Hymne einer verletzten Stadt

Kurz nach der Schweigeminute für die Opfer des Manchester-Attentats stimmte eine Frau zum ersten Mal «Don’t Look Back in Anger» von Oasis an.

Schoss 1996 direkt auf Platz 1 der britischen Single-Charts: Das Video zu «Don't Look Back in Anger» von Oasis.


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And so, Sally can wait
She knows it’s too late as we’re walking on by
Her soul slides away
But don’t look back in anger
I heard you say

Der Klang des Trotzes war zum ersten Mal aus dem Innenhof der Chetham’s Music School zu hören. Das kleine Internat liegt nur wenige Hundert Meter von der Manchester Arena entfernt. Von jenem Ort also, an dem am 22. Mai 22 Menschen bei einem Selbstmordanschlag ums Leben gekommen waren. Im «Chets» hatten sich am Folgetag die Schüler versammelt – trotz Polizeisperre, trotz frühzeitig verordnetem Semesterende – und hatten «Don’t Look Back in Anger» von Oasis angestimmt. Gitarre, Streicher und Chor – ein kleines Statement für Zusammenhalt und Optimismus inmitten des Schocks. So begann das zweite Leben eines Britpopklassikers.

Um die Welt gingen dann die Bilder vom St. Anne’s Square im Herzen von Manchester. Kurz nach der nationalen Schweigeminute begann sie zaghaft zu singen: Lydia Bernsmeier-Rullow, Komikerin, Schauspielerin und LGBT-Aktivistin aus Manchester. Buntes Baseballcap, bunte Sonnenbrille, ein Strauss Blumen im Arm: «Slip inside the eye of your mind / Don’t you know you might find.» Spätestens beim Refrain sangen Hunderte auf dem Platz mit: «But don’t look back in anger / I heard you say.» Eine verletzte Stadt hatte jetzt ihre Hymne.

Die Szene vom St. Anne’s Square in Manchester.

Noel kennt keine Sally

Oasis hatten das Lied 1996 als vierte Single ihres Albums «(What’s the Story) Morning Glory?» veröffentlicht. Der Song schoss direkt auf den ersten Platz der britischen Singlecharts. Der «New Musical Express» erklärte den Refrain später zu einem der eingängigsten in der Rockgeschichte. Worum es im Lied ging, wusste Autor Noel Gallagher nie wirklich. Er hatte ein paar Akkorde und ein, zwei John-Lennon-Zitate verwurstet. Vielleicht waren Drogen im Spiel gewesen. Wer die Sally im Song sei? Er habe nie wirklich eine Sally gekannt, so Gallagher einmal in einem Interview.

Weshalb wurde aber ausgerechnet dieses Lied zur Anti-Terrorismus-Hymne einer Stadt? Vielleicht erklärt es Lydia Bernsmeier-Rullow selber am besten. Aus Liebe zu ihrer Stadt habe sie das Lied angestimmt. Und weil sie mit Oasis aufgewachsen sei. «‹Schau nicht im Zorn zurück› – darum geht es doch», sagte sie gegenüber dem «Guardian». «Wir sind heute alle vereint, und gemeinsam werden wir vorwärtsgehen – so macht man das in Manchester.»

Aus den Brachen kam der Indie

Für viele Mancunians steht der Song also für das, was ihre Stadt ausmacht: Zusammenhalt, Toleranz, Optimismus und Kultur. Man ist stolz auf die Canal Street, die so etwas wie das Epizentrum der britischen LGBT-Szene ist. Man ist stolz auf die Integrationsinitiativen der Stadt. Und vor allem: Man ist stolz auf das musikalische Erbe. Ausgerechnet aus der Trostlosigkeit der Industriebrachen schöpften Bands wie The Smiths, Joy Division und The Buzzcocks ab den 70ern ihre Inspirationen. Und machten Manchester zur Wiege der britischen Indie-Musik. Später folgten House-Musik und der Hacienda-Club, Madchester und die Stone Roses. Und am Ende eben: Britpop und Oasis.

Am vergangenen Wochenende sang Manchester noch einmal «Don’t Look Back in Anger». Beim Gedenkkonzert für die Opfer des Attentats stimmte Chris Martin von Coldplay den Song zusammen mit Ariana Grande an. Noel Gallagher war nicht am Konzert. Stattdessen hatte er klammheimlich Tantiemen für das Lied den Hinterbliebenen des Manchester-Attentats gespendet.

Coldplay und Ariana Grande singen den Oasis-Song. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2017, 13:30 Uhr

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