Mit den Waffen einer Frau

Helene Fischer fesselte die 32'000 Besucher im St.-Jakob-Park. Die «sexy Super­woman» bewies, dass sie kein Püppchen ist, das von einem cleveren Manager aus der Retorte geformt wurde.

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Bevor Helene Fischer auf die Bühne tritt – vielmehr: bevor sie auf der Bühne erscheint, hochkatapultiert aus dem Unterboden –, tritt ein Präsentator auf, der dies und das zum Ablauf erklärt und unter anderem sