Liebe macht süchtig, also krank

Der texanische Songwriter Steve Earle und seine Band gaben ein wuchtiges, grosses Konzert.

Hier ist die Türe, falls du möchtest: Steve Earle gibt sein «Better Off Alone» zum Besten. (Quelle: Youtube / David Sell)


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Die Erkenntnis erreicht ihn nach anderthalb Stunden, beim 22. Song, den er an diesem Abend spielt. Was hat man nicht schon alles gehört von ihm und seinem exzellenten Quartett, schweren Blues, Country mit greinender Fiedel, Rocksongs, Balladen. Das Volkshaus ist eher schütter gefüllt wie sein Haar, das in Strähnen von ihm hängt, und vom Bart wollen wir gar nicht reden. Aber jetzt singt er, wie es steht um ihn, ein Stück aus seinem neuen Album «Terraplane», das Robert Johnson gewidmet ist, dem Streuner mit Gitarre aus Mississippi in den Zwanzigerjahren.

Der Titel sagt alles: «Better Off Alone», im wehmütigen Dreivierteltakt vorgetragen. Steve Earle war siebenmal verheiratet, zweimal mit derselben Frau, und auch die siebte Ehe ging kaputt, nach zehn langen Jahren, vielleicht entwickelt sein Konzert deshalb diese Wucht eines Irren, der nicht verstehen kann, warum sie alle von ihm gehen, seine Liebe sei doch unermesslich. Wahrscheinlich liefen sie gerade deshalb alle davon. «If you want to, there’s the door», singt er, «can’t imagine what you’re waiting for, ‘cause I know you ain’t the kind to ever change your mind». Hier ist die Türe, falls du möchtest, keine Ahnung worauf du wartest, ich weiss ja, deine Sorte ändert ihre Meinung nie. Ob er noch an die Ehe glaube, hat man ihn vor dem Auftritt gefragt («Züritipp» vom Donnerstag): Ja, sagte er – «solange ich nicht daran beteiligt bin».

Mann ohne Mass

Man glaubt ihm kein Wort, worauf schon sein Hinweis hindeutet, er sei wieder Single und hoffe, dass nicht nur Haarige und Alte an das Konzert gekommen seien. Und überhaupt: Wer so über Gefühle singt, die zu grossen, die zu komplizierten, die im falschen Moment, klingt nicht wie einer, der von ihnen geheilt wird. Er ist ein Mann ohne Mass. Er nahm Heroin, er kokste, er soff, er rauchte, er kiffte, und er liebte. Die Neurophysiologen erzählen uns, dass die Sucht neue Bahnen durchs Gehirn fräst, die Wege zu den Endorphinen, dem Heroin des Gehirns, werden überschrieben. Darum gibt es keine Heilung, nur Verzicht, aber einer wie er kennt das nicht, er kennt nur ein Wort: mehr. «Willkommen in meinem Albtraum», sagt er und besingt ihn dann: «CCKMP», die Abkürzung steht für «Cocaine Cannot Kill My Pain». Entzugserscheinungen in vollen Akkorden.

Die krachende Version: Earle spielt «Wild Thing».

Das wirkt jetzt so schwankend, doch Earles fantastisches, über zwei Stunden langes Konzert klingt hellwach, präzis, getränkt in der Geschichte der amerikanischen Musik, aber von einem Künstler gesungen, der sie sich zu seiner eigenen Geschichte macht und souverän über Dynamik, Phrasierung, Dramatik, Steigerung und Zurückhaltung verfügt. «Das ist das erste Lied, das ich nüchtern geschrieben habe», sagt er einmal und spielt es dann, «Goodbye», ein wunderbares Stück – es handelt von der Zeit, als er in Mexiko so high war und sich so ganz unten fühlte, dass er sich nicht mehr erinnern kann, ob sie und er sich verabschiedet haben, damals.

Ich glaube, ich liebe dich

Dass er nichts gelernt hat, obwohl er keine Drogen mehr nimmt, macht er selbstironisch selber deutlich: Als Letztes spielt er «Wild Thing» von den Troggs mit dem Neandertaler-Riff, das schon Jimi Hendrix zu einer krachenden Version inspirierte. Auch der Text kommt vom Stammhirn, und so muss es sein: «I think I love you, but I wanna know for sure.»

Die achte Ehe ist nur noch eine Frage der Zeit. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2015, 10:49 Uhr

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