Exzentriker mit weicher Pfote

Kostbare Tempelbilder des japanischen Malers Nagasawa Rosetsu sind derzeit auf Stippvisite im Zürcher Museum Rietberg.

Der 1786 von Nagasawa Rosetsu gemalte Tiger steht im Zentrum der Rietberg-Schau.

Der 1786 von Nagasawa Rosetsu gemalte Tiger steht im Zentrum der Rietberg-Schau. Bild: Museum Rietberg/ Nagasawa Rosetsu

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«Kauernder Tiger, versteckter Drache»: So bezeichnet man in Asien Menschen, deren Kraft nicht auf den ersten Blick sichtbar wird. Eine Ausdrucksweise, die auf den Maler Nagasawa Rosetsu besonders gut passt. Zum einen, weil er für einen entlegenen Tempel im Süden Japans den liebenswürdigsten Tiger der Kunstgeschichte malte. Zum anderen, weil er es faustdick hinter den Ohren hatte. Mit den Welpen, Vögeln und Affen, die seine Bilder bewohnen, gibt er den drolligen Unterhalter, dabei ist der Goya-Zeitgenosse ein stilistischer Visionär, meisterhafter Vorläufer der modernen Malerei in Japan.

In Zürich wird dank einer wundersamen Fügung nun eine Imagekorrekturdesvor 264 Jahren geborenen Japaners eingeläutet. Weil der Muryoji-Tempel in Kushimoto die Kunstkammer renoviert, und weil am Rietberg-Museum mit der Kuratorin Khanh Trinh eine der wenigen Rosetsu-Forscherinnen weltweit tätig ist, hat Japan einer Ausleihe der bemalten Türpaneele aus Papier zugestimmt. Für acht Wochen dürfen die so kostbaren wie fragilen Kunstwerke dieSchweiz besuchen. Das genügt dem Rietberg-Team, um ein wahres Rosetsu-Festival zu veranstalten. Nicht nur wird der ganze Tempel im Museum nachgebaut, um die Tempelbilder herum sind weitere Werke des japanischen Meisters versammelt – über fünfzig Stellschilder, Paneele und Blätter. Meditationen, Workshops und ein Symposium ergänzen das Angebot.

Rabiates, flauschiges Tier

Im Zentrum der Schau steht natürlich der tolle Tiger. Den malte der 33-jährige Rosetsu angeblich in einer Nacht, zusammen mit einem Drachen, für den Kultsaal des Tempels. Die sechs Meter langen Geschöpfe sollen die Buddha-Figur beschützen. Der Drache schnaubt effektvoll aus einem Ornament heraus, doch es fällt ihm schwer, dem Tiger die Schau zu stehlen. Dieser ist ein Wurf, nur schon weil ein einziger langer Pinselstrich fast schon den ganzen Körper definiert, der Rest ist präzis verwischte Unschärfe, zwei Schielaugen und dicke Pfoten. Dieses Tier schafft es, zugleich rabiat und flauschig auszusehen, ganz seinem Auftrag gemäss, Buddha zu beschützen, aber auch dem liebevollen Wesen des Erleuchteten gerecht zu werden.

Wer war der Maler, dem so viel Ausdruck im Pflichtprogramm gelang? Jeder Kulturkreis hält an seinen vorgefassten Meinungen fest, und über Rosetsu weiss man in Japan dies: Er war ein Exzentriker. In der engmaschig regulierten Zeit des Tokugawa-Shogunats brauchte es allerdings nicht viel, um als ein solcher zu gelten. Diese Shogune herrschten über 200 Jahre lang mit eiserner Faust und erliessen allerlei Verbote, um ihre Macht stabil zu halten. Japan wurde zu einem geschlossenen System, wirtschaftlich ging es dem Land aber gut, und in den Städten blühten die Künste.

Man weiss nicht, was Nagasawa Rosetsu über das Regime dachte, in dem er lebte. Es soll mal eine Biografie des Tigermalers gegeben haben, doch sie ging in den Wirren des zusammenbrechenden Tokugawa-Systems unter. Geschichten aus dem Leben Rosetsus erzählt die Kuratorin Khanh Trinh darum durchwegs im Konjunktiv: Es könnte sein, dass er so aufbrausend war, wie man sagt. Es könnte sein, dass er wegen seiner Poltereien von der Malschule flog, dass er trank. Amüsierte er sich beim Malen? Auf dem einzigen Porträt, das Rosetsus Adoptivenkel nach seinem Tod malte, sitzt ein Mann mit buschigen Augenbrauen im Schneidersitz und lächelt. Rosetsu, das grosse Rätsel.

Einige Bilder und Sujets in der Zürcher Retrospektive stützen Rosetsus Ruf, ein unterhaltsamer Sonderling zu sein: Da gibt es zechende «Gelehrte», depperte Tempeldiener, ausgelassene Kinderpartys, tollende Welpen und einen ganzen Zoo von lustigen oder traurigen Affen. Sollte die Absicht des Malers gewesen sein, die Sympathie des Betrachters mit diesen putzigen Geschöpfen zu gewinnen, so gelingt ihm dies auch ein Vierteljahrtausend nach der Entstehung der Werke immer noch blendend. Doch es gibt auch diese anderen Bilder, die weder süss noch einschmeichelnd sind, sondern karg, dramatisch – schlicht grossartig.

Nähe zu Gerhard Richter

Auffallend etwa die für einen Stellschirm gemalte Darstellung eines Pflaumenbaums. Auf dem dreieinhalb Meter langen Paneel hat nur der alte Baum Auftritt. Aus einem verdorrten, hohlen Stamm schwingt sich in einem kühnen Bogen ein noch lebender Ast hervor. Der Bogen durchbricht den Bildrand, und dort, wo sich der Ast wieder ins Blickzentrum senkt, spriessen kleine zarte Blüten. Es ist das ganz grosse Drama, den Triumph des Lebens über den Tod hat der Maler mit wenigen virtuosen Tuschestrichen eingefangen. Obwohl dekorativ, hat dieses Bild gleichzeitig eine reduzierte moderne Ausdruckskraft, man denkt an frühe Landschaften eines Gerhard Richter oder die symbolischen Kompositionen eines Caspar David Friedrich.

Überhaupthat Nagasawa Rosetsu in einigen seiner Spätwerke (falls man von «spät«bei einem Maler sprechen kann, der im Alter von 45 Jahren unter rätselhaften Umständen verstarb) seine poetische Beschäftigung mit der Landschaft zu einer ergreifenden Meisterschaft getrieben. Zum Beispiel in dem aus acht kleineren Blättern bestehenden Album «Ansichten von Miyajima». Welch Pinseltechnik! Hier ein Wisch, dort ein paar Linien, und wie eine Fata Morgana erscheint aus dem Nebel die Ansicht der für ihre Naturschönheit berühmten heiligen Insel vor Hiroshima.

Es wird einem in der Ausstellung klar, wie wenig man im Westen über die alte japanische Malerei weiss, die im Schatten der traditionellen chinesischen Kunst steht (auch was die Preise an den Auktionen anbelangt, ein Land mit 1,37 Milliarden Bewohner wie China entfaltet nun mal eine andere Marktmacht als das 127 Millionen Menschen starke Japan). Und welch Glück Zürich hat, mit dem renommierten Rietberg einen musealen Anwalt dieser farbigeren und individueller ausgeprägten Spielart der ostasiatischen Raffinesse zu haben.

Rosetsu. Fantastische Bilderwelten aus Japan, Museum Rietberg, bis 4. November. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 15:16 Uhr

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