Pegida-Soul

Xavier Naidoo sorgt wieder für Irritationen. In rechten Kreisen wird der Sänger abgefeiert.

«Stets voller Liebe»: Xavier Naidoo (45), Sänger der Band Die Söhne Mannheims, bei einem Auftritt anlässlich der Verleihung des deutschen Musikpreises «Echo» 2016.

«Stets voller Liebe»: Xavier Naidoo (45), Sänger der Band Die Söhne Mannheims, bei einem Auftritt anlässlich der Verleihung des deutschen Musikpreises «Echo» 2016. Bild: Keystone

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Es ist schon lange her, da bezeichnete ihn Udo Jürgens als «den grössten Hoffnungsträger der deutschen Musik». Xavier Naidoo, 45, machte etwas Undenkbares: deutschen Soul. Er sang: «Und wenn mein Lied meine Lippen verlässt/ Dann nur damit Du Liebe empfängst...» Es ist eine Musik, bei der man die Nasenflügel ein- und die Augenbrauen zusammenziehen muss. Naidoo verkaufte so Millionen Alben und wurde zu einem der erfolgreichsten Musiker Deutschlands.

Aber Xavier Naidoo sorgte auch immer wieder für Irritationen. Ende April kam das neue Album seiner Band Söhne Mannheims heraus und wurde zum Skandal, vor allem wegen eines Songs: «Marionetten». Naidoo fragt da: «Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?» Politiker nennt er «Sachverwalter», die von «Puppenspielern» gelenkt werden. So etwas nenne sich dann «Volksvertreter», Teile des Volks würden sie aber schon «Volksverräter» nennen.

Hymne der friedlichen Volksopposition

Naidoo näselt: «Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid/Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid.» Auch das sogenannte Pizzagate besingt Naidoo, eine üble und abstruse Verschwörungstheorie, wonach Hillary Clinton in einer Pizzeria in Washington Teil eines Kinderpornorings ist. Naidoo singt: «Wenn ich so ein’ in die Finger krieg’,/Dann reiss ich ihn in Fetzen/Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragrafen und Gesetzen.»

In rechten Kreisen wird Naidoo abgefeiert. «Marionetten könnte zur Hymne der friedlichen Volksopposition werden», schreibt das Magazin Compact. Die «ersten Hetzartikel der Systempresse» seien schon im Umlauf. Doch sei Naidoos Rückhalt ungebrochen. Die Grünen­-Politikerin Claudia Roth spricht hingegen von «plumpem und gewaltverherrlichendem Pegida­-Sprech». Mannheims Oberbürgermeister Peter Kunz verlangte Auskunft über die «antistaatlichen Aussagen».

«Bewusst überzeichnet»

Die schwierigen Söhne der Stadt trafen am Montag ihren Oberbürgermeister. Das Gespräch soll über drei Stunden gedauert haben. Gestern Morgen meldete sich Naidoo auf Facebook mit einem Eintrag aus seiner Künstlerwerkstatt. «Mein Unterbewusstsein hat ganz sicher Einfluss auf die Entstehung der Songs», schreibt Naidoo. Demnach spülte es in «Marionetten» den ganzen Schrott, den Naidoo im Internet zusammenliest, an die Oberfläche. Auf die psychologische Selbstanalyse folgt die Naidoo-Exegese mit soziologischem Touch. Bei «Marionetten» handle es sich um «eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen», die «im Rahmen einer künstlerischen Auseinandersetzung bewusst überzeichnet» sei. «Marionetten» ist nach Naidoo eine bewusst dramatisierte gesellschaftliche Bestandesaufnahme Deutschlands aus dem Unterbewusstsein.

Dass er weder rassistisch noch rechtspopulistisch sei, «bedarf für mich eigentlich keiner (erneuten) Erwähnung», schreibt Nadioo. Er sei schliesslich ein «multikultureller Mensch» und habe eine südafrikanisch-­irische Mutter und einen indisch-deutschen Vater. Seine Kunst, philosophiert Naidoo, sei «oft hinterfragend, teils kindlich» und «stets voller Liebe». Nicht anders sieht das auch Band-­Kollege Rolf Sahlhofen, der den Song als «Aufruf zum Dialog» bezeichnet.

Merkwürdige Aussagen

Dass es sich bei Naidoos Text um Klänge aus dem Unterbewusstsein handelt, ist möglich, aber eher unwahrscheinlich. Zu oft hat sich der «Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe» (Zitat Naidoo) schon mit merkwürdigen Aussagen an die Öffentlichkeit gewendet. Naidoo selbst ist der wütende Bauer mit der Forke, allerdings ein pazifistisch-­domestizierter, und als solcher vor allem ein grosser Wirrkopf. Sein Faible für Verschwörungstheorien ist bekannt. Wer an die offizielle Version von 9/11 glaube, habe «einen Schleier vor den Augen», glaubt Naidoo. Deutschland sei «immer noch ein besetztes Land». So klingt es auch bei den Reichsbürgern, einer Vereinigung, die für die deutschen Grenzen von 1937 kämpft. Naidoo ist 2014 vor versammelten Reichsbürgern aufgetreten. Später sagte er, das seien einfach Bürger, die glaubten, sie würden betrogen und belogen. Und dieses Gefühl habe er «irgendwie auch».

Leute aus diesem Umfeld haben schon richtig gehört: «Marionetten» ist ihre Hymne. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.05.2017, 12:50 Uhr

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