Der Soul-Prinz von Burundi

J. P. Bimeni stammt aus der Königsfamilie des ostafrikanischen Kleinstaates und entkam Attentatsversuchen. In London verarbeitet er seine Geschichte in mitreissender Musik.

Beim Bestaunen des Newcomers J. P. Bimeni ist es essenziell, die Biografie mitzuerzählen. Quelle: Youtube


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Wenn das Debütalbum eines in Burundi geborenen Soul-Sängers beworben wird mit dem Slogan, dass hier der neue «brüllende Löwe von Afrika» zu hören sei, sollte man wohl peinlich berührt sein ob der Unverfrorenheit, mit der das Weltmusik-Marketing mit völlig überkommenen Klischees aus einem Individuum den Stellvertreter eines ganzen Kontinents macht. Der von seinem Label so getaufte Sänger heisst J.P. Bimeni und findet das aber halb so wild. «Das soll halt ein Spitzname sein. Ich frage mich nur, woher die wussten, dass ich als Kind ‹Mudibu› gerufen wurde? Das bedeutet bei uns ‹das Brüllen des Löwen›», sagt er.

J. P. Bimeni ist ein grosser, sehr schlanker und fein schmunzelnder Mann. Er singt mit einer für die Soul-Musik absolut wichtigen Mischung aus Butterweichheit und Kratzen in der Kehle. Man könnte an Otis Redding denken, wobei die Assoziation wohl auch von dem warmen Vintage-Sound kommt, den die spanische Band The Black Belts gut draufhat.

Mit ihr zusammen hat J. P. Bimeni – das J. P. steht für Jean Patrick – sein Debüt «Free Me» eingespielt. Fette Bläsersätze, federnder Bass, alles klingt schön knackig, und die Texte packen einen mit der Suche nach Liebe, Sinn, Freiheit. Wie wichtig ist beim 41-Jährigen die Geschichte – das, was vor der Musik kam und in die Songs und die Stimme mit einfliesst? Sie ist essenziell. Denn schon lange war es beim Bestaunen eines Newcomers nicht mehr so angebracht, die Biografie mitzuerzählen.

Burundi wurde 1962 unabhängig. Das Land wird immer wieder von Gewalt erschüttert. So bei der Wahl des Präsidenten 2015.

J. P. Bimeni lebt im Süden von London. Nach Grossbritannien floh er 1993, vermittelt durch ein Stipendienprogramm der Vereinten Nationen. In Burundi hatte man dreimal versucht, ihn zu ermorden. Anfang der 90er-Jahre war das, als die Spannungen zwischen den Hutu und den Tutsi in dem Land so eskalierten, dass es mehrmals Putsche, Hinrichtungswellen und Genozide gab. J. P. war Teenager damals. «Erst gab es ein Massaker an meiner Schule, viele meiner Mitschüler starben oder wurden vergewaltigt», erzählt er.

«Nein, so stirbst du nicht!»

«Das zweite Mal war ich mit meinem Roller unterwegs, und der Kämpfer einer Miliz zwang mich, ihn mitzunehmen. Dann wurde auf uns geschossen, eine Kugel traf mich an der Schulter, ich blutete schwer. Der Attentäter wollte mir noch eine Kugel in den Kopf jagen, aber sein Magazin war leer. Im Krankenhaus kam ich mit kollabierter Lunge wieder zu mir, und der belgische Arzt, der offenbar mit der Opposition sympathisierte, spritzte mir absichtlich Desinfektionsmittel. Das sollte mir den Rest geben, die Schwestern gaben mich schon auf. Aber ich sagte mir: Nein, so stirbst du nicht! Mein Bruder liess mich dann über Beziehungen nach Nairobi ausfliegen, wo mir der Botschafter im Krankenhaus eröffnete, dass mein Name auf einer Todesliste steht.»

Klingt unglaublich, ist aber wahr: ein Fluch des Blutes. J. P. Bimeni spricht darüber mit unfassbarer Gelassenheit. Seine Mutter stammt aus dem ehemaligen Königsgeschlecht Burundis, er steht in direkter Blutlinie mit Mwezi IV Gisabo (1840 – 1908). Der wird, so J. P. Bimeni, als «letzter König von Burundi» verehrt, auch wenn auf ihn bis 1966 noch zwei weitere Könige folgten, bis in dem Land die Militärdiktatur übernahm. Sie waren beide voll involviert in die Kolonialprojekte des Deutschen Reiches (Deutsch-Ostafrika, bis 1918) und der Belgier (Ruanda-Urundi, bis 1962). Wie überall in der Welt hat die Kolonialzeit in Burundi alles – das Machtgefüge, den ethnischen Frieden – durcheinandergebracht. Dort, wo Geschichte so unfassbar kompliziert ist und es fast keine Guten gibt, ist Unverwickeltheit ein kostbares, aber auch gefährliches Gut.

