem Chef Christoph Eymann (rechts) sind jüdische Erben im Jahr 2008 aufgelaufen.

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Alt Regierungsrat Christoph Eymann und sein damaliger Kulturchef Michael Koechlin (beide LDP) haben 2008 die Öffentlichkeit bezüglich mutmasslichen Nazi-Raubguts im Basler Kunstmuseum grundlegend falsch informiert. Eine «umfassende und sorgfältige Abklärung» des 1933 getätigten Erwerbs von 120 Werken aus der Sammlung des renommierten jüdischen deutschen Intellektuellen Curt Glaser hat entgegen der offiziellen Medienmitteilung der Basler Regierung nicht stattgefunden. Recherchen belegen schwarz auf weiss, dass nicht bloss einzelne Dokumente womöglich nicht berücksichtigt wurden, sondern dass 2008 überhaupt keine «Analyse und objektive Einschätzung der Geschichte» erfolgt ist.

Eymann und Koechlin haben nicht bloss die Untersuchung sozusagen inszeniert und damit die Allgemeinheit fehlinformiert. Es bestehen ferner Anzeichen dafür, dass die beiden noch aktiven Politiker (Eymann im Nationalrat, Koechlin als Fraktionschef der LDP im Grossen Rat) ihnen nicht genehme Dokumente 2008 der Öffentlichkeit vorenthalten haben. Obwohl frühzeitig und umfassend über die Recherchen informiert, verweigern die beiden sowie der damals aufgebotene Anwalt Peter Mosimann eine konkrete Stellungnahme zu den Vorwürfen: Die offizielle Regierungsmitteilung von 2008 sei korrekt, heisst es, obwohl diese Behauptung schlicht nicht haltbar ist.

Die Vorgeschichte: 2004 stellten die Glaser-Erben in Basel ein Rückgabegesuch für die Werke berühmter Maler wie etwa Edvard Munch. Glaser gilt als eines der ersten Opfer nationalsozialistischer Politik. Der Direktor der Berliner Kunstbibliothek wurde entlassen, seine Wohnung konfisziert, und Glaser verkaufte, um seine Flucht zu finanzieren, am 19. Mai 1933 besagte Werke bei einer Auktion in Berlin an das Basler Kunstmuseum. Die Basler Regierung wies 2008 den Anspruch der Erben «aufgrund der umfassenden Abklärungen» zurück: Man habe die Werke gutgläubig erworben, wusste also nicht, dass es um die Glaser-Sammlung ging, man habe marktübliche Preise bezahlt und habe keinerlei Anlass gehabt, anzunehmen, dass hinter dem Verkauf die Verfolgung der Juden durch die Nazis stehen könnte. Den Glaser-Erben habe man «vorbehaltlos Auskunft gegeben».

Verfolgung ist amtlich anerkannt

Kürzlich hat die Sendung «Rundschau» vom SRF ein Protokoll der Basler Kunstkommission vom 8. 6. 1933 veröffentlicht, das belegt, dass die Basler von Glaser wussten und die Werke «zu billigen Preisen» erworben haben. Eymann, Koechlin und Mosimann haben sich bis heute nicht zu diesem Protokoll geäussert. Man könnte ihnen zugutehalten, dass sie dieses Dokument nicht kannten und die fehlerhafte, «sehr sorgfältig vorgenommene» Untersuchung 2008 im guten Glauben durchgeführt haben – doch diese Annahme ist nicht plausibel, wie folgende Ausführungen zeigen.

Die Kunstkommission, die für Ankäufe zuständig ist und über wichtige Unterlagen verfügt, wurde von Eymanns Erziehungsdepartement (das damals für die Museen zuständig war) über das Rückgabegesuch zwar orientiert, aber nicht miteinbezogen. In deren Archiv im Kunstmuseum jedoch wären nebst dem obengenannten Protokoll auch weitere Unterlagen zu finden, welche der offiziellen Regierungsverlautbarung widersprechen. Neben dem Auktionskatalog von Berlin 1933 und der Eingangsbestätigung der Werke in Basel liegt dort ein weiteres bisher unbekanntes Protokoll der Kunstkommission vom 16. Mai 1933. Die Kommission erteilt darin dem damaligen Direktor des Museums, Otto Fischer, die Erlaubnis, nach Berlin zu reisen: «Die Kommission ist damit einverstanden, dass der Konservator auf der Auktion die Handzeichnungen und Graphik aus der Sammlung Glaser (…) günstige Erwerbungen zu machen sucht.»

