I wött i d Stadt – I wött uf Uzwil

Lyrischer Punk über die Themen Onanie und Landleben – geht das? Und wie! Die Band Knöppel füllt damit gerade die Schweizer Konzertlokale.

Odyssee zum Heimatbier: Marc Jenny, Daniel «Midi» Mittag und René Zosso sind Knöppel.

Odyssee zum Heimatbier: Marc Jenny, Daniel «Midi» Mittag und René Zosso sind Knöppel.

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Pink Floyds «The Wall» oder «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» von den Beatles – es gibt nur wenige Künstler, denen ein Konzeptalbum gelingt. Im Zeitalter von Streamingdiensten wie Spotify, wo der einzelne Song vermarktet wird, sind solche durchkomponierten Alben erst recht selten geworden. Doch die Schweizer Band Knöppel hat einen Beitrag zu dieser schönen Tradition gewagt, wenn auch ein nicht ganz so kunstvoller wie obige Musiker: Auf «Hey Wichsers» beinhaltet jeder der 18 Songs das W-Wort.

Gerade mal vor einem Jahr kam das Debütalbum heraus, doch bereits jetzt spielen Knöppel ihren fadengeraden Grunge-Punk in ausverkauften Konzertlokalen. Für den heutigen Auftritt im Salzhaus Winterthur, das 700 Personen fasst, sind alle Tickets bereits im Vorverkauf weggegangen. «Bedrohlich», findet das die Band.

Bedrohlich? Zutiefst irritierend ist es! Es kann an Knöppel-Konzerten nämlich vorkommen – nein: Es kommt ganz sicher vor –, dass die Menge aus vollen Kehlen Songzeilen mitbrüllt, die Masturbation als Universallösung feiern:

Weg em moralische Korsett/
Villicht au nume wil I wiedermol uufrume sött/
Es git nume no mich und mini Erektion/
Hüt wird ona/Hüt wird ona/Hüt wird onaniert!

Der Erfolg der Band ist zumal bemerkenswert, als Knöppel keine Unterstützung von den Radiostationen erhalten, weil die Songtexte einem breiten Publikum schlicht nicht zumutbar sind. Vielleicht auch deshalb werden die Knöppel-Konzerte von den Fans umso frenetischer begangen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Knöppel sich nicht mit gefälliger Swissness am internationalen Mainstream orientieren wie viele andere Schweizer Bands. Trotzdem sind die griffigen Songs sorgfältig komponiert, und die Melodien hängen einem auch Stunden nach dem Konzertbesuch noch in den Ohren.

Stoiker, der Vulgär-Troubadour

Knöppels pointierte Tiraden sind zwar stets unter der Gürtellinie, aber trotzdem nie schlüpfrig. Oft ist von Sex die Rede, aber eigentlich geht es darin um das Gegenteil: ums Nicht-Sex-Haben. Der Sound der Pubertät – oder doch eher jener der Midlifecrisis? Knöppel sind jedenfalls keine jungen Wilden, sondern drei Männer in ihren 40ern: Bassist Marc Jenny ist Profimusiker, Drummer René Zosso Autodidakt und Sänger-Gitarrist Daniel «Midi» Mittag Familienvater und Informatiker und als solcher hauptsächlich für den Bund tätig.

Mittag ist der Kopf der Band, er schreibt auch die Texte. Mehr als einmal pro Monat mag er mit Knöppel nicht auftreten, obwohl gerade deutlich mehr Auftritte drinliegen würden. Seit 25 Jahren führt er ein künstlerisches Zweitleben als «Jack Stoiker». Unter diesem Namen tingelte er bereits in den 90ern als Vulgär-Troubadour durch die Konzertkeller der Schweiz. Ein ewiger Geheimtipp, der dem angetrunkenen Publikum zeigte, dass Dada-Texte genauso schräg gesungen werden können, wie sie verfasst sind.

Das hört man auch noch bei Knöppel, zum Beispiel im Song «Harti Weirather», der nichts anderes als eine gegellte Aufzählung von Skifahrern aus den 70er-Jahren ist. Man muss das wohl gehört haben, um die anarchische Brillanz zu verstehen. Spätestens mit dem Lied «Die Tütsche sind blöd», mit dem sich Stoiker für den Eurovision Song Contest bewarb, fiel sein ironisches Talent auch der Kleinkunstszene auf. Doch diese war nicht seine Welt, dazu fehlt ihm nach eigener Einschätzung die Professionalität. «Stoiker ist pubertär, Knöppel vorpubertär», sagt Daniel Mittag über seine Musik.

Das ist allerdings kokettierend zu verstehen. Denn an Knöppel-Konzerten gibt es notabene nicht weniger Frauen als bei anderen Alternative-Konzerten. Und vor allem besteht das Publikum nicht nur aus Jungen, die mitbrüllen, sondern aus mindestens so vielen Familien­vätern, die entweder dasselbe tun oder dann in den hinteren Reihen intellektuell mitlächeln, wenn Knöppel eine ihrer Provinz-Hymnen zum Besten geben, etwa das grossartige «Uzwil»:

I wött en Selecta-Automat und en Kebab-Stand/
Und i wött emal Pommes frites esse im Migros-Restaurant/
I han die Landluft langsam satt/
I wött i d Stadt – I wött uf Uzwil.

Knöppel-Song «Uzwil»

Kein Wunder, räumen Knöppel in Städten genauso ab wie auf dem Land. Das ist eine weitere Aussergewöhnlichkeit dieser Band, die sich mit ihren Liedern wohl die demografische Tatsache zunutze macht, dass die meisten Schweizer aus einem Kaff stammen und das Gefühl gut kennen, einer vermeintlich zurückgebliebenen Gesellschaft entwichen zu sein. Gleichzeitig ist da aber auch das Heimweh nach der Provinz. Der St. Galler Daniel Mittag, der wie René Zosso in Freiburg lebt, nennt Knöppel gar ein «Heimwehprojekt». Und so holt die Gruppe ihre Fans auch hier voll ab, mit einer gesungenen, zunehmend eskalierenden Odyssee zum Lieblingsbier – einem St. Galler Schützengarten:

Irgendwenn muess ja en Schpunte mit Schützegarte cho/
Aber wiiter in Richtig Vorstadt wirds au nöd schöner/
I wött Schüga, Schüga, nöd Döner.

Man könnte dem auch Funpunk sagen, was allerdings unangebracht abschätzig tönt und an Bands wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte erinnert. Denn wie bei guter Komik steckt in Knöppel nicht nur Spass, sondern viel Wahres; es geht um Konventionen und Verstösse gegen die Höflichkeit, die mancher gerne machen würde, aber sich nur in Gedanken getraut.

Apropos Normen: Die Bandmitglieder bezeichnen sich als links. Da stellt sich die Frage, wieso Knöppel keine politischen Songs im Programm haben. «Zu viele Künstler beziehen Stellung zu Dingen, von denen sie keine Ahnung haben», sagt «Midi» Mittag: «Ausserdem wollen wir ja auch der anderen Seite Platten verkaufen.» Eine ehrliche Antwort – und dass die Welt komplexer als links und rechts ist, wissen Knöppel-Fans sowieso:

S Läbe isch kei Gelateria/
Sondern e miesi Kantine/
Mit viel zvill Wichser drin.

Knöppel-Song «Harti Weirather»

Jack Stoiker – «Di Tütsche Sind Blöd»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2017, 17:43 Uhr

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