Doppelter Aussenseiter

Sven Marquardt gilt als härtester Türsteher der Welt – und er ist ein grosser Fotograf der Melancholie.

Als schwuler Punk in der DDR war es für Marquardt nicht einfach, seinen Platz zu finden. Fotos: Neumann-Hug-Collection

Als schwuler Punk in der DDR war es für Marquardt nicht einfach, seinen Platz zu finden. Fotos: Neumann-Hug-Collection

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Vor ihm fürchten sich die Nachtsüchtigen, die stundenlang anstehen in der Hoffnung, an ihm vorbeizukommen in das Berghain. Denn Sven Marquardt entscheidet als Türsteher darüber, wer jenen mythenumrankten Berliner Techno-Club betreten darf. Und wer eben nicht. Tricks und Codes, wie man sich reinschmuggeln kann, gibt es nicht.

Aber Sven Marquardt, diese markante Erscheinung mit dem schwer tätowierten und mit Piercings behängten Gesicht, ist nicht wegen seiner Rolle des angeblich so harten Türstehers in Zürich. «Ich lebe im Moment mehr als Fotograf», macht der 56-jährige Berliner gleich klar. Seine Bilder sind derzeit neben Werken von Banksy und Fotos, die Iggy Pop oder die Punkszene Indonesiens zeigen, in der Ausstellung «Raw Power» ausgestellt.

Er war ein schmollender, trotziger Punkpummel

Marquardt erscheint in dieser Schau mit seinen Schwarzweissporträts aus den späten DDR-Jahren als Chronist einer Zeit, die längst vergangen ist. Und die dennoch nicht nostalgisch wirkt. Was damit zusammenhängt, dass Punk – anders als oft gemunkelt wird – nicht tot ist.

«Punk ist ein Lebensgefühl, eine Jugendkultur, die immer wieder irgendwie auftaucht. Es ist nicht so wie bei einem Rockabilly-Treffen, das zwar ganz toll anzusehen ist. Aber da gibts keinen Zeitbezug, das ist bloss retro», sagt Marquardt, der unter seiner zerfransten Jeansjacke einen roten Kapuzenpullover trägt – und so sein hartes Image und die Totenschädelringe an den Fingern gleich mit frischer Farbe kontrastiert.

Das Lebensgefühl des Punk erreichte in den späten 70ern auch die DDR, trotz der Mauer, wie sich Marquardt erinnert. «Wir haben zwar in einer Diktatur gelebt und waren ja eingesperrt.» Aber das No-Future-Gefühl, das war in der Parallelgesellschaft Ost-Berlin ähnlich wie im Westen. Für sie, die Punks im Osten, war der Feind kein diffuses Irgendwas, sondern ganz klar bestimmt: «Das war der Staat. So wollten wir nicht sein, wir hattens also einfach.»

Marquardts Fotos strahlen eine morbide Romantik aus

Wie unversöhnlich der Gegensatz zwischen Punk und dem allgegenwärtigen DDR-Staatsapparat war, sieht man auch in der Zürcher Ausstellung: Auf einem Bild sitzt ein Heranwachsender mit einer Irokesenfrisur – «ein schmollender, trotziger Punkpummel», so Marquardt – neben einem Volkspolizisten. Der «Punkpummel» ist Marquardt selber. «Das Bild steht für die Zeit von damals», sagt er, der sich wegen seiner Frisur und seiner Kleider zeitweise nicht in Berlin-Mitte aufhalten durfte.

Sven Marquardt war doppelter Aussenseiter in diesem System: «Ich war schwul und Punk – das war damals schon eine Ansage.» Zuweilen sei das alles nicht einfach gewesen, «da habe ich mir ganz schön was auferlegt». So gab es Zeiten, «in denen ich ins Kopfkissen geheult habe, weil ich gar nicht wusste, wo man hingehört». Marquardt fand aber einen Kreis kreativer Leute, für die sexuelle Orientierung oder die Herkunft keine Rolle spielte.

Zu jener Zeit kam seine Kamera ins Spiel. Sven Marquardt absolvierte eine Lehre als Fotograf, er kannte also das Handwerk. «Mit meinen Bildern habe ich angefangen, ein Stück weit unsere eigene Welt zu erschaffen.» Seine inszenierten Porträts entstanden in einsamen Hinterhöfen oder auf verlassenen Friedhöfen, die einfach vergessen wurden. Selbst vom Staat.

Sie haben – bei allem Protest, aller Auflehnung – stets etwas Melancholisches, etwas Romantisches. Etwas, das auch seine vor vier Jahren erschienene Autobiografie «Die Nacht ist Leben» und die Person Sven Marquardt im Gespräch ausstrahlt. Etwa, wenn er sagt: «Das war unser Versuch, das Reisen zu kompensieren.» Die Erschaffung einer eigenen Welt und die Sehnsucht nach dem Reisen bestimmt auch den utopischen Spruch «New York ist da, wo wir sind», den eine Freundin damals geprägt hat. Gleichzeitig signalisiert er, wie präsent das Thema der Flucht aus der DDR war. Auch in Sven Marquardts Kreis.

Verantwortung für einen Laden, für eine Idee, für Toleranz

Nach dem Mauerfall war dann alles anders. Für Sven Marquardt ging es nahtlos weiter in der neuen Clubkultur, die in allen Ecken erwachte: «Auf einmal wurde in Ruinen gefeiert, die ich eben noch für ein Shooting in Erwägung gezogen hatte.» Seine Kamera legte er in jenen Jahren zur Seite, es ging um weitere Grenzüberschreitungen – auch dank Drogen – und neue Formen der Autonomie, die er auslebte. Und um die neuerliche Suche nach sich selber. «Der Fall der Mauer», so erinnert sich Marquardt, «bedeutete für viele auch ein Stück weit den Verlust einer eigenen Identität.»

Vor 25 Jahren begann er, als Türsteher zu arbeiten. Und war dann dabei, als das Berghain seine Türen öffnete, jener Club mit dem besten Soundsystem der Welt – und mit ihm, dem angeblich härtesten Türsteher der Welt. Dieser Ruf rührt daher, dass er seine Arbeit ernst nimmt: «Ich habe als Türsteher eine grosse Verantwortung für eine Idee – und für einen Laden, der für Toleranz steht.»

Marquardt hat in den letzten Jahren seine Einsätze an der Berghain-Tür reduziert, weil sein Fokus nach den Jahren ohne Kamera wieder auf der Fotografie liegt. Eine Arbeit, die ihn nun auch um die Welt führt. So fotografiert er in Sydney Surfer in jenem Moment, in dem sie am Strand das Wasser verlassen.

Aber wenn er in Berlin weilt, dieser Stadt, die immer weniger Freiräume zulässt und in der die «Eigenheimkacke», wie Marquardt den Bau- und Investitionswahn nennt, ganze Skylines verändert, dann arbeitet er wie je an der Tür: «Wenn ich zurückkehre aus den Kunstschnösel-Kulturecken, die ich als Schnittstelle ganz toll finde, dann erscheint mir die Arbeit an der Tür als etwas ganz Bodenständiges.»

«Raw Power», Photobastei, Zürich. Bis 3.März (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.01.2019, 17:16 Uhr

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