Zurückgegeben wird noch nichts

Frankreich retourniert Kunst nach Afrika, die zur Kolonialzeit geraubt wurden. Auch das Zürcher Museum Rietberg besitzt Werke mit dunkler Geschichte, wartet aber ab.

Die Inventarnummer 14356 dieser Gürtelmaske erinnert an eine grausame Strafexpedition der Briten im heutigen Nigeria. Foto: Museum Rietberg

Die Inventarnummer 14356 dieser Gürtelmaske erinnert an eine grausame Strafexpedition der Briten im heutigen Nigeria. Foto: Museum Rietberg

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Für einmal macht das Museum Rietberg die Rück- und nicht die Vorderseite seiner Schätze zum Mittelpunkt. Jene Seite, die bei manchen Relief-Skulpturen – etwa einem Tempelwächter aus Indien – noch raue Spuren der Gewalt trägt, mit der das Objekt aus seiner Umgebung rausgehauen wurde. Auf der Rückseite sieht man die Stempel der Händler, Vermerke von Sammlern oder Transportetiketten. Sie erzählen eine Geschichte, die lange als weniger wichtig galt, nun aber machtvoll ins Licht des öffentlichen Interesses rückt. Es geht um die «Frage der Provenienz», so der Titel der Schau.

Seit zehn Jahren betreibt das Museum Rietberg in Zürich systematisch Provenienzrecherche, die Historikerin Esther Tisa Francini wurde 2008 eigens dafür angestellt. Viele Museen verfügen bis heute nicht über eine solche Stelle, die Arbeit Tisa Francinis kommt dem Haus besonders jetzt zugute. Mitten in der Kontroverse um die durch Emmanuel Macron versprochenen Restitutionen von in Frankreich aufbewahrten 26 Kunstgegenständen des alten Königreichs Dahomey an die moderne Republik Benin kann Rietberg einer hitzigen Auseinandersetzung mit Sachlichkeit und Wissen begegnen.

Ein Präzedenzfall

Zehn Tage nach der Veröffentlichung des Berichts, der den Umgang Frankreichs mit kolonialer Raubkunst revolutionieren will, nimmt die Diskussion um die Restitution des postkolonialen Kulturerbes an Tempo auf. Die französische Kunsthistorikerin Savoy und der senegalesische Ökonom Sarr stellen die Forderung auf, sofort und ohne weitere Erforschung der Provenienzen Objekte, die bis 1960 in Frankreichs Museen gelangt sind, an die afrikanischen Ursprungsländer zurückzugeben. Ihre These lautet, dass sämtliche dieser Objekte, auch jene, von welchen man annimmt, dass sie auf legalem Weg in die Sammlungen gelangt seien, eigentlich im Zuge kolonialer Eroberungen erbeutet wurden.

Im Westen rief die Rückgabeabsicht Frankreichs heftige Reaktionen hervor, da sie einen Präzedenzfall schafft. Macrons Haltung ändere «weder die Politik des British Museum noch die Gesetzgebung in Grossbritannien», sagte der Direktor des British Museum, Hartwig Fischer, gegenüber der «New York Times». Was im Klartext heisst: Das Haus ist weiterhin nicht gewillt, Werke zurückzugeben. Das Londoner Museum bleibt seit Jahrzehnten in einem Streit mit Griechenland hart, in dem es um verschleppte Akropolis-Marmorskulpturen geht.

Die Benin-Bronzen

Verglichen mit den Museen ­ehemaliger Kolonialmächte sind die Schweizer ethnografischen Sammlungen «kleine Fische» – die Schweiz unterhielt ja keine Kolonien. Aber natürlich konnte dennoch aussereuropäische Beute- oder Raubkunst über Käufe in die Sammlungen gelangen. Im Rietberg sind drei sogenannte Benin-Bronzen die härtesten Problemfälle – das Museum beherbergt insgesamt 16 solcher Kunstwerke aus der Blütezeit von Benin. Eines ist das Emblem der Ausstellung: eine Gürtelmaske, wie sie Angehörige wichtigerFamilien trugen.

Diese ist mit der Zahl 14 356 bezeichnet, der Inventarnummer des Londoner Händlers William Webster (1868–1913). Websters Zeichen, früher als eine Garantie der Echtheit angesehen, verbindet die Geschichte der Maske mit jener der brutalen Strafexpedition der Briten, die 1897 stattfand und die einer langen Handels- und Kultur­geschichte des unabhängigen Königtums Benin ein Ende setzte. Die Kunst wurde geplündert, und die britische Admiralität ­verkaufte die Beute – mehr als 4000 Kunstwerke. In Afrika blieb so gut wie nichts.

