«Art Basel bleibt die Königin der Kunstmessen»

Seit zehn Jahren leitet Marc Spiegler die Art Basel, die er erfolgreich ausgebaut und professionalisiert hat.

Innovativer Messechef. Der in England geborene Marc Spiegler (49) gehört zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der internationalen Kunstszene.

Innovativer Messechef. Der in England geborene Marc Spiegler (49) gehört zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der internationalen Kunstszene. Bild: Lucian Hunziker

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BaZ: Marc Spiegler, Sie leiten seit zehn Jahren die Art Basel. Wie hat sich die Messe in dieser Zeit verändert?
Die Art Basel hat sich in dieser Zeit sehr stark verändert und ist zu einer grossen Organisation geworden. Als ich begonnen habe, damals als Co-Direktor, gab es die Art Basel und die Art Basel in Miami Beach als noch junge Messe. 2007 war Sam Kellers letzte Messe und erst die sechste Messe dort. So alt ist jetzt die Art Basel in Hongkong. Das haben wir damals alles mit einem relativ kleinen Team gemacht. Wir waren nicht einmal 25 Leute, alle auf einem Stock im Messeturm. Zehn Jahre später haben wir drei Messen, Art Basel Cities, die jetzt im Herbst erstmals in Buenos Aires lanciert wurde, und weitere Projekte wie die BMW Art Journey, unser Crowdfunding-Projekt und «The Art Basel and UBS Global Art Market Report».

Und was hat sich bei der Digitalisierung und den sozialen Medien verändert?
Als ich zur Art Basel kam, hatten wir – wie viele in dieser Zeit – einfach eine normale Website zur Messe mit den wichtigsten Informationen. Es gab auch eine Kooperation mit Artnet, wo rund um die Messe einige Fotos zu sehen waren. Jetzt haben wir tonnenweise historische Inhalte auf unserer Website mit fast 30 000 Kunstwerken und Hunderten Stunden Videos von unserem Talks-Programm, das an allen unseren Messen stattfindet. Und wir haben eine starke Präsenz in den sozialen Medien. Im Jahr haben wir insgesamt etwa 250 000 Messebesucher. Die ganze Gemeinschaft rund um die Art Basel in den sozialen Medien ist zehnmal so gross.

Wie hat sich die Messe im Verlauf der Jahre entwickelt?
In den ersten 25 Jahren war die Art Basel vor allem eine Verkaufsplattform. Fast alles spielte sich in den Hallen ab. Getroffen haben sich da Leute, die in erster Linie Kunst verkaufen oder kaufen wollten. In den Neunzigerjahren und vor allem mit der Lancierung der Art Basel in Miami Beach ist die Messe zu einem Event geworden, das eine ganze Stadt erfasst in Basel sowie in Miami Beach und Hongkong. Seither kommen auch Künstler, Kuratoren und Museumsdirektoren an die Art Basel, weil sie sehen wollen, was in der Kunstwelt vor sich geht und um neue Kunst zu entdecken. Damit ist die Bedeutung der Art Basel grösser geworden. Die zeitgenössische Kunst hat heute im Kulturleben einen viel grösseren Stellenwert als noch vor Jahren und diesen Bereich bildet die Art Basel wie keine andere Plattform ab. Es kommen jetzt nicht mehr nur Kunstinteressierte an die Art Basel, sondern Menschen, die generell an Kultur interessiert sind. Die Art Basel ist zu einer Plattform geworden nicht bloss für Kunstschaffende, sondern für die gesamte «Creative Class».

Wie hat sich diese Entwicklung auf die Messeorganisation ausgewirkt?
Das Team mit früher 25 Leuten ist hier in Basel auf fast 60 angewachsen. Mehr als 25 arbeiten in Hongkong und weitere 10 in New York. Wir sind heute inzwischen fast 100 Personen. Das bedingt natürlich eine andere Organisation. Wir sind viel internationaler. Wir haben viele Schweizer, auch viele aus Basel, aber eben auch Leute aus ganz Europa, den USA und Asien. Die meisten haben, bevor sie zu uns kamen, bereits viele Erfahrungen in anderen Unternehmen und Kunstinstitutionen gesammelt.

