Am eigenen Ast gesägt

Florian Ast ist von seinem Rücktritt zurückgetreten. Eigentlich ging es gut ohne ihn. Doch auf seinem neuesten Album «Kurz & bündig» ist der einst erfolgreichste Musiker der Schweiz erträglicher als auch schon.

Fast schon kunoesker Sprechgesang: Florian Ast mit «Rolling Stones».


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Eigentlich hatten wir ja sein Schlagersänger-Ehrenwort: 2012 verkündete Florian Ast seinen Rücktritt als Solokünstler. Und weil er das in einem Moment tat, als seine Street- und Wanderweg-Credibility nach der Trennung vom Schlagerschätzeli Francine Jordi gerade zünftig ramponiert war, hallte kein kollektiver Schluchzer durchs Land. Es ging eigentlich ganz gut ohne ihn. Doch ihm selber ging es offenbar nicht ganz so gut ohne sich.

Seine Auftritte im Post-Karriere-Modus waren eher unglücklich. Einmal wurde er zusammen mit der sogenannten Hardrock-Gruppe Gotthard in der Funktion eines Handörgelers auf der Bühne gesichtet. Noch problembeladener war sein Auftritt unter den Scheinwerfern des Berner «Edel-Cabarets» ­Perroquet, der dummerweise von einer Telebärn-Kamera festgehalten wurde: Florian Ast hatte seine Rolle als Lausbub der Nation während eines All-Star-Jams wohl ein bisschen überstrapaziert, weshalb ihn der Mundartrock-Opa Polo Hofer zornig von der Bühne wies. Florian Ast meinte noch kleinlaut, dass er, der Polo, all seine Songs kopieren täte, doch zum Konkretisieren seiner Plagiatsvorwürfe kam er nicht mehr, weil der Hofer sich nun hausmeisterartig vor ihm aufgebaut hatte und ihm unmissverständlich zu verstehen gab, dass nun fertig sei mit lustig.

Achtbare Dichtakrobatik

Das gab natürlich zu reden. Und womöglich war dies gar ein Schlüsselmoment. Denn offenbar hat Florian Ast den Rat von Polo National beherzigt. Auf seinem neuesten Album «Kurz & bündig» ist nun tatsächlich Schluss mit lustig. Den Rammler und den Gemschelibock lässt Ast für einmal im Stall, und die Kuschelwiese am Lago Maggiore bleibt ebenso unbespielt wie das Petting-Sofa im Alpenrock-Café.

Auf die Bühne tritt ein Nachdenklicher, um nicht zu sagen ein Bekümmerter, um nicht der Versuchung zu erliegen zu behaupten: ein Denkarbeiter. Einer, der Dinge singt wie: «Nüt meh louft rund / i bi di Fähler / aber du bisch dr Grund.» Das darf im Ast-Kosmos durchaus als achtbare Dichtakrobatik gefeiert werden. Und auch wenn seine Betrachtungen der Welt wohl auch weiterhin in niemandes Poesiealbum übertragen werden, haben sie offenkundig deutlich an Tiefenschärfe gewonnen.

Auch musikalisch ist das stellenweise ganz locker und leicht geschlagen: In «Rolling Stones» gibts fast schon kunoesken Sprechgesang, in «Ade säge» einen hippen Breakbeat. Und sind das tatsächlich Spurenelemente von Mundart-Soul im Lied «I dräiie mi»? Bei Lichte betrachtet ist das natürlich immer noch durchaus pampiger Birchermüesli-Pop, aber so erträglich wie heute war der Ast in seiner nun doch auch schon fast 20-jährigen Karriere noch nie. Das schleckt kein Gemschelibock weg.

Der Skihüttenplausch

Als der Bub aus dem bernischen Kräiligen im Juli 1996 erstmals in die Schweizer Hitparade Einzug hielt, glaubte kaum jemand an die Nachhaltigkeit seines Tuns. Ein aufgekratzter alpiner Pop-Filou war er damals. Einer, dem man bestenfalls jene kauzige Volkstümlichkeit zugestand, die auch diesen wunderlichen Skifahrern eigen war, die in Baggern wohnten und redeten, wie – wie sie meinten – das Volk denkt.

Doch Florian Ast war verteufelt erfolgreich mit seinem Skihütten-Plausch. Praktisch jedes seiner Alben erreichte Platin-Status. Er konnte auf ein Publikum zählen, das immer von neuem gespannt war, was dieser sonderbare alte Bub ihm anzubieten hatte, ganz egal ob er nun mit dem Handörgeli oder mit der Hitmill-Brechstange um die Ecke kam. Eine Ahnung davon, wie dieses Publikum in etwa beschaffen sein mag, gab der gehörige Erfolg, welcher dem Schmachtfetzen «Träne» vergönnt war, den Florian Ast gemeinsam mit Francine Jordi aufnahm. Er verkaufte sich 60 000 Mal und war somit die erfolgreichste Schweizer Single seit der Erfindung der CD. Daneben war Ast als Produzent für Carlene Carter, die Stieftochter von Johnny Cash, tätig, für Gölä, DJ Ötzi oder für die Bellamy Bro­thers. Aber eben. Dann folgten die Negativschlagzeilen. Die Frauenzimmer wurden abspenstig, die männlichen Fans hielten zu Francine Jordi, und da kam so ein Rücktritt ganz gelegen.

Nun ist er also – durchaus ein bisschen reumütig – zurück («I würd lüge, wen i säge würd, sisch aues richtig gloffe»). Das Talent, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, ist ihm immer noch nicht eigen, und geblieben sind Sprachbilder, die haarscharf an der Perfektion vorbeischrammen («I wott dir nur no mau eifach e so Danke säge / Sisch nüt vergäbe / nei, so spiut s Läbe / Doch dr Schmid vom Schicksau wott nümme zämme häbe»).

Die neue Plattenfirma Muve ist dennoch ganz begeistert, steckt ihn für Foto-Sessions in Hipster-Klamotten und attestiert ihm in einem Bekennerschreiben Reife, Komplexität und Authentizität. Gerade die Sache mit der Komplexität ist dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben. Aber wenn er sich seinen berüchtigten Lausbubenübermut weiter so verklemmt, und wenn er weiter auf den prima-tollen Züri-West-Mischer Oli Bösch als Tontechniker setzt, dann nehmen wir ihn halt wieder auf, diesen bussfertigen 39-Jährigen. Schlagersängerehrenwortbruch hin oder her.

Florian Ast: Kurz & bündig (Muve Records)

(Der Bund)

Erstellt: 04.05.2015, 10:18 Uhr

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