«Ich kenne die Vorwürfe – der Rosa, die Mauscheleien, der Kommerz»

Oliver Rosa, Veranstalter der Swiss Music Awards, polarisiert – weil er auszeichnet, was bereits erfolgreich ist. Dabei meint er es doch nur gut mit der Schweizer Szene.

Liebt die Musik, aber eben auch den Event: Organisator Oliver Rosa. Foto: Samuel Schalch

Liebt die Musik, aber eben auch den Event: Organisator Oliver Rosa. Foto: Samuel Schalch

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«Event first!», sagte er einmal, als es darum ging, was für ihn zähle. Um gleich zu relativieren: «Das war jetzt vielleicht allzu plakativ.» Denn eigentlich ist Oliver Rosa, der auf einem Sofa in einem Sitzungszimmer seiner Zürcher Agentur sitzt, kein lauter Verkäufer, wenn er über den Anlass spricht, den er als Geschäftsführer verantwortet.

Oliver Rosas Event sind die Swiss Music Awards – jene Veranstaltung, die jeweils im Frühjahr die Schweizer Musikbranche in Wallung versetzt. Die Veranstaltung polarisiert, weil sie seit elf Jahren jene Popmusiker auszeichnet, die bereits erfolgreich sind. Bligg, Stress, Bastian Baker, man kennt die Namen nur allzu gut aus den Formatradios und den Charts. Das streitet der 45-Jährige mit dem 5-Tage-Bart auch gar nicht ab. Im Gegenteil: «Wir zeichnen die erfolgreichsten Künstler und Künstlerinnen aus, um eine Breitenwirkung zu erzielen, damit wir auf dieser Plattform auch neue Talente vorstellen können.» Er spricht diese und ähnliche Sätze unerschütterlich aus, scheinbar unbewegt auch, als prallten alle Bedenken am Anlass an ihm ab. Rosa sagt ja auch: «Ich bin schon lange dabei und habe mir eine dicke Haut zugelegt.»

Die Karriere des KV-Absolventen begann in der Schweizer Popindustrie beim Musikvertrieb. Einem Indie-Label, wie er betont. Er wechselte schnell zur neu gegründeten Schweizer Zweigstelle des Majorlabels Warner, machte verschiedene Marketingjobs, stieg auf, wurde Direktor für drei Jahre.

Für die Industrie

In jenen mittleren Nullerjahren, als die Musikindustrie von illegalen Downloads gebeutelt wurde, ersann dann die IFPI, die Interessenvertretung der Schweizer Labels, die Swiss Music Awards. Auch weil Rosa und seine Kollegen merkten: «Die Schweizer Szene bewegt sich stark.» Sie hatten das Gefühl, dass ein Preis, wie er in anderen Märkten bereits existierte, wichtig wäre für die Entwicklung heimischer Künstler. Er zählt auf: Stress sei ja damals noch frisch im Markt gewesen, gleich wie Baschi oder die Lovebugs.

Als 2008 die erste Ausgabe im Zürcher Kaufleuten ausgetragen wurde, wurde aber ein Preis aus der Taufe gehoben, der von der Industrie und für die Industrie gestaltet wurde. Die Hälfte der Nominationen ging damals auf das Konto des Branchenführers Universal Music – der Chef der Schweizer Niederlassung, Ivo Sacchi, war und ist gleichzeitig IFPI-Präsident.

Ein Geburtsfehler? Oder schlicht eine Klüngelei? Oliver Rosa sagt: «In der IFPI sind ja auch Kleinstlabels vertreten, es ging nie um Partikularinteressen. Aber das Reglement gewichtete damals die kommerzielle Komponente noch weit höher, als sie dies heute tun. Man muss auch mal Erfahrungen sammeln dürfen.» Rosa sammelte Erfahrungen, der Anlass wuchs bis zur Hallenstadiongrösse an und findet nun erstmals im Luzerner KKL statt. Der Umzug geschieht nicht aus finanziellen Gründen, wie Rosa betont, sondern wegen einer Neupositionierung des Anlasses: «Luzern liegt im Zentrum der Schweiz, die SMA sind ein nationaler Musikpreis.»

«Es ist eine Illusion, zu glauben, dass ich bestimmen kann, was in der Show passiert und wer auftritt.»Oliver Rosa, Veranstalter Swiss Music Awards

Das Image aber, dass es sich bei den Swiss Music Awards um einen abgekarteten Insider-Anlass handle, hängt dem Preis noch immer an. Was auch mit der kleinen Schweizer Musikbranche im Allgemeinen und Oliver Rosa selber im Speziellen zu tun hat: Er ist ja nicht nur Geschäfts­führer des Preises, sondern auch Partner des Musikunternehmens Gadget, welches Konzerte veranstaltet und Bands wie Pegasus, Hecht und Anna Rossinelli managt – Letztere wird in der vom Schweizer Fernsehen live ausgestrahlten Show vom Samstag auftreten.

Sind seine Bands da nicht arg übervorteilt? «Ich kenne die Vorwürfe – pah, der Rosa, die Mauscheleien, der Kommerz! Aber ich diskutiere über meine Bands nie aktiv mit – und es ist eine Illusion, zu glauben, dass ich bestimmen kann, was in der Show passiert und wer auftritt. Da staune ich jeweils sehr, was man für Vorstellungen hat.»

So wie die Vorstellung, dass man den Preis doch künstlerisch interessanter gestalten könnte, das Ungeläufige eher fördern sollte als das bereits Bekannte, das Populäre: «Es ist nicht unsere Aufgabe, einzelnen Segmenten den Preis so attraktiv wie möglich zu machen. Wir dürfen mit diesem Anlass nicht in den Elfenbeinturm der Hochkultur, sondern müssen versuchen, eine gewisse Breite abzubilden.» Und sowieso: Das werde ja schon mit dem Schweizer Musikpreis des Bundes abgedeckt, dessen Ziele er respektiert. Aber ob der Bund die Bedeutung der Swiss Music Awards für das Schweizer Musikschaffen anerkenne, das wisse er nicht.

Vielleicht kann es einer wie Rosa, der zwischen den verschiedensten Interessengruppen steht, auch niemandem recht machen.

Die Bedeutung der Swiss Music Awards liegt für Rosa neben der Ehrung für die einzelnen Musiker, die Karrieren prägen kann – wie beispielsweise jene von Steff la Cheffe –, und der Wertschätzung für die Branche bereits in der Aufmerksamkeit, die während dieser Zeit der Schweizer Musiklandschaft entgegengebracht wird. Negative Presse? Gehört in diesem Kampf um die Aufmerksamkeit dazu. So, wie im vergangenen Jahr, als über die fehlenden Frauen unter den Nominationen gestritten wurde. «Wenn wir als Veranstalter ein Anliegen der Schweizer Branche, einer Szene und von Musikschaffenden thematisieren können, dann ist uns sehr viel gelungen.» Die Debatte, die habe er ja auch forciert – mit einem eigenen Panel im Vorfeld der Award-Show. Es habe ihn vor allem Geld gekostet, sagt Rosa.

Es sind solche Aussagen, die provozieren. Vielleicht kann es einer wie Rosa, der zwischen den verschiedensten Interessengruppen steht, auch niemandem recht machen: Wenn er sich bewegt und beispielsweise die Nachwuchsförderung ins Zentrum der Swiss-Music-Awards-Kampagne stellt, so wie dieses Jahr, erscheint er einigen als Opportunist – zumal eine Teilnehmerin des eher diffusen Men­toring-Programms, die Sängerin Pamela Méndez, in einer Sendung auf SRF3 sagte, dass nicht viel passiert sei. Aber wenn Oliver Rosa gar nichts unternehmen würde, wären die Voten noch drastischer.

Mit Mutters Goldschmuck

Beklagen will sich Oliver Rosa nicht. Auch wenn er immer wieder betont, dass der Anlass, der ein Budget von 1,8 Millionen Franken – finanziert mit Sponsoren, Ticketerträgen und Beiträgen der Musikbranche – aufweist, ein «Hoselupf» sei. Er mag es bloss nicht, wenn man sich nicht mit ihm und seinem Anlass befasst, wenn man nicht das grosse Ganze – die TV-Show, den Event, die verschiedensten Interessen – im Blickfeld hat.

Und Oliver Rosa stört es auch, wenn man Musik bloss in gut oder schlecht kategorisiert. Natürlich, die Unterscheidungen, die er heute so stark ablehnt, hat er früher auch gemacht, stempelte Musik auch mal als «kommerziellen Seich» ab. Er erinnert sich dann an seine Schulzeit, als er von U2-Fans in den Brunnen geworfen wurde – nur weil er, der damalige Hip-Hop-Fan, im Ballonseidentrainer und dem Fake-Goldschmuck seiner Mutter aufgekreuzt ist. Ironischerweise toben diese Grabenkämpfe zwischen gut und schlecht, zwischen Elite und Kommerz, kurz: was eigentlich Schweizer Pop überhaupt ist, nie lauter als dann, wenn die Swiss Music Awards vor der Tür stehen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.02.2019, 11:21 Uhr

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