Keine Stelle, keine Wohnung und keine Zukunft

Dass die Basler hier die Chance witterten, eine Notlage Glasers auszunutzen, hätten die mit der Prüfung betrauten Koechlin und Mosimann in Zeitungsartikeln von 1933 nachlesen können. Die Basler Nachrichten vom 9. Mai 1933 berichteten beispielsweise in einem grossen Artikel über «Das Regime des Dritten Reichs – die Auslegung des neuen Beamtengesetzes» über Glaser. Das neue Gesetz hatte das Ziel, die Verwaltung von Juden und Andersdenkenden zu säubern. Im Artikel wurden auch die Leidtragenden dieses Gesetzes genannt – als Erstes wird Curt Glaser erwähnt, der aus dem Staatsdienst entlassen und dessen Wohnung von der Gestapo übernommen wurde. Glaser hatte keine Stelle, keine Wohnung und keine Zukunft mehr in Deutschland. Solche alten Zeitungen wären im Staatsarchiv, bei der Unibibliothek oder bei der BaZ einsehbar gewesen.

Die Regierung behauptet auch, dass Glaser seine Sammlung freiwillig veräussert habe. Hätten die Basler Behörden die Kollegen in Berlin angefragt oder die Erben, sie wären auf Dokumente des Entschädigungsamts Berlin vom Oktober 1959 und vom Dezember 1963 gestossen: Darin wird Glaser amtlich als «Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung» bestätigt und der «Schaden im beruflichen Fortkommen» (1959) sowie der «Schaden an Eigentum und Vermögen» (1963) anerkannt.

Zudem wären seit 1962 und 1963 diverse eidesstattliche Erklärungen vorgelegen. Elly Glaser, Curt Glasers Schwägerin, erwähnt unter anderem besagte Auktion 1933 in Berlin: «In der damaligen Zeit verliessen zahlreiche deutsche wohlhabende Nicht-Arier mehr oder weniger fluchtartig Deutschland und so kam es, dass man bei den Auktionen die wertvollsten Sachen nur zu einem minimalen Preis verwerten konnte.» Curt Glaser habe ihr gegenüber gesagt, dass die Aktion «einem Totalverlust sehr nahe kam». Für Eymann waren die Preise damals hingegen «marktkonform».

Und Glasers zweite Frau Maria spricht über den Entscheid, Berlin zu verlassen, die Flucht in die Schweiz und über die «vollständige Verschleuderung» der wertvollen Bibliothek und der «graphischen Sammlung von ungewöhnlichem Werte». Sie hält fest: «Es ist mir in Erinnerung, dass mein Mann mir wiederholt sagte, sein Verlust durch die Verschleuderung der Werte sei weit mehr als RM 100'000 gewesen», heisst es in der eidesstattlichen Erklärung.

Bergier-Bericht nicht angeschaut

Anwalt Mosimann schätzte das Rückgabegesuch der Erben juristisch ein: Sein Argument, dass die Werke in gutem Glauben erworben wurden, ist angesichts der Faktenlage kaum noch haltbar. Er unterscheidet zudem zwischen Raubkunst und Fluchtkunst und tut so, als wären das juristisch bindende Begriffe, wonach Fluchtkunst nicht zurückgegeben werden müsse. Ein Gesetz dazu gibt es jedoch nicht. Die im Umgang mit Raubkunst massgeblichen Washingtoner Prinzipien, zu denen sich auch die Schweiz bekennt, sind nicht bindend, aber fordern «faire und gerechte Lösungen».

Mosimanns Begriff von Fluchtkunst wurde erstmals im sogenannten Bergier-Bericht, der im Auftrag des Bundes die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg beleuchtete, erwähnt, ist dort aber lediglich ein Begriff zur präzisen Bezeichnung und wurde erst später von Rechtsgelehrten wie Mosimann juristisch umgedeutet, um Rückforderungen juristisch verkleidet zurückzuweisen.