Zu den Schweizer Häusern, die einige der von Briten geraubten Kunstobjekte aus dem alten Königtum Benin (heute Nigeria) besitzen, gehören nebst Rietberg auch das Völkerkundemuseum in Zürich, das Museum der Kulturen in Basel und das Völkerkundemuseum St. Gallen. Auch in Genf befinden sich einige. Zum Vergleich: Das British Museum nennt 700 Benin-Werke ihr eigen. Und in den Berliner Museen befinden sich 600.

Ein bemalter Schädel

So eindeutig wie die Maske oder die ebenfalls mit dem britischen Raub assoziierten weiteren zwei Gegenstände aus Benin sind andere Fälle in der Rietberg-Sammlung nicht. Man besitzt etwa einen bemalten Schädel aus Papua-Neuguinea, doch es handelt sich dabei um ein auch in der Urhebergesellschaft öffentlich zugängliches Werk, sodass seine Zurschaustellung keine Respektlosigkeit darstellt. Der aus China stammende Torso eines Bodhisattvas trägt noch die Meisselspuren der Plünderer, welche die Statue aus dem buddhistischen Höhlentempel entfernt haben. Doch diese helfen heute den Forschern – denn die Skulptur bildet einen Teil des von der Universität Chicago geleiteten internationalen Projekts einer virtuellen Rekonstruktion der Tempel.

Restitution könne, muss aber nicht eine Konsequenz der Provenienzforschung sein, sagt Esther Tisa Francini. Die Auseinandersetzung um Weltkulturerbe sei wohl durch die Möglichkeiten der neuen Medien und Technologien erst richtig entfacht worden, vermutet die Historikerin. Und sieht zugleich grosse Themen, die dahinterstecken: Dekolonisierung, Dezentralisierung, Globalisierung. Sie machten die Beschäftigung mit den verwinkelten Provenienzen, mit den Lebensläufen der Sammler und den Verläufen der Handelswege im Sinne eines «geteilten Erbes» wichtig.

Ausstellung: «Die Frage der ­Provenienz – Einblicke in die Sammlungsgeschichte», Museum Rietberg, bis 30. 6. 2019.


«Es gibt sinnvollere Lösungen»

Frankreich gibt 26 Kunstwerke aus seinem ethnografischen Museum Quai du Branly nach Afrika zurück. Wie nehmen Sie die Nachricht auf?
Der Wille des Präsidenten bewirkt in Frankreich viel. Wenn das, was dort jetzt ins Rollen gekommen ist, zu einer gemeinschaftlichen Haltung Europas gegenüber dem postkolonialen Kulturerbe führt, werden auch wir unseren Beitrag leisten.

Sind also die Objekte aus dem Königtum Benin in der Rietberg-Sammlung, die eindeutig als Beutekunst identifiziert wurden, bereits reisefertig in Kisten verpackt, um nach Afrika zurückgeschickt zu werden?
Vorher müssen wir eine gemeinsame politische Haltung entwickeln, wie wir damit umgehen. Wir sind jedenfalls offen.

Auch andere Schweizer Völkerkunde-Museen besitzen solche Benin-Objekte. Besprechen diese Museen das Vorgehen untereinander?
Wir sind alle in internationalen Gruppen eingebunden und nehmen so am Diskurs teil.

Der Bündner Albert Lutz ist seit 1998 Direktor des Museums Rietberg, das Kunst aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien zeigt.

Bedeutet Frankreichs Entscheidung, ohne Rücksicht auf Provenienzforschung Werke zurückzusenden, das Ende von ethnografischen Museen?
Das wird wohl nicht so radikal umgesetzt werden. Unsere Sichtweise ist sowieso eine andere. Es gibt sinnvollere Lösungen, als Werke einfach so ohne Dialog zurückzuschicken.

Welche?
Statt Objekte zu retournieren, könnten Museen auf der ganzen Welt Kooperationen eingehen. Darin sähe ich ein echtes Zukunftsmodell. Jedes Museum sucht sich seinen Kooperationspartner und tauscht im Rahmen der Partnerschaft Objekte, klärt gemeinsam Besitzverhältnisse ab, entwickelt Projekte. Wenn Museen unter schwierigen Bedingungen arbeiten, wie es in Afrika oft der Fall ist, kann mit der Kooperation viel Gutes bewirkt werden. Die Politik sollte diese Chance erkennen und Mittel dafür zur Verfügung stellen.

Ist das in einem polarisierten Umfeld realistisch?
Das hoffe ich. Ich sehe keinen anderen Weg. Auf beiden Seiten braucht es eine starke Museumswelt. Und ich denke dabei nicht an Touristenattraktionen wie den Louvre am Golf, sondern an ­Museen, die auch für die ein­heimische Bevölkerung interessant sind.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 18:51 Uhr

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