Die Eminem-Show

Der «Rap God» trat am Openair Frauenfeld auf – und zelebrierte die Rolle des ewigen Underdogs.

Der Rapper aus Detroit spielte laut eigenen Angaben in Frauenfeld vor einer der grössten Publikumskulissen seiner Karriere. (Video: Tamedia)

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Er wird nicht für alle Zeiten rappen, sagte Marshall Mathers nach der Jahrtausendwende, damals, als der weisse Bub aus Detroit als «bester» Rapper der Welt gegolten hat. Nun rappt er noch immer – und zwar vor einer der grössten Publikumskulissen seiner Karriere, wie Eminem gegen Showende sagt. Denn so viele erwartungsfrohe Menschen wollten ihn am Openair Frauenfeld sehen, dass es bereits eine Stunde vor Showbeginn auf dem verschlammten Festival-Gelände kein Durchkommen mehr gab.

Ob ihn diese ungebrochene Popularität als Bühnenerscheinung aber auch befriedigt, ihm ein wenig Ruhe verschafft, ist schwerer auszumachen. Denn Eminem tritt auch als 45-jähriger Superstar in der Pose des Unverstandenen, des ewigen Underdogs auf.

So, wie er das schmerzlich gelernt hat, als er sich in Detroit durchs Leben schlagen musste und im kompetitiven Battle Rap seine Berufung, seinen Ausweg gefunden hat. Der dann mit seinen ersten Platten unwahrscheinlich erfolgreich wurde, und stets unwahrscheinlich kontrovers beurteilt wurde – ähnlich, wie das auch die aktuelle Rap-Generation derzeit erleben muss.

Bereit für den Kampf

Aber Eminem ringt ja auch um einen Platz in einer komplett veränderten Rap-Gegenwart, der nach Jahren der Krise nicht mehr genau verortbar ist. Natürlich gelang ihm ein schlagzeilenträchtiger Anti-Trump-Freestyle im vergangenen Herbst, aber es ging dann auf seinem bald darauf folgenden Album «Revival» nur am Rande um Politik. So wie auch auf der aktuellen Tour, auf der seine Fans und seine Verächter wieder einmal spüren sollen, was für ein Schwergewicht des Rap er eigentlich ist.

«Ready for combat», bereit für den Kampf, rappt Eminem gleich in der ersten Nummer «Won’t Back Down». Und er, der im Introvideo zunächst als Godzilla in riesenhafter Eminemgestalt eine Grossstadt zertrümmert, ist in Frauenfeld nicht allein: Auf der Bühne begleitet ihn eine mit einem achtköpfigen Streichersatz aufgemotzte und fast überdimensionierte Band, die die Songs überraschend flach reproduziert. Sein Kumpel Mr Porter – quasi der Co-Host der Show – springt Eminem zur Seite, wenn es darum geht, das Publikum zu animieren und einzelne Zeilen zu übernehmen. Der Star des Abends kann sich so immer mal wieder ausklinken, was der Showdynamik und der Dynamik von Eminems so virtuosen Raptracks nicht gerade gut tut.

Video – Eminem disst Trump

Deutliche Botschaft: Eminems Rap über US-Präsident Donald Trump. (Video: Tamedia/AFP)

Aber es gibt für den Mann im Hoodie, dem T-Shirt und den Sweatpants ja auch derart viele Nummern zu absolvieren in dieser genau getakteten Show, in der die allermeisten Tracks nicht komplett ausgespielt werden. Man hört so wieder einmal die comichafte Rachefantasie «Kill You» – und gleich darauf «White America», das die Reaktionen auf jenen Songs spiegelt und mit den Bedenkenträgern in der Politik, in der Gesellschaft abrechnet. Er erzählt hier von einer Zeit, als im Weissen Haus nicht seine derzeitige Nemesis Trump, sondern George W. Bush sass, doch die Zeiten haben sich ja nicht entspannt, im Gegenteil. Dann wieder rappt er sich mit seinen atemraubenden Superskills, die auf dem Feld in Frauenfeld viel zu selten hervorragen, zum «Rap God» empor. Und er streckt die Mittelfinger in die Höhe, weil er gibt noch immer keinen «fuck» auf irgendwas. Behauptet er zumindest.

Die Gegenwart als Problem

Weil da ist ja noch Eminems Kreuz mit der Gegenwart, die ihn einfach nicht mehr verstehen will. Denn früher frass ihm die Welt aus der Hand, klagt er in der melodramatischen Ballade «Walk on Water», die sein aktuelles Album eröffnet. «Doch jetzt machen sich alle über mich lustig, rümpfen die Nase», aber hey, «bitch»: Er ist noch immer der Mann, der Songs wie «Stan» geschrieben hat. Und Eminem gibt gemeinsam mit der Sängerin Skylar Grey dann auch gleich jenes Meisterwerk über einen Superfan, der alles für bare Münze nimmt, was sein Held da alles rappt und den Tod findet.

Auf der Videowand in seinem Rücken hat die Stadt, in der der Godzilla-Eminem zu Beginn wütete, zu diesem Zeitpunkt der Show schon fast alles erlebt: Sonnenaufgänge, Sternschnuppennächte, Brände. Sie verwandelt sich dann in Brachland, und nachdem Eminem seine so grossen Hits verballert hat, wachsen neue Bauten in die Höhe. Eminem dankt dann jenen, die ihn nie fallen liessen, ihn vom ersten Tag an unterstützt haben. Es geht also um Loyalität, so, wie er das vorlebt, als er seinem Freund 50 Cent zum Geburtstag gratuliert. Dieses Gefühl, das ihm auch die Menschen, die seiner Show beiwohnen und die Tracks mitrappen und Fackeln zünden, geben.

Happy birthday @50cent from me and the fans in Switzerland!

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Er kehrt für sie dann noch einmal zurück, gibt zum Schluss «Lose Yourself», das davon erzählt, wie er seine einzige Chance gepackt hat. Und die es Eminem erlaubt, noch heute zu rappen – auch wenn die Underdogs längst die anderen sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2018, 10:59 Uhr

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