Den Bergier-Bericht hingegen, eine der wichtigsten Studien zum Umgang der Schweiz mit Nazideutschland, wurde wohl ebenfalls nicht konsultiert. Im Kapitel zu Raubgut, an dem der emeritierte Basler Historiker Georg Kreis mitgearbeitet hatte, wird Raubkunst wie folgt definiert: «Mit Raubgut sind Kulturgüter aus jüdischem Eigentum gemeint, die entweder im Reich beschlagnahmt wurden oder von den Eigentümern noch in Deutschland veräussert werden mussten, zum Beispiel an einer Auktion oder freihändig.» Diese Definition trifft auf Glaser zu. Sein Fall wird in der Studie aufgeführt. Kreis und seine Mitarbeiter halten fest, dass verfolgungsbedingte Veräusserung von Kunstwerken, also Fluchtkunst, ab 1933 die erste «Entzugsphase» zur «völligen Auflösung der deutsch-jüdischen Sammlungen» war. Auch zeigt der Bericht, dass die Verfolgten ihre Sammlungen «nicht freiwillig veräusserten». Schweizer Händler und Sammler nutzten diese Phase bereits kräftig aus: «Auch der Basler Museumsdirektor Otto Fischer kaufte eigenhändig oder über Mittelsmänner zwischen 1933 und 1937 vor Ort Grafiken ein», heisst es im Bericht weiter.

Eymann und Koechlin schweigen

Was die angeblich «marktkonformen» Zahlungen angeht, hält der Bergier-Bericht fest, dass die Preise von den Käufern bestimmt wurden und nicht von «der Verfolgung ausgesetzten Seite». «Der Handel mit dem in mehrfacher Hinsicht fragwürdigen Kunstgut war ein wesentlicher und weitgehend als unproblematisch empfundener Teil des normalen Kunsthandels», schreiben die Historiker. Es liessen sich an dieser Stelle noch unzählige weitere für den Fall Glaser relevante Stellen zitieren. Angesichts dieser Fakten stellt sich die Frage, ob 2008 überhaupt eine Prüfung stattgefunden hat? Beim heute zuständigen Präsidialdepartement (PD) und bei der Staatskanzlei gibt man sich auf die Bitte der BaZ, das Gutachten respektive den allfälligen Untersuchungsbericht herauszugeben, begriffsstutzig: Man könne Vorlagen an die Regierung nicht offenlegen, heisst immer wieder, obwohl wir um die Unterlagen zu Koechlins und Mosimanns Prüfung baten. Schliesslich hiess es, dass keine Dokumente herausgegeben werden. Auf die Frage, ob das PD immerhin die Existenz eines solchen Berichts bestätigen könne, entgegnete Sprecherin Melanie Imhof, dass sie dies nicht könne, weil man nicht wisse, wo dieser sei. Die Glaser-Erben und ihre Anwälte bestätigen auf Anfrage, 2008 keinen Untersuchungsbericht erhalten zu haben – Eymann, Koechlin und Mosimann sagen nichts dazu.

Zwei Jahre nach der umfassenden Fehlinformation der Öffentlichkeit durch die Basler Behörden erhält das Bundesamt für Kultur (BAK) am 18. Februar 2010 Post von Mosimann, wie der heutige Präsident der Kunstkommission, Felix Uhlmann, bestätigt. Die Umstände, wie es zu dieser Zusendung kam, konnten bis jetzt nicht geklärt werden, doch die Sendung enthielt Brisantes: Darin befand sich unter anderem jenes Protokoll der Kunstkommission vom 1933, das der offiziellen Verlautbarung der Basler Regierung widerspricht. Daraus ergeben sich zwei offene Fragen: Wieso hat die Regierung 2010 ihren Entscheid von 2008 nicht revidiert? Oder waren Eymann, Koechlin und Mosimann vor 2008 im Besitz dieser Unterlagen und haben sie diese für sie nicht genehmen Dokumente beiseitegeschoben? Die drei Herren schweigen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.01.2018, 23:06 Uhr

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