Als die Messe in Miami lanciert wurde, gab es in Basel Bedenken, dadurch würde die Messe in Basel geschwächt. Welche Bedeutung hat die originale Art Basel unter den drei Kunstmessen?
Es war von Anfang an die Idee, durch die Art Basel in Miami Beach mehr Galerien, Sammler und Kuratoren aus Nord- und Südamerika nach Basel zu bringen. Das ist gelungen und jetzt kommen genauso neue Sammler und Galeristen aus Asien hierher. Für alle, die sich in der Kunstwelt bewegen, bleibt die Art Basel hier in Basel die Königin der Kunstmessen. Basel ist die originale Messe mit einer einzigartigen Qualität, die sich so nirgendwo anders auf der Welt findet. Die museale Qualität der Kunstwerke, die in Basel gezeigt werden, ist auf keiner anderen Messe zu sehen. Das hängt auch damit zusammen, dass wir in Basel Projekte wie Unlimited oder den Parcours realisieren, die es so nicht an den beiden anderen Kunstmessen gibt. Und natürlich tragen auch Weltklasse-Institutionen wie das Kunstmuseum, die Fondation Beyeler, das Museum Tinguely, die Kunsthalle Basel und das Schaulager viel zu diesem Erfolg bei. Das macht die einmalige Atmosphäre während der Art Basel in dieser Stadt aus.

Und die Stadt international bekannt …
Der Name Basel steht inzwischen nicht mehr nur für diese Stadt, sondern für die drei Messen, die wir organisieren. Die Leute in Amerika und Asien sprechen von Basel und meinen die Messe in ihrer Region. Den Begriff kennen inzwischen Leute, die noch nie in der Schweiz waren und auch gar nicht genau wissen, wo Basel liegt. Aber sie verbinden den Ausdruck Basel mit Kunst und das finde ich wunderbar.

Die Art Basel ist zur wichtigsten Kunstmesse der Welt geworden. Für junge Galerien ist es aber schwierig, in die Messe zu kommen. Wie fördern Sie die junge Galerienszene?
Es ist tatsächlich nicht leicht für die jungen Galerien, gerade in diesen Zeiten. Etablierte Galerien wollen ebenfalls mit jungen Künstlern zusammen arbeiten und so müssen die jungen Galerien ihre Programme verteidigen. Wir versuchen deshalb, sie so gut es geht, in ihren Bemühungen zu unterstützen. Wir haben deren Teilnahmekosten in den letzten Jahren an allen drei Messeplätzen systematisch reduziert. In Miami Beach haben wir 2009 den Sektor mit den Positionen vom Strand in die Halle geholt und ihm dadurch eine grössere Aufmerksamkeit gegeben. In Basel haben wir die Statements ebenfalls von Unlimited getrennt und in die Halle 2 zurückgenommen, zwischen grossen, internationalen Galerien. Das gleiche gilt für den Discoveries-Sektor in Hongkong, der in der Nähe von Hauser & Wirth, Zwirner und White Cube angesiedelt ist. In Basel gibt es den Baloise Prize für junge Künstler und vor drei Jahren haben wir in Miami Beach und Hongkong die BMW Art Journey ins Leben gerufen, welche auch junge Künstler unterstützt.

Sektoren wir Feature oder Survey erlauben es älteren Galerien, die vielleicht noch nicht so ein starkes Programm haben, dass sie jedes Jahr bei uns ausstellen können, mit ausgewählten Projekten doch ab und zu bei der Art Basel präsent zu sein und dadurch neue Sammler zu treffen. Ausserdem schaffen wir kleinere Stände im Hauptsektor der Messen, die es jungen Galerien erlaubt, den Schritt in den Galleries-Sektor zu wagen. Auch wenn es momentan für gerade kleinere oder jüngere Galerien und ihre Künstler nicht immer einfach ist, so bietet der globalisierte und vernetzte Kunstmarkt doch auch Chancen. Künstler sind heute nicht mehr an eine bestimmte Generation oder Kunstform gebunden. Ein Künstler kann ein Werk schaffen, das in seiner Umgebung auf kein Interesse stösst und trotzdem irgendwo auf der Welt seine Sammlerschaft findet. Dies ermöglicht Künstlern und Galerien wiederum ganz neue Optionen. Viele Galerien sind dabei, sich diesen neuen Herausforderungen und Möglichkeiten anzupassen.

