«In Hochform unschlagbar»

Chris von Rohr über das letzte Treffen mit Polo Hofer auf seinem Balkon in Oberhofen am Thunersee.

«Unbeschreibliche Szenen». Polo Hofer gab wenig von seinem Seelenleben von sich, sagt Chris von Rohr.

«Unbeschreibliche Szenen». Polo Hofer gab wenig von seinem Seelenleben von sich, sagt Chris von Rohr. Bild: Keystone

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Der Morgen nach dem Tod von Polo Hofer. Kurz vor neun und auf der Suche nach einem Mann, der von Polos Leben reden kann. Chris von Rohr, natürlich, ganz andere Musik, aber dennoch selbe Liga irgendwie. SMS an Chris: Ob er da was dazu sagen könnte. Antwort: «Ich meld mich nach dem Frühstück.» Um elf Uhr telefonieren wir. «Hey, Dude.» «Hey, Bro.» Wie immer. «Ich seh grad über den See, den Lago Maggiore, grosses Kino. Bin jetzt in Ascona mit meiner Tochter zum Chillen nach dem Moon and Stars in Locarno, wo Krokus und Gotthard das Schlussbouquet waren. Eine stimmige Hardrockparty mit grossen Emotionen. Und 8000 happy faces.

«Wie hast du von seinem Tod erfahren, Dude?» «Beim Pizzaessen mit meiner Tochter. Klopft mir einer auf die Schulter und redet auf Deutsch, was ja kein Wunder ist, weil ja inzwischen nur noch hochdeutsch und schweizerdeutsch Sprechende im Tessin sind, da klopft mir also einer auf die Schulter und sagt: ‹Hey Chris, Polo ist tot.› Well, dann sitzt du mal da und alles und nichts und so.» «Und dann, der erste Gedanke?» «Shit, schlechtes Timing, das war der erste Thought.» «Schlechtes Timing von Polo?» «No, Bro, schlechtes Timing für mich, weil ich hier relaxen wollte, ganz in Ruhe, weg von Leuten, mit meiner Tochter weg vom Selfie-Amok und so weiter. Aber okay. That’s life. Es ist, wies ist. Schick mir da Questions, aber höchstens fünf, ich will noch in den See.»

BaZ: Wann hast du ihn zum letzten Mal getroffen?

Chris von Rohr: Das war vor ein paar Monaten bei ihm zu Hause in Oberhofen, wo er mir den ersten Krokus-Album-Umschlag, den er für uns gemalt hat, überreichte. Wie als Abschiedsgeschenk. Geistig war er noch voll da, aber sein physischer Zustand war schon Hardcore – nur noch Haut und Knochen – er tat mir echt leid. Wer im Krebsstadium nicht mehr isst, leitet automatisch den Countdown to death ein. Ich war schockiert.

Worüber habt ihr gesprochen?
Wie immer fast nur über Musik, Frauen und Bücher. In dieser Reihenfolge. Da wir mit Krokus letzthin den traditional Song: «House Of The Rising Sun» coverten, schenkte er mir die Memoiren einer Bordelldame aus New Orleans, die stark mit diesem Song zu tun hatten. Grossartige Story. Er wusste ja quasi zu jedem bedeutenden Song eine Geschichte.

Muss man sich das so vorstellen: Hofer und von Rohr sitzen auf dem Balkon in Oberhofen und reden über Sex, Drugs ’n’ Rock ’n’ Roll?
Na ja, von was sonst? Politische Themen haben wir bewusst vermieden. Witzig war, dass plötzlich eine Drohne auftauchte. Da wollte jemand wohl checken, ob Polo eine Hanfplantage auf dem Balkon hochzieht – yeah, wir haben viel gelacht, Veuve Clicquot getrunken, als ob nichts wäre, und er machte mir auch schmackhaft, endlich mit dem Autofahren aufzuhören: Mach dich so unersetzlich, sagte er, dass sie dich holen und bringen – das macht dein Leben einfacher, war seine Ansage. Kein schlechter Tipp. Und ich dachte, jetzt wo Polo für immer abgeholt worden ist, könnte ich ne gute Chance haben.

Hast du eigentlich mal mit ihm zusammengearbeitet?
Ja. Ich produzierte das Album «Härzbluet» und schrieb da ein paar Songs mit – der Höhepunkt war dann aber definitiv das Zusammentreffen zwischen ihm und der amerikanischen Legende Willy DeVille, das ich spontan arrangieren konnte. Das waren unbeschreibliche Wildwest-Szenen, inklusive Buschmesser und Clausthaler-Fake-Bier im Studio. Willy war auf Heroinentzug und das machte das ganze extrem unberechenbar – wir nahmen den Song: «Who’s Gonna Shoe Your Pretty Little Feet» als Duett auf – Polo Mundart, Willy auf Englisch. Es entstand im ganzen Mörderchaos eine der traurigsten und brillantesten Balladen – zu hören auf Polos «Best of Ballads».

Was wird bleiben von Polo?
Ich denke, ein paar starke Songs, seine Geschichten aus dem Leben und ein paar unvergessliche Auftritte. In den Hoch-Zeiten gab es hierzulande keinen besseren Rock’n’Roll-Entertainer als Polo. Yeah, wenn er in Hochform war, war er unschlagbar: so will ich ihn in Erinnerung behalten. Menschlich war er eher unnahbar. Er gab wenig von sich selbst, von seinem Seelenleben preis, was wohl mit seiner Herkunft zu tun hatte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.07.2017, 10:46 Uhr

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