Der mit der rostigen Stimme

Steve Earle, der texanische Songwriter, kam im Volkshaus immer mehr in Fahrt.

Steve Earle & The Dukes: «You’re The Best Lover That I Ever Had» aus dem vorletzten Album. Quelle: Youtube/New West Records


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Er kommt auf die Bühne, schaut in den Saal und hält trocken fest, dass es diesmal weniger Leute habe als beim letzten Mal. «Fussball halt.» Die, die beim letzten Mal im November 2015 dabei waren, wissen, warum sie wieder gekommen sind. Denn damals gab Steve Earle mit den Dukes, seinem Quintett, im Volkshaus ein unvergessliches Konzert.

Das jetzige am selben Ort beginnt deutlich verhaltener. Das hat ein wenig mit der sparsamen Instrumentierung zu tun, aber auch mit dem Umstand, dass Earle zunächst nur Stücke aus «So You Wanna Be an Outlaw» aufführt, seinem letzten von 16 Alben, und leider sind diese neuen Songs, aufs Ganze gesehen, weniger gut gelungen als jene seiner beiden vorherigen Platten.

Sein grösster Hit: «Copperhead Road»

Auch sonst beginnt sein Auftritt auf seltsame Weise gebremst, geradezu kraftlos, erst nach einer halben Stunde hat er sein Spiel gefunden und steigert sich bis zum Ende in das Erwartete. Wie Bruce Springsteen neigt Steve Earle zu überlangen Konzerten mit Songs, die sich harmonisch auf die Dauer gleichen. Dennoch hört man beiden gern zu, weil sie ihr Defizit mit Intensität ausgleichen.

Mann ohne Mass

Am besten stehen dem heftigen Texaner jene Sorte von Liedern, die er und seine exzellente Band in der zweiten Halbzeit und dem ersten Teil der Verlängerung spielen: schwere, wuchtige, langsame Song, bei denen die ganze Band ihm zudient, er sich mit der E-Gitarre oder Mandoline begleitet und mit rostiger Stimme das Elend aus sich heraussingt. «I never believe in lost causes und hopeless cases, because at one time I was exactly that», sagt er in seiner direkten Art, er, der während Jahren Drogen nahm, Alkohol, Heroin und Kokain, der deswegen ein Jahr im Gefängnis sass, und der mittlerweile von sieben Frauen geschieden ist.

Dieser Mann, so scheint es, kennt nichts zwischen Ekstase und Verzweiflung. Genauso klingt auch seine beste Musik.

«Taneytown», live in Texas, 2000

Was dieses Konzert ebenfalls zeigt, das sich mit jedem Stück steigert, und zuletzt vom Publikum ausgelassen gefeiert wird: was dieser Musiker stilistisch alles draufhat. Traurig-schöne Countrynummern, komplett mit Fiedel und Steel-Gitarre, irisch angetrunkener Folk, Blues- und Rocknummer und Folkweisen in der amerikanischen Tradition eines Woody Guthrie, den linken Sänger, den Earle in seinem letzten Song evoziert. «Ich weiss nicht, was er zu dem sagen würde, was heute passiert», sagt er in Anspielung auf den amerikanischen Präsidenten – «aber eines weiss ich mit Sicherheit: Er wäre nicht überrascht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 09:00 Uhr

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