«Ich nehme die Musik viel zu ernst»

Edita Gruberova ist wieder da: Im Zürcher Opernhaus singt sie erstmals die Titelpartie in Bellinis «La Straniera». Im Interview sagt die 66-jährige Starsopranistin, warum sie keine Diva sei.

Jeder Auftritt eine Prüfung: Edita Gruberova in ihrer Rolle als Alaide in Bellinis «La Straniera».

Jeder Auftritt eine Prüfung: Edita Gruberova in ihrer Rolle als Alaide in Bellinis «La Straniera». Bild: Foto: PD

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Sie haben einmal gesagt, Sie seien beim ersten Hören der «Straniera» eingeschlafen. Wie wollen Sie Ihr Publikum wachhalten?
Ach, das hatte ich damals nur gesagt, um den Regisseur Christof Loy von seiner Idee abzubringen, diese Oper zu machen. Ich wollte eigentlich keine neue Partie mehr lernen. Aber er hat so sehr insistiert, dass ich mir das Stück dann doch genauer angeschaut habe. Und mit der Zeit kam die Vernunft.

Was haben Sie denn entdeckt?
Die Belcanto-Komponisten haben ja für die Sänger geschrieben, sie wussten, wer ihr Werk singen würde. Und wenn ich dann merke, dass meine Stimme zu einer Partie passt, dass Bellini vielleicht gern für mich geschrieben hätte: Dann ist das eine schöne Entdeckung.

Was ist das Besondere an der Musik der «Straniera»?
Es braucht wie immer bei Bellini einen langen, langen Atem – weil es eben lange, lange Melodien sind. Das muss man trainieren, wie ein Sportler. Und auch stilistisch braucht es Erfahrung, etwa bei den Verzierungen. Die Sängerinnen damals waren halbe Komponistinnen, die haben die Stücke oft bis zur Unkenntlichkeit ausgeschmückt. So soll es natürlich nicht sein; aber gar nicht zu verzieren, wäre eine Sünde.

Sie haben sich dem Werk langsam angenähert, in Konzerten, ohne Inszenierung. War das Absicht, oder hat es sich so ergeben?
Als ich vor etwa zwanzig Jahren anfing, mich für Belcanto zu interessieren, waren diese Opern auf den Bühnen kaum präsent. Also hat man konzertante Aufführungen gemacht. Und irgendwie habe ich gemerkt, dass mir das passt. Man kann zunächst noch mit Noten singen, dann ohne . . . Ich sage immer, meine beste Aufführung ist die hundertste. Okay, vielleicht die zwanzigste.

Sie gehen bei der Erarbeitung einer Rolle also immer von der Musik aus.
Ja. Der Text, der Plot, das Verhältnis zu den anderen Figuren, das kommt erst nachher. Und gerade in der «Straniera» präsentiert sich die Alaide zunächst tatsächlich nur musikalisch, sie singt hinter der Szene, das Publikum weiss noch nicht, wer sie ist, wie sie aussieht. Ich stelle mir dann immer vor, wie das klingt von aussen.

Woran denken Sie, wenn Sie singen? An die Technik, an den Inhalt?
An die Atmosphäre, die entstehen soll. Für mich ist jede Vorstellung eine Prüfung vor dem Publikum, und auch vor mir selbst. Ich will mir beweisen, dass ich das kann, das ist der Motor, der mich antreibt.

Sie sind sehr streng mit sich.
Sehr. Manchmal ist mir das selbst lästig. Ich arbeite sehr gern in meinem Garten, gerade jetzt, wenn alles blüht – aber ich weiss, dass ich das zwei Tage vor der Vorstellung nicht tun darf, weil mir sonst alles wehtut. Also muss ich ruhig bleiben.

Und die Diva spielen?
Das tue ich nie, auch für mich selbst nicht. Ich lese viel, habe drei Enkel, es gibt immer etwas zu tun im Haus – nein, eine Diva bin ich nicht.

Sie waren lange weg vom Zürcher Opernhaus. Wie ist es, wieder hier zu sein?
Die Zeit verging so schnell, ich habe es gar nicht als Abwesenheit empfunden. Aber ja, ich war zehn Jahre weg. Letztes Jahr hat mich dann der Herr Pereira angerufen, ob ich einspringen könne für einen Liederabend; auch da wollte ich abwehren, aber er kann ebenso gut insistieren wie Christof Loy. Und vielleicht war es gar nicht schlecht, dass ich zugesagt habe, so hatte ich keine Zeit, nachzudenken. Und jetzt bin ich wieder da.

Früher standen Sie oft in sehr schönen Kostümen in der Mitte der Bühne. Christof Loys Inszenierungen sind weniger statisch. Haben Sie sich in der Zwischenzeit als Schauspielerin entdeckt?
Ich hatte als Kind doch eigentlich Schauspielerin werden wollen! Bis der Pfarrer sagte, ich solle doch Sängerin werden. Es war nie so, dass ich den Regisseuren gesagt habe, sie sollen mich einfach hinstellen – das war halt das Konzept.

Sie hätten szenisch mehr machen wollen?
Ich bin für alles zu haben, wenn es sinnvoll ist. Schlechte Erfahrungen habe ich nur einmal gemacht, in Florenz, als Gilda im «Rigoletto». Der Regisseur wollte mich auf eine Schaukel setzen, na ja, das ist ja kein Problem. Aber dann sollte ich am Schluss als Tote auf dieser Schaukel, die nur ein Brett war, hochgezogen werden – da habe ich mich natürlich reflexartig festgehalten. Und als die anderen gelacht haben, habe ich einen Wutanfall gekriegt: Ich nehme die Musik ja viel zu ernst, und wenn ich so in dem Stück drin bin und in dem Tod, und es wird gelacht, dann bricht für mich eine Welt zusammen.

Bei der «Straniera» gibts nun keine Schaukel.
Nein. Die Zusammenarbeit mit Christof Loy, die vor ein paar Jahren in München begonnen hat, ist wirklich ein Glücksfall. Dass jemand szenisch etwas von mir will, das ist sozusagen die Erfüllung meines Mädchentraums. Besser spät als nie! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2013, 08:16 Uhr

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