Porträt

Die Frau mit der Ideal-Linie

«Ich düse, düse im Sauseschritt» machte sie Anfang der 1980er-Jahre bekannt: Über 30 Jahre mischte Annette Humpe die deutsche Musikszene auf, nun erhält sie den Echo-Musikpreis für ihr Lebenswerk.

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Ihr grösster kommerzieller Erfolg ist sozusagen der Gegenentwurf zu Annette Humpes Lebenslauf: «Codo», 1983 für die österreichische Gruppe DÖF komponiert und produziert, handelt bekanntlich von einem doofen Ausserirdischen namens Codo, der im Sauseschritt die Liebe auf die Erde bringt. Die intelligente Humpe ist demgegenüber mit beiden Füssen auf der Erde, und karrieretechnisch war sie langsam unterwegs.

1979, als sie in Berlin zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Inga in der Band Neonbabies startete, war Annette schon fast 30 – im Popbusiness beinahe ein Greisenalter. Doch während Jungstars um ihren Stil ringen, fand sie bereits 1980 die Ideallinie: Mit Ernst Ulrich Deuker und Frank Jürgen Krüger gründete die Keyboarderin und Sängerin die Gruppe Ideal, ein Aushängeschild der Neuen Deutschen Welle. Mit dem Song «Blaue Augen» hatte die Band in ihrem gut dreijährigen Bestehen einen veritablen Hit.

H&M-Texte als Inspirationsquelle

Annette Humpe war vielleicht eine Spätzünderin, produzierte dafür keine Schnellschüsse. All ihre Karriereschritte plante sie minutiös und setzte den Fuss nur auf festen Grund. Das heisst aber nicht, dass sie ausgetretene Pfade ablatschte. Vielmehr betrat sie immer wieder Neuland: Frische deutsche Texte verband sie in ihren Kompositionen mit innovativer Musik aus Amerika und Grossbritannien. Seien das Songs für ihre eigene Band oder solche für Musikerkollegen wie Udo Lindenberg, Die Prinzen oder Nena.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» fragte Annette Humpe kürzlich in einem Interview, wie sie es schafft, textlich immer auf der Höhe zu sein. Ihre verblüffend einfache Antwort: «Manchmal entsteht so etwas ganz zufällig: Ich sehe zum Beispiel bei H&M ein Schild mit dem Slogan ‹Zwei für einen› – gemeint ist der Preis. Dann beginnt es in mir zu arbeiten: Das muss doch eigentlich heissen ‹Einer von Zweien›, dann kommt mir allmählich eine Geschichte dazu in den Sinn.»

Vom selben Stern

Das ist letztlich der Grund für die Popularität von Annette Humpe: Sie liess sich von Einfachem inspirieren und blieb in all ihren Arbeiten einfach und verständlich. Dies zeigt sich nur schon im schlichten Bandnamen Ideal, aber auch ihr letztes Bandprojekt Ich+Ich zeugt von dieser Einfachheit, die so betörend ist. Natürlich führte Humpe auch diese Duett-Formation zusammen mit dem Sänger Adel Tawil mit Song wie «Vom selben Stern» zum Erfolg.

Doch Humpe weiss auch, wann Schluss ist. Letztes Jahr verordnete sie Ich+Ich eine kreative Pause, und bereits seit 2007 war Adel Tawil bei Konzerten alleine auf der Bühne. Dem «Spiegel» verriet sie auch, warum: «Ich habe mich von der Bühne verabschiedet, bevor irgendjemand fragt: Was macht denn die Alte da auf der Bühne?»

Am Donnerstagabend, wenn die 60-jährige Annette Humpe im Berliner Palais am Funkturm auf die Bühne steigt, um sich den Echo-Preis für ihr Lebenswerk entgegenzunehmen, wird sich das bestimmt niemand fragen. Denn alle im Publikum und an den Fernsehern wissen, was sie für die deutsche Musikszene geleistet hat. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.03.2011, 12:04 Uhr

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