Kommentar

Musse mit Tiefgang

Drei Vorschläge, wie man sich die Ferienzeit auch noch vertreiben kann – historische, unterhaltsame und tiefsinnige Geschichten.

Beste Unterhaltung auch im Sommer: Komiker Mike Müller als «Der Bestatter».

Beste Unterhaltung auch im Sommer: Komiker Mike Müller als «Der Bestatter». Bild: SRF/Sava Hlavacek

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Alfred Escher, Briefe

Dass ein Land einen Politiker, der lange tot ist, ins Pantheon aufgenommen hat, weiss man, wenn selbst die Nachfahren seiner einstigen Gegner ihn verehren, ja, wenn sie sogar Wert darauf legen, sich in seine Nachfolge zu reihen. Niemand hat die Katholisch-Konservativen mehr gehasst als der Zürcher Liberale Alfred Escher. Doch als es kürzlich darum ging, die vollständige Digitalisierung seiner Korrespondenz zu feiern, kam selbst Bundesrätin Doris Leuthard nach Zürich, um ihm die Referenz zu erweisen. Leuthard gehört der CVP an, der Nachfolgepartei der Katholisch-Konservativen, die den liberalen Bundesstaat dermassen verabscheuten, dass sie lieber einen Bürgerkrieg in Kauf nahmen – und kolossal verloren. Leuthard stammt aus dem katholischen Freiamt im Aargau, eine der schwärzesten Gegenden der Eidgenossenschaft. Wäre der reformierte Escher einmal nach Merenschwand gekommen, wo Leuthard aufgewachsen ist: Man hätte ihn mit Kartoffeln beworfen. Oder Granaten. Nähme sich die Bundesrätin die Zeit, in Eschers Briefen unter dem Stichwort «katholisch» zu suchen: Es wären mitunter keine schönen Funde zu verzeichnen.

«Wo der Mönch steht», sagte der Aargauer Freisinnige Augustin Keller einmal, «wächst kein Gras mehr.» Ähnlich dachte Escher. Als Unternehmer und Politiker hat er wie kein anderer die Geschichte des frühen schweizerischen Bundesstaates geprägt. Er lebte von 1819 bis 1882. ­Leidenschaftlich, klug, ungerecht und genial war er, gross in seiner Begeisterung und gross in seinem Hass. Und nirgendwo kann man ihm näher kommen als in seinen Briefen. Diese sind nun sehr einfach zugänglich. Sollte es in den Sommerferien einmal endlos regnen, was niemand hofft: Escher lesen. Man lernt mehr über die Schweiz als in zwei historischen Seminaren.

Joseph Jung, Autor einer exzellenten Escher-Biographie und Geschäftsführer der Alfred-­Escher-Stiftung, hat nach Jahren der Arbeit Vorbildliches geschaffen. Es handelt sich wohl um die erstaunlichste und modernste digitale Briefsammlung der Welt. Sämtliche Briefe an und von Alfred Escher, 5018 an der Zahl, liegen nun auch in digitaler Form vor und können sehr leicht eingesehen werden. Was vor allem begeistert, sind die vielen Tools, welche die Recherche und das Stöbern auf eine Art erleichtern, wie man sich das bis vor Kurzem kaum vorstellen konnte.

Sämtliche Namen, die vorkommen, sind mit kleinen Porträts verlinkt, unter einem Stichwort, wie etwa Gotthard, erscheinen alle Briefe, die damit zu tun haben. Das Verzeichnis reicht von Aargauischer Südbahn bis Zürichputsch. Bei jedem Brief, den man aufschlägt, erscheinen auf der Seite alle Personen, Themata und Orte, die erwähnt werden, sodass man von einem ins Tausendste gelangt. Sagt mir eine Person nichts, klicke ich sie an, erfahre, wer sie war, und werde, sofern ich will, geradewegs weitergeführt zu Briefen, die ebenfalls von ihr handeln oder gar von ihr stammen. Stunden vergehen, es kräuselt der Kopf. Nie war Zeitvernichtung lehrreicher. Ebenso fällt es leicht, mit einem Mausklick verschiedene Fassungen eines Briefes zu studieren: Man wählt aus ­zwischen dem handschriftlichen Original und der Transkription. Fährt man mit der Maus über die Handschrift, wird diese wie von Zauberhand vergrössert: Es ist fantastisch. Es ist ein Meilenstein der historischen Quellenedition. Was aber vor allem erfreut: Diese Sprache der Männer und Frauen des 19. Jahrhunderts. Wie viel Kraft, wie viel Witz, wie herzlich und böse, verzweifelt und heiter diese Menschen schrieben – und wohl ­sprachen.

Escher an Franz Hagenbuch, 26. Oktober 1848: «Ich bedaure, dass die Frage des Bundes­sitzes gleich im Anfange der Verhandlungen der Bundesversammlung den Teufel des Cantonal­egoismus heraufbeschwören wird & dass wir Zürcher gezwungen sein werden, nicht das wenigste dazu beizutragen.»

Maximilian Heinrich von Roeder (preussischer Gesandter in Bern) an Alfred Escher, 15. März 1870: «Grafenried war bei der Königin zum Thee, und da wird gegotthardet worden sein. Aber mit sympathischen Redensarten bohrt man keinen Alpentunnel.»

