Irène Schweizer erhält Schweizer Musikpreis

Die Jazzpianistin Irène Schweizer erhält den mit 100'000 Franken dotierten Schweizer Grand Prix Musik 2018. Wieso dieser Entscheid richtig ist.

Irène Schweizer ist zu einer Symbolfigur geworden, die über die Musik hinausweist.

Irène Schweizer ist zu einer Symbolfigur geworden, die über die Musik hinausweist.

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Seit 2014 wird der Schweizer Musikpreis jährlich vergeben. Und wenn die Hauptauszeichnung, der Grand Pix Musik, mitunter ganze Lebenswerke auszeichnet – wer könnte da auf Dauer Irène Schweizer ignorieren? Sie trägt ja das Etikett einer «First Lady der europäischen improvisierten Musik» und ist weltweit bekannt als Pianistin.

Bereits 2014 war Schweizer unter den Preisträgern (Preisgeld je 25’000 Franken), doch die Hauptauszeichnung ging damals an Franz Treichler von den Young Gods. Zum Unverständnis vieler. So ist der Preis an sie nur logisch.

Hinzu kommt, dass mit Schweizer dieses Jahr erstmals der Jazz als Sparte beim Grand Prix Musik obenaus schwingen darf. Dass aus dem Jazz vieles vom Kreativsten im Schweizer Musikschaffen stammt, ist mehr als nur ein überheblich wirkender Satz. Auch der Präsident der Preis-Jury, der Zürcher Tonhalle-Orchester-Klarinettist und Volksmusiker Florian Walser, sagt auf Anfrage, es sei auf der Hand gelegen, dass der Jazz berücksichtigt werde. «Die Schweizer Jazzszene ist unglaublich stark derzeit.» Und dennoch ist die Preisvergabe an Schweizer auch eine Überraschung. Dann, wenn man den Blick über den tagesaktuellen Rand hebt und sich das Ganze des Lebens der in einer Schaffhauser Wirtsfamilie aufgewachsenen Schweizer vergegenwärtigt. Man hat das auch schon mit einem Tellerwäscherroman verglichen: vom musikalischen Autodidaktentum in höchste Kulturhöhen.

Die junge Irène Schweizer arbeitete ab den 60ern an musikalischen Grenzüberschreitungen. Inspiriert vom Freejazz-Wegbereiter Cecil Taylor begann sie sich selber pionierhaft in freie Gefilde vorzutasten. Doch in der Schweiz wollte das bis in die mittleren 70er kaum jemand hören. «Ich war damals in Berlin oder London bekannter als in Zürich», blickt Schweizer zurück. Die Preisvergabe berichtet also auch davon, wie eine vormals verfemte ästhetische Flaschenpost sich öffnen und ins Allgemeine vordringen durfte.

Das ist natürlich schon seit längerem passiert. 1990 erhielt Schweizer den Kulturpreis der Stadt Schaffhausen, 1991 den Kunstpreis der Stadt Zürich. In den grossen Klassik-Sälen der Schweiz ist sie in den letzten Jahren solo aufgetreten. Eben hat sie den mit 50 000 Franken dotierten Kulturpreis des Kantons Zürich 2018 bekommen. In letzter Zeit stand das Politische von Schweizer aber fast mehr im Zentrum als ihr Musikalisches, wenn man über sie redete. Was Wunder auch: Sie war etwa in Zürich nicht wegzudenken, viele Spuren hat sie im Zürcher Kulturleben institutionell hinterlassen. Zudem war sie Teil der neuen Frauenbewegung in den 70ern und bekennende Lesbe.

Schweizer ist zu einer Symbolfigur geworden, die über die Musik hinausweist. Doch Irène Schweizer ist primär eine Musikerin – und der Preis lädt dazu ein, wieder einmal ins Klavierschaffen von Irène Schweizer einzutauchen. Ob das nun jüngere Arbeiten sind mit Saxofonistinnen und Saxofonisten wie Omri Ziegele, Co Streiff, Jürg Wickihalder. Ob es ihre frühen Soloalben sind wie «Wilde Senioritas». Oder ihre Duos mit Schlagzeugern wie Pierre Favre oder Han Bennink. Das wird klanglich für manches Ohr sperrig sein. Aber jeder muss spüren: Das ist ganz befreit und lebt von einer Freude am Springlebendigen, die Irène Schweizer weit gebracht hat. Gegen allen Widerstand.

Die weiteren Preisträger des Schweizer Musikpreis : Noldi Alder, Dieter Ammann, Pierre Audétat, Basil Anliker aka Baze, Sylvie Courvoisier, Jaques Demierre, Ganesh Geymeier, Marcello Giuliani, Laure Betris aka Kassette, Thomas Kessler, Mondrian Ensemble, Luca Pianca, Linéa Racine aka Evelinn Trouble, Willi Valotti. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2018, 11:11 Uhr

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