Nichts ist so verquer wie die Realität

Zum Tod des Basler Schriftstellers Jürg Laederach.

Der kreative, intellektuelle Esprit. Jürg Laederach in seinen eigenen vier Wänden, September 2011.

Der kreative, intellektuelle Esprit. Jürg Laederach in seinen eigenen vier Wänden, September 2011. Bild: Roland Schmid

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dem Mann blieb, obwohl er weder dem Alkohol noch dem Nikotin zugesprochen hatte, an gesundheitlichen Herausforderungen zeitlebens nichts erspart. Eine schwere Niereninsuffizienz fesselte ihn schon früh an die Dialyse. Nach Jahren des Wartens gelang eine Transplantation schliesslich erst bei einem zweiten Anlauf. Dazu kamen Diabetes und, aus alledem resultierend, eine zunehmende Immunschwäche. Und mehrere Unfälle: Einmal wurde Jürg Laederach, als er das Basler Restaurant Chez Donati aufsuchen wollte, auf dem Fussgängerstreifen von einem Velofahrer über den Haufen gefahren, ein andermal zerquetschte ihm ein rückwärts fahrender Lieferwagen den Vorderfuss. Die Folge waren jeweils Spitalaufenthalte mit etlichen Komplikationen. Und zuletzt kam die Diagnose Hautkrebs.

Die Krankenakte des 1945 in Basel geborenen Schriftstellers, der 1974 mit dem Erzählband «Einfall der Dämmerung» im Suhrkamp Verlag debütierte, erwähne ich hier nur, weil er auch selbst nie ein Geheimnis daraus machte. Und weil sie seinem Werdegang als Autor, dem im deutschen Sprachraum zwischen Bern, Graz, Frankfurt und Berlin schon bald eine verschworene Fangemeinde zuwachsen sollte, letztlich nichts anhaben konnte.

Trotz aller zeitweiliger Beeinträchtigungen, an denen manch anderer längst verzweifelt wäre, behielt Jürg Laederach stets seinen kreativen intellektuellen Esprit und seinen hintergründigen Sprachwitz. Mit einer nicht zu bremsenden Leidenschaft arbeitete er an seinen Texten, die ihm seine schier unerschöpfliche Fantasie diktierte und in denen sich auch seine ungeheure Belesenheit spiegelte.

Real und surreal

Kein gedanklicher und dann auf die Möglichkeiten seiner sprachlichen Ausformung und Variation überprüfter Einfall war ihm zu verquer, als dass Laederach es nicht geschafft hätte, ihm metaphorisch ein Stück Realität abzugewinnen. Denn wie wir aus der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts wissen, kann das Surreale, das einen in Wach- und auch Albträumen heimsucht, den Blick auf die Wirklichkeit oft ergiebiger schärfen als alle theoretische Analyse.

Jürg Laederach wandelte in seiner Literatur stets auf dem schmalen Grat zwischen Himmel und Hölle – «Harmfuls Hölle» hiess 2011 denn auch sein letztes Buch, worin wir folgende Passage finden: «Die eigenen Sätze regneten auf ihn herunter. Stell dir Nietzsche mit einem Banjo vor.» Ein Bild, das – wie immer bei diesem Autor – wörtlich zu nehmen ist und doch, wenn man das tut, noch viel mehr darüber hinaus konnotiert. Dieser Band enthält mit der Erzählung «Harmful in der Hüttenreihe» auch ein Paradestück zum Thema Gut und Böse, das in einer alles andere als heimeligen Chalet-Kolonie spielt und groteske hierarchische und Geschlechterverhältnisse zum Purzeln bringt.

Schon in seinem erwähnten Erstling setzte Laederach die Latte für seine künftigen, oft auch munteren, doch stets etwas unheimlichen literarischen Eskapaden. Da erfand er zum Beispiel ein Viech namens Akkeltronn, das er so beschrieb: «Ein seltsames Tier, ohne Liebhaber. Es hatte seine Magenwände im Mund und frass mit dem fünften Kniegelenk, das es hinter sich nachzog.» Doch was heisst hier «erfinden»? Ich bin überzeugt, dass Jürg Laederach diesem Akkeltronn – in welcher Sphäre seiner Existenz auch immer – begegnet ist. Erfunden hat er nur seinen Namen.

Saxofon und Klarinette

Dieser Schriftsteller verwirrte und brillierte als Prosaist, Theaterautor, Übersetzer vertrackter französischer und amerikanischer Autoren wie Walter Abish, Maurice Blanchot oder William H. Gass, glänzte aber auch als Meister der Improvisation an Saxofon und Klarinette, der gleichzeitig über Jazz (und Musik überhaupt) virtuos zu schreiben wusste – ein paar Jahre lang einst auch regelmässig für diese Zeitung. Das Aufgehen in Musik verband ihn nicht zuletzt auch mit seiner Frau, der ihrerseits unkonventionellen Pianistin Marianne Schroeder.

Nicht von ungefähr hiess 1984 eines von Laederachs bekanntesten Büchern «69 Arten den Blues zu spielen». Aber auch in seinen übrigen rund zwanzig Prosa-Publikationen betrieb er eine immer wieder überraschende Sprachakrobatik, die sich indes nie als l’art pour l’art verstand, sondern als Methode, die verschiedensten gesellschaftlichen und psychischen Aggregatszustände in Sprache zu bannen, die miteinander verquickt für das heillose und doch immer wieder auch reizvolle Durcheinander auf Erden sorgen.

Mathematik und Physik

Jürg Laederach, der sowohl Mathematik und Physik als auch Literatur- und Musikwissenschaft studiert hatte, ging das System Sprache mit ebenso viel naturwissenschaftlicher Stringenz als auch Fantasie an, um es künstlerisch neu zu kodieren. Dabei entstanden in immer wieder neuen Variationen rhythmische Textflüsse voller Brüche und Kadenzen, die den Leser auf ein gedankliches und emotionales Terrain voller Überraschungen führen.

Ein Roman von Laederach entwickelt nie eine auf Anhieb nachvollziehbare Handlung, sondern beginnt mit jedem Abschnitt neu, um am Ende mitzuteilen, dass im Grunde erst jetzt mal der Boden für einen weiteren Anfang bereitet ist.

Dahinter steckt die Frage: Was bedeutet, wenn man sich nichts mehr vormachen will und kann, Leben? Tun? Unterlassen? Und was resultiert daraus, wenn man sich bewusst ist, dass man in seiner eigenen und kollektiven Existenz stets sowohl Triebfeder als auch getrieben ist – mit letztlich unabsehbaren Konsequenzen?

Ich und Es

Immer wieder kreiste Laederach in aberwitzigen, manchmal gespenstischen Szenarien diese Fragen ein, die ja oft mehr Verwirrung stiften als Klärung. Dies mindestens, seit Arthur Rimbaud die Formel «Ich ist ein anderer» in die Welt setzte, Sigmund Freud das Dreigestirn Es, Ich und Über-Ich erfand – und Samuel Beckett mit Wladimir, Estragon, Pozzo und Lucky ein unsterbliches literarisches Quartett, das seit 1948 vergeblich auf einen gewissen Godot wartet.

In seinen Grazer Poetik-Vorlesungen, die 1988 unter dem Titel «Der zweite Sinn oder Unsentimentale Reise durch ein Feld Literatur» erschienen, sprach Laederach vom Spannungsfeld zwischen Ordnung und Chaos, in dem Literatur entsteht. Er beschrieb seine «Vorliebe fürs Chaos, die so ungeordnet ist, dass sie ihr Ziel, das Chaos, mitunter vergisst und der Ordnung dient». Und betonte seine Lust am Assoziieren und am Sprunghaften, die er nicht jedes Mal «legitimieren» wolle, denn das wäre zu «umständlich» und würde «einen wahren Verwaltungsapparat erfordern».

Lust und Genuss

Damit ist klar, dass die Lektüre seiner Bücher mit Lust und Genuss nur angehen konnte, wer sich auf deren Entstehungsprinzip einliess und den Laederach’schen Gedankensprüngen folgte, auch wenn sie ihm zunächst einmal kurios vorkamen. Daran scheiterten wohl so manche, was der Schriftsteller ihnen freilich nie übel nahm. Wie er auch überhaupt ein ausserordentlich freundlicher Zeitgenosse war, der sich für andere Menschen und ihre Lebens- und Kreativwelten interessierte. Er war sich stets bewusst, dass er keine Bettlektüre herstellte.

Gleichwohl fand er viel Anerkennung. 1985 erhielt er den Manuskripte-Preis des Landes Steiermark (Graz und die dort erscheinende Literaturzeitschrift manuskripte waren schon früh seine zweite Heimat); 1988 folgte der Literaturpreis der Stadt Basel. Anschliessend wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur, mit dem Grossen Literaturpreis der Stadt Bern, aus der seine Familie stammte, und dem Italo-Svevo-Preis geehrt.

Fremdes und Eigenes

Im Theater Basel brachte Anna Viebrock, die geniale Bilderwelten-Erschafferin zu Christoph Marthalers Stücken, Laederachs Universum mehrmals auf die Bühne, was den Schriftsteller ungemein freute. Doch sollte sich dabei, so lustvoll verschroben diese Abende waren, auch erweisen, dass die Dreidimensionalität nur bedingt bebildern kann, was sich bei der Beschäftigung mit Laederach-Texten im Kopf des geneigten Lesers abspielt: Dort nämlich verbindet sich, was der Autor an Material serviert, im stillen Kämmerlein umso heftiger mit der eigenen Situation und Vorstellungskraft – und setzt eine Eigendynamik in Gang. Und die ist bei jedem Menschen, der sich mit einem Buch auf eine Reise begibt, eine andere, die ohne irgendeine schon interpretierende Vorgabe einen speziellen Film auslöst.

Nun ist Jürg Laederachs Stimme verstummt. Nachdem seine körperlichen Kräfte immer mehr nachliessen, ist er am Montag im Alter von 72 Jahren verstorben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.03.2018, 00:30 Uhr

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Haben keine Höhenangst: Zwei Fensterputzer haben sich in Tokyo als Hund und Wildschein verkleidet. Die beiden Tiere sind in Japan die Sternzeichen dieses und des nächsten Jahres. (13. Dezember 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...