Eine Diva auf Jubiläumstournee

Ms. Lauryn Hill beehrt mit grosser Verspätung die Baloise Session.

<b>Als schwierig verschrien.</b> Viele Konzertveranstalter sind über die Jahre auf ihren Buchungen von Miss Lauryn Hill sitzen geblieben.

Als schwierig verschrien. Viele Konzertveranstalter sind über die Jahre auf ihren Buchungen von Miss Lauryn Hill sitzen geblieben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor beinah 24 Jahren, lang ists her, sang Lauryn Hill zum ersten Mal in der Schweiz. 1994 trat die Sängerin und Rapperin aus New Jersey mit dem amerikanisch-haitianischen Hip-Hop-Kollektiv Fugees in der Aktionshalle der Roten Fabrik in Zürich auf. Das nicht etwa als Headliner, sondern im Vorprogramm der einst angesagten Rap-Crew «Das EFX». Mit ihrem mitreissend engagierten Kurzauftritt fegten die drei Fugees Lauryn Hill, Wyclef Jean und Pras Michel «Das EFX» praktisch aus dem Gedächtnis dieses Schreibers. So in etwa muss der Anfang einer Weltkarriere aussehen.

1996 veröffentlichten die Fugees mit «The Score» eines der meistverkauften Hip-Hop-Alben aller Zeiten. Zu diesem Erfolg hatte die erst 20-jährige Lauryn Hill massgeblich beigetragen. Ihre stoische Interpretation des Soul-Klassikers «Killing Me Softly» hatte ein Publikum für die Fugees begeistert, das mit Hip-Hop sonst wenig anfangen konnte.

Erst auf ihrem Soloeinstand «The Miseducation of Lauryn Hill» entfaltete sie ihr ganzes kreatives Potenzial: Der weise Mix aus Hip-Hop, Doo Wop und Reggae liess «The Score» wie ein Trockenlauf wirken. Die erstaunliche Qualität von «The Miseducation of Lauryn Hill» schlug sich in Millionenverkäufen und Auszeichnungen nieder, von der amerikanischen Presse wurde Hill als eine der 100 einflussreichsten Menschen im Musikgeschäft gefeiert. Lauryn Hill, so las man, habe den Hip-Hop in den Mainstream überführt.

Auf «The Miseducation of Lauryn Hill» folgten Autoren- und Produktionsaufträge für so unterschiedliche Künstler wie Aretha Franklin, Carlos Santana und Mary J. Blige. Ihre Schwangerschaft habe diese plötzliche Produktivität ermöglicht, verriet Hill später. Nicht zufällig war ein Teil von «The Miseducation of Lauryn Hill» im Studio des grossen Bob Marley auf Jamaika entstanden, war dessen Sohn Rohan Marley doch Hills neuer Lebenspartner.

Kurzer Höhenflug

Hills kreativer Höhenflug hielt nicht lange an. «The Miseducation of Lauryn Hill» wartet bis heute auf einen Nachfolger, der ungeschminkte Konzertmitschnitt «Unplugged No. 2» (2002) wirkt wie ein Lückenbüsser. Überraschend fanden sich die Fugees 2005 für eine Europatournee wieder zusammen, medienwirksam deklarierten sie die Single «Take It Easy» als Amuse-Bouche aus einem neuen Studio-Album. Nach dem letzten gemeinsamen Konzert sagte Sänger und Gitarrist Wyclef Jean aber, dass er nicht wieder mit Lauryn Hill zusammenarbeiten wolle: «Lauryn hat einen Psychiater dringend nötig. Wenn sie will, übernehme ich sogar die Therapiekosten.»

Seit «Take It Easy» hat Lauryn Hill kaum wieder ein Aufnahmestudio betreten. Dafür steht sie in unregelmässigen Abständen auf der Konzertbühne. Wobei sich Ms. Lauryn Hill, wie sie sich heute nennt, als unzuverlässig erwiesen hat. Viele Konzertveranstalter sind über die letzten Jahre auf Buchungen sitzen geblieben, die die als schwierig verschriene Künstlerin nicht ehren wollte. 2006 musste auch die Baloise Session die Absage eines bereits bestätigten Konzerts einstecken.

Künstlerin im Wandel

2018 ist Ms. Lauryn Hill wieder auf Tournee, und das nicht ohne Grund. Im vergangenen Frühjahr wurde «The Miseducation of Lauryn Hill» 20 Jahre alt. Hill hätte aus diesem Jubiläum allerdings mehr Kapital schlagen können, als sie es getan hat: Auf die Veröffentlichung einer Spezialausgabe von «The Miseducation of Lauryn Hill» hat sie verzichtet. Möglicherweise gibt es juristische Gründe für den Entscheid, kein bislang unveröffentlichtes Bonusmaterial aus den Archiven zu holen. Bereits 1998 hatte das Musiker- und Produzentenkollektiv New Ark eine Urheberrechtsklage gegen Lauryn Hill eingereicht, weil sie es für die Mitarbeit am Millionenseller «The Miseducation of Lauryn Hill» nicht gebührend entlohnt hatte.

Nun hofft man, dass es am kommenden Montag tatsächlich zu Ms. Lauryn Hills erstem Basler Gastspiel kommt. Und dass sie dann bei Stimme ist. Man liest nämlich, dass Hills selten gehörter Gesang sich über die Jahre stark verändert habe. Wobei die kluge Künstlerin diesen Wandel schon auf «Unplugged No. 2» kommentiert hatte. «Wenn ich auf der Bühne ein bisschen kratzig klinge, dann doch nur, weil ich viele unterschiedliche Verpflichtungen habe», so Hill in einer ihrer vielen Moderationen. «Ich will doch nicht auf den Kontakt mit meinen Kindern verzichten müssen, weil ich am nächsten Tag ein Konzert habe.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.11.2018, 10:40 Uhr

Artikel zum Thema

Baloise Session 2018 mit Lauryn Hill, John Legend und Buddy Guy

Die Baloise Session bringt im Herbst den US-amerikanischen R&B-Musiker John Legend nach Basel. Am Festival treten zudem Lauryn Hill, Buddy Guy sowie zahlreiche Schweizer Musiker auf. Mehr...

«Die Berge haben wir überwunden»

An den rätoromanischen Literaturtagen «Dis da litteratura» herrscht Aufbruchstimmung. Wieso, das erklärt Mitorganisatorin Nadina Derungs. Mehr...

Rebell im eigenen Haus

Ueli Schmezer möchte SRF-Direktor werden. Darf er aber nicht. Jetzt ist der Berner hässig. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...