«Die Leute sollen das Gipfelkreuz hinterfragen»

Der Appenzeller Künstler Christian Meier sagt, weshalb er einen leuchtenden Halbmond auf dem Gipfel der Freiheit platzierte.

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Herr Meier, Ihr Halbmond auf dem Gipfel der Freiheit im Alpstein sorgt für Diskussionen. Das dürfte Sie freuen.
Auf jeden Fall. Der Motor für dieses Projekt war meine Freude am Provozieren. Aber wenn Kunst nur bei der Provokation bleibt, ist sie langweilig. Ein Kunstwerk muss eine interpretative Offenheit haben, damit man die Menschen dazu bringt, vielleicht ihre Sichtweise zu hinterfragen. Wenn das eintrifft, macht mich das happy.

Was hinterfragt Ihr Halbmond denn?
Mir geht es vor allem um die Selbstverständlichkeit des Gipfelkreuzes. Wir alle sind mit der Idee aufgewachsen, dass Kreuze einfach zu Bergspitzen gehören. Dabei ist das Kreuz einfach ein Symbol für das – in meinen Augen – unvernünftige Denksystem des Christentums.

Reinhold Messner sprach sich erst kürzlich gegen Gipfelkreuze aus. Der Islam wiederum ist ein Dauerthema – der Zeitpunkt für Ihr Projekt passt gut.
Das ist Zufall. Ich trug die Idee bereits seit drei Jahren mit mir herum. Konkret wurde sie aber erst im letzten Winter.

Sie hätten Ihren Halbmond auch nach der Machart der üblichen Kreuze aus Holz anfertigen können, taten das aber nicht. Weshalb?
Die ursprüngliche Idee bestand tatsächlich darin, den Halbmond einem klassischen Gipfelkreuz anzugleichen. Je mehr ich mich mit dem Projekt beschäftigte, desto stärker gefiel mir aber der Gedanke, den Mond noch stärker zum Fremdkörper zu machen. Jetzt erinnert er an ein billiges Modeaccessoire: kaltes Acrylglas. Und in der Nacht leuchtet er in einem kühlen Licht. Der Mond sollte aussehen, als ob ihn jemand mit rudimentären Photoshop-Kenntnissen in das Foto einer Berglandschaft platziert hätte.

Sie leben seit einiger Zeit in Shanghai, befassen sich in Ihrer Kunst aber mit der Heimat. Hilft da die Distanz?
Die Distanz an sich nicht unbedingt, aber das Pendeln zwischen den beiden Orten. Ich lebe etwa neun Monate des Jahres in China und den Rest der Zeit in der Schweiz. Wenn ich in Shanghai bin, gelingt es mir viel besser, über meine Haltung zur Schweiz nachzudenken – und umgekehrt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2016, 17:53 Uhr

Der Appenzeller Künstler Christian Meier studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und an der Universität der Künste in Berlin. Seit bald einem Jahrzehnt lebt er in Shanghai. (Bild:zvg)

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