Wann haben Sie erkannt, dass es nicht genügt, nur einfach drei Kunstmessen zu veranstalten?
Als wir nach Hongkong gegangen sind, vor sechs Jahren, haben wir uns zuvor intensiv überlegt, was die Art Basel grundsätzlich eigentlich ist. Wir sind damals zuerst zu dem Schluss gekommen, dass die Art Basel eine Leitfigur ist, die aber keine eigene Stimme haben sollte. Deswegen hat die Kunstwelt lange von uns einfach erwartet, dass wir eine gut organisierte Verkaufsplattform sind. Aber wir haben schnell erkannt, dass diese Idee veraltet war – heute noch mehr als damals. Wir konnten nicht davon ausgehen, dass das Galeriensystem in seiner jetzigen Form auch in Zukunft funktionieren wird; und wir haben jedoch Möglichkeiten, dabei mitzuhelfen, dieses System zu stabilisieren. In einem Jahr arbeiten wir an unseren drei Messen mit rund 500 Galerien aus der ganzen Welt zusammen –keine andere Organisation hat so viele Berührungspunkte mit dieser Szene. Es genügt aber nicht, einfach während drei Wochen im Jahr ein guter Gastgeber und Organisator zu sein. Wir müssen während des ganzen Jahres auch ein guter Partner sein. Wir haben eine Stimme, die wir im Interesse unserer Galerien und des Galeriensystems im Allgemeinen einsetzen müssen.

Und wie sehen Sie diese Partnerschaft?
Die Art Basel selber hat keine Kunst. Unsere Reputation kommt über die Qualität der Messen. Deshalb sind wir von den Galerien und ihrer Kunst abhängig. Wir sind daran interessiert, dass gute Galerien weiterhin im Geschäft bleiben und glauben an die Galerieräume als Ausstellungs- und Diskussionsplattformen.

Ich höre manchmal die Kritik, dass die Messen daran schuld seien, dass weniger Menschen in die Galerien kommen. Das sehe ich anders. Die Sammler von heute sind meist berufstätige und sehr beschäftigte Menschen; sie haben nicht mehr die Zeit, in die unterschiedlichsten Städte zu reisen und dort alle Galerien zu besuchen. Ich verstehe unsere Messen als «Gateways» für die Sammler von heute. Hier können sie sich in kurzer Zeit einen Überblick über Galerien und Künstler aus der ganzen Welt verschaffen. Wir hoffen, dass dieses erste Kennenlernen auf unseren Messen zu weiteren Besuchen der Sammler in den Galerien führt. Von meinen Gesprächen mit Sammlern und Galeristen bin ich überzeugt, dass ohne Messen nicht mehr Menschen in Galerien gehen würden, um dort Kunst zu kaufen. Im Gegenteil, ich denke Menschen würden weniger Kunst kaufen und wenn, dann würden sie zu Auktionshäusern gehen. Unser Fokus liegt darauf, wie wir unsere Plattformen während der Messen, aber auch das Jahr hindurch gestalten können, sodass sie unsere Galerien am besten unterstützen. Wir sind kontinuierlich im Kontakt mit Galeristen und wir – Adeline Ooi, Noah Horowitz, unsere Direktoren für Amerika und Asien und ich – reisen viel, um unsere Aussteller in ihren Galerien zu besuchen, um mit ihnen über den Stand des Kunstmarktes zu sprechen und dadurch zu sehen, wie wir helfen können.

So unterstützen Sie mit ihrem Crowdfunding-Projekt auch Kunstinitiativen ausserhalb der Hotspots. Weshalb?
Die Galerien sind unsere Kunden und das Herz unserer Tätigkeit. Aber wir gehören zu einem grösseren System. Es gibt auch ausserhalb der bestehenden Galerien und Museen eine aktive Kunstszene, die nicht vom Markt profitiert. Aber diese Szene im Nonprofit-Bereich ist oft eine Art Testlabor für kontroverse, sperrige, nicht-kommerzielle Kunst. Wir unterstützen damit auch Projekte in Regionen, wo es überhaupt keine internationalen Galerien gibt, wie Chang Mai, Kabul, Lagos. Aber auch dort gibt es gute Kunstinitiativen. Wenn wir den Fokus der Art Basel nur kommerziell ausrichten, verlieren wir einen wichtigen Teil der Kunstpraxis. Deshalb muss während des ganzen Jahres ein Austausch auf verschiedenen Ebenen stattfinden.