«Höchstens heimlich»

Fast alle Nachfahren der burundischen Königsfamilie leben heute im Exil in Frankreich. J. P. Bimeni hat noch Geschwister in Norwegen, Schweden, Kanada, Südafrika, Uganda. Nach Burundi zurückkehren könne er «höchstens heimlich», für kurze Zeit, ohne dass es jemand mitbekommt, sagt er. «Ich habe genug Drohungen bekommen. Selbst in London werde ich heute manchmal noch mit dem Tod bedroht.»

Musik kann eine Therapie sein, diese Binsenwahrheit bestätigt er gerne, «the whole way», voll und ganz. Songs zu singen, sei eine Möglichkeit, die eigenen traumatischen Erfahrungen zu einer Geschichte zu machen. Zu etwas, das sich externalisieren lässt. Auf J. P. Bimenis Album lässt sich das aus einem Song wie «Pain Is the Name of Your Game» heraushören, oder aus dem Eröffnungsstück «Honesty Is Luxury». In Letzterem geht es um ein Beziehungsdrama – oder um den Stolz eines Mannes, der dazu steht, der Musik irgendwann den Vorrang gegeben zu haben?

In «Honesty Is Luxury» hört man J. P. Bimenis Erlebnisse heraus. Mehr zu hören gibts hier.Quelle: Youtube

J. P. Bimeni hat in Oxford Wirtschaft und Politik studiert. «Natürlich wollte ich damals verstehen, wie Macht und Gewalt funktionieren, die beiden Dinge, die die Menschheit kontrollieren», erklärt er. «Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich, um meinen Teil zur Welt beizutragen, es gar nicht so machen muss wie andere Afrikaner, die im Westen die grossen Sachen studieren, um damit zurück nach Afrika zu gehen und dort dann die neue Führungselite zu bilden.»

«Viel zu philosophisch»

Seine Professoren in Oxford hätten seine Fragen immer «viel zu philosophisch» gefunden, sagt er. Daran habe er gemerkt, dass ihm die Einheit von «mind, body and soul» wohl doch wichtiger sei als Wirtschaft, Profit, Macht.

Heute ist er Vater von zwei Kindern. Seit zwei Jahren hat er die britische Staatsbürgerschaft. Die Entscheidung, Soul-Musik zu singen, sei ihm aber gar nicht leichtgefallen, erzählt er. «Soul erschien mir lange zu naheliegend für mich, abgesehen davon, dass ich vor den Soul-Grössen so viel Respekt habe. Ich habe erst ein Rock-Projekt gegründet, manchmal singe ich mit einem anderen Projekt auch afrikanische Musik. Aber die Leute haben mich immer wieder ermutigt und mir gesagt: ‹Du hast es, du hast Soul!› Inzwischen akzeptiere ich das, ich versperre mich dieser Kraft nicht mehr.»

Die Soul-Power ist ja eine recht merkwürdige Kraft, sie speist sich aus dem Kampf um Anerkennung, Selbstbehauptung, Liebe und, ja, manchmal auch das nackte Überleben. Dieser Kampf schlägt sich auf eine Weise Bahn, die beim Hörer nicht zu Unwohlsein führt, sondern zu Ergriffenheit und dem Gefühl menschlicher Verbundenheit. Dass das auch im Jahr 2018 bestens funktioniert, 50 Jahre nach Otis Redding, dafür ist J. P. Bimeni gerade das beste Beispiel.

«Es hat noch keinen Regen gegeben, der nicht irgendwann aufgehört hat», sagt er. Ein altes afrikanisches Sprichwort. Vielleicht werden ihm seine Songs ja tatsächlich helfen, auch in Burundi als Musiker so bekannt zu werden, dass er dorthin reisen und in Sicherheit auftreten kann? Am liebsten würde er Festivals in dem Land organisieren, andere Musiker mit einladen. Seine Stimme wäre dann wohl so etwas wie sein Schutz – oder wie das Brüllen eines Löwen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.12.2018, 14:57 Uhr

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