Es sind Briefe, die noch jene Intimität und Unverfrorenheit wiedergeben, wie sie normal war in jenem scheinbar fernen Zeitalter vor Facebook und Twitter, wo jede Intimität vor die Hunde geht, weil alles mitliest – nicht nur der NSA. Eschers Briefe dagegen leben von einer Zutraulichkeit und Unachtsamkeit, wie sie nur gelebt wird, wenn man weiss, dass bloss vier Augen mitlesen – und nie die Gefahr besteht, dass sich diese Konversation viral verbreitet. Alfred Escher war ein Gigant unserer Geschichte. Joseph Jung hat ihn auch zum Giganten der historischen Forschung gemacht. Man wird an beiden nie mehr vorbeikommen.

Zur Alfred-Escher-Briefedition

Der Bestatter

So viel ich weiss, wird bald die vierte Staffel dieser wunderbaren Produktion des Schweizer Fernsehens gedreht. Weil wir es im Fernsehen versäumt haben, erstanden wir die entsprechenden DVDs, was den Vorzug hat, dass man den Bestatter so oft schaut, dass man vor dem Einschlafen anfängt, die neuesten Sargmodelle zu diskutieren. Man lernt einen Bestatter so richtig gut kennen, bis man ihn jederzeit zum Kaffee einladen würde, auch wenn man nicht vor hat, sich am nächsten Morgen beerdigen zu lassen.

Mike Müller ist der Bestatter, und er macht das grandios: Der Schauspieler und Philosoph, den man auch kennt als Satiriker von Giacobbo/Müller, spielt einen ehemaligen Aarauer Kantonspolizisten, der mehr oder weniger unfreiwillig das Beerdigungsinstitut seines Vaters übernommen hat, was ihn aber nicht davon abhält, immer noch wie ein Polizist zu denken und zu handeln. Er löst Fälle aus dem Hintergrund, diskret wie ein Toter.

Die Krimis sind gut erzählt, sie flunkern keine Schweiz vor, die es nicht gibt, wie es der Schweizer «Tatort» auf jene selten dämliche Art immerzu tut: Es mag an Mike Müller liegen, der es versteht, den Schweizer Bünzli realistisch und liebevoll darzustellen, aber auch die andern Schauspieler geben echte Menschen des Schweizer Mittel­landes, ob Barbara Terpoorten (Kommissarin) oder Reto Stalder (nekrophiler Praktikant) und Suly Röthlisberger (Sekretärin, guter Geist). Gewiss, vor allem zu Anfang waren die Geschichten politisch sehr korrekt: Ausländer waren immer lieb und unschuldig, oft die Opfer; Täter waren immer Schweizer, meistens aus guten Verhältnissen stammend, kurz, eine Anordnung, die jeder Kriminalitätsstatistik widerspricht – doch im Lauf der Staffeln bessert sich das deutlich. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dieser Statistik müsste sklavisch gefolgt werden: Einmal darf auch ein Ausländer der Böse sein. Wir würden dem Schweizer Fernsehen keinen Strick daraus drehen. Dennoch: Eine sehr lohnende, schweizerische Eigenproduktion. Auch im Sommer zu empfehlen.

Der Bestatter, Staffel 1, 2 und 3

Wie eine Träne im Ozean

Trotz linker Vergangenheit hatte ich nie Sympathien mit dem Kommunismus. Er war mir immer zu dogmatisch, zu gewalttätig, zu menschenfeindlich unter dem Deckmäntelchen der Menschenliebe. Vor allem blickten die Kommunisten, die ich kannte, immer so streng. Man konnte es nie lustig haben mit ihnen. Ihre Ideologie war definitiv nicht lustig. Dennoch ist das eines meiner Lieblingsbücher oder besser: genau aus diesem Grund. Es gibt wohl kein besseres und erschütternderes Buch über den Irrweg des Kommunismus im 20. Jahrhundert als Manès Sperbers fiktive Abrechnung. In seiner Romantrilogie mit dem wunderschönen Titel: «Wie eine Träne im Ozean» beschreibt er das Leben des Kommunisten Dojno Faber, der sich aus einem Anhänger zu einem ­Hasser entwickelt. Das Buch spielt vor allem in den Dreissigerjahren, aber auch im Zweiten Weltkrieg. Ich kenne wenige Bücher, die so gut geschrieben sind, ich halte Sperber für einen der grössten Stilisten der deutschen Sprache, vielleicht nur Thomas Mann und Kafka übertreffen ihn. Es ist ein Vergnügen, es ist eine Erleuchtung, ihn zu lesen. Wenige erzählen so gut eine so traurige Geschichte.

Dojno Faber trägt autobiografische Züge. Denn Sperber selber war ein Kommunist, der den Glauben daran verlor, ein Jude aus Galizien, der in Wien aufwuchs und zu einem Schüler des ­Individualpsychologen Alfred Adler wurde, sich mit ihm aber zerstritt; beide waren wohl keine einfachen Menschen. Das mag der Grund gewesen sein, warum Sperber sich auch von der KP löste, damals 1937, als im Westen allmählich bekannt wurde, wie Stalin seine Partei «säuberte», sprich: Tausende von Menschen umbrachte. Nicht vielen Kommunisten öffnete das die Augen: Aber Sperber, ein hochtalentierter Querulant, spürte rasch, wie gefährlich die KP war, was ihm sicher nicht leicht fiel. 1933 war er schon aus Berlin vertrieben worden, wo er gelebt hatte. Als Kommunist und Jude war er zweifellos am falschen Ort. Nun lebte er zwischen Stuhl und Bank, niemandem war er willkommen, keine Heimat war ihm geblieben. Während des Krieges floh er in die Schweiz. Nachher lebte er in Frankreich. 1984 starb er in Paris.

Manès Sperber, «Wie eine Träne im Ozean». (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.07.2015, 07:42 Uhr

Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung.

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