Sind die Art Basel Cities ein kommerzielles Projekt?
In dem Sinne, dass sie profitabel sein sollen, ja. Es geht bei Art Basel Cities wie bei der Art Basel darum, die kommerzielle Seite mit der kulturellen Wirkung zu verbinden. Auch in Buenos Aires wollen wir dabei helfen, mit den Art Basel Cities das kulturelle System mit der Stadt weiter auszubauen. Dass so viele Städte an diesem Projekt interessiert sind, liegt daran, dass wir in Miami bewiesen haben, wie Kunst eine Stadt verändern kann. Natürlich braucht es dazu gewisse Investitionen, aber die zahlen sich auch aus. In Miami Beach spült die Art Basel rund eine halbe Milliarde in die Kassen der Region. Die kulturelle Entwicklung einer Stadt ist zu einem ökonomischen Motor geworden. In Florida ist eine eigentliche kulturelle Ökonomie entstanden und Ähnliches spielt sich jetzt in Hongkong ab.

Im gleichen Tempo wie in Miami?
Die Art Basel findet im März zum siebten Mal in Hongkong statt. Und die Idee für ein Kunstmuseum wie M+ gab es schon, bevor wir gekommen sind. Aber die Entwicklung ist sehr dynamisch und die Art Basel hat gezeigt, dass es in Asien ein Interesse an zeitgenössischer Kunst gibt und dass sich die asiatischen Sammler nicht nur auf ihre eigenen Künstler fokussieren. Unsere Messe ist in Hongkong zu einem der wichtigsten Events der Region geworden. Hongkong will zum kulturellen Hub Asiens werden und dazu hilft die Art Basel sehr.

Wie lange halten Sie an der Auflage fest, dass nur Galerien mit eigenen Räumen und geregelten Öffnungszeiten an den Messen teilnehmen dürfen?
Die Zeiten, als der Galerieraum im Mittelpunkt stand, um den sich der gesamte Betrieb dreht, sind sicherlich vorbei. Viele Galeristen fragen sich heute, ob sie überhaupt noch einen fixen Ausstellungsraum brauchen. Diese Diskussionen finden auch ständig in unseren Komitees statt. Wir stehen in engem Kontakt mit den Galeristen und verfolgen die Veränderungen in der Szene sehr genau. Das Modell einer Galerie, die nur mit ihren Künstlern gewachsen ist, hat sich überholt. Eine Galerie repräsentiert heute Künstler verschiedener Generationen in verschiedenen Ländern. Deshalb ist es auch schwierig zu sagen, «das ist eine junge Galerie», wenn sie einen 60-jährigen Künstler zeigt. Und eine etablierte Galerie hat einen 20-jährigen im Programm.

Aber es gibt inzwischen auch Galeristen, die Künstler vertreten, ohne dass sie in Galerieräumen arbeiten. Werden die nicht an die Art Basel zugelassen?
Wir haben uns dafür entschieden, dass wir nur Galerien zulassen, die auch ein Ausstellungsprogramm haben. In einem Raum, wo sie ihre Shows zeigen und ihre Mitarbeiter beschäftigen und in einer Stadt, wo sie sowohl Miete als auch Steuern bezahlen. Wenn wir diese Regel ändern, dann, so fürchten wir, könnte das die Schliessung vieler Galerien beschleunigen. Diese würden vielleicht dann nur noch an Messen auftreten und dort grosse Stände mieten, weil sie ja keine eigenen Räume mehr haben. Das wäre nicht gut für die Künstler wie für das kulturelle Leben an den Orten, wo diese Galerien sind. Wir wollen nicht für eine solche Schwächung der Galerien mitverantwortlich sein. Vielleicht müssen wir irgendwann von dieser Regel abweichen, aber so lange wir können, wollen wir sie aufrechterhalten.

Glauben Sie trotzdem weiterhin an das Galeriensystem?
Ja unbedingt. Die Wahrnehmung und Förderung des Künstlers geschieht immer noch hauptsächlich über die Galerie. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.01.2018, 09:46 Uhr

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