Der weisse Bluesmann

Der texanische Gitarrist und Sänger Johnny Winter starb in der Nacht auf Mittwoch in Zürich. Er lernte von den Meistern.

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Im Februar war er siebzig Jahre alt geworden, er war weiter aktiv, alleine für den August waren 15 Auftritte in Amerika geplant, nun ist er überraschend in einem Hotel im Bezirk Bülach tot aufgefunden worden. Über die Todesursache wurde noch nichts bekannt. Johnny Winter war der weisseste Bluesgitarrist der Welt gewesen, ein Albino mit langem, hellem Haar – aber der Eindruck täuscht.

Der Texaner hatte das Gitarrenspiel von den schwarzen Meistern übernommen, er orientierte sich am harten, elektrischen Stil der schwarzen Viertel von Chicago. «Ich lernte von ihnen, indem ich ihre Stücke Note für Note nachspielte», sagte er in einem Interview – «so lange, bis ich das Gefühl für die Musik entwickelte». Daraus resultierte ein virtuoses, stark verzerrtes Spiel, das sich durch flüssige, schnelle Melodielinien auszeichnete. An Konzerten konnte das zur leeren Virtuosität ausarten, vor allem in späteren Jahren, aber in seinen besten Momenten brachte Johnny Winter seine Gibson zum Swingen. Dazu sang er mit ausdrucksstarker Bluesstimme.

«Ich will diesen Mist nicht draussen haben»

John Dawson Winter III wurde am 23. Februar 1944 im südosttexanischen Beaumont geboren, zwei Jahre vor seinem Bruder Edgar, der sich ebenfalls als Musiker durchsetzte. Die Eltern förderten das Talent ihrer Söhne früh, der ältere wurde 1968 von Talentsuchern der Firma CBS entdeckt, die ihn für 600'000 Dollar Vorschuss unter Vertrag nahm, schon damals eine hohe Summe. Winter begann eine lange Karriere auf der Bühne und im Studio, die zwischenzeitlich unter seiner Heroinsucht litt, ihn aber davon wieder befreite.

Seine grösste Leistung sah er nicht in seiner Musik, sondern in der Produktionsarbeit für Muddy Waters, dem grossen Bluesmann aus Mississippi. Winter produzierte mehrere seiner Platten, bekam viel Lob für deren authentischen Klang und verhalf seinem Vorbild zu einem künstlerischen und finanziellen Späterfolg.

Wie viel wichtiger ihm die Musik war als das Geld, das er damit verdiente, zeigt seine Reaktion auf die unzähligen Platten, die ohne sein Zutun, aber unter seinem Namen erschienen sind. Wie ein Biograf errechnet hat, sind 85 Prozent von Winters Platten unautorisiert. «Ich will diesen Mist nicht draussen haben», sagte er, «denn er enthält schlechte Musik».

Anfang September erscheint Johnny Winters letztes Album. Es heisst «Step Back». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2014, 15:19 Uhr

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Johnny Winter, im Januar 2014.

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Winter zusammen mit Muddy Waters.

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Winter am Woodstock-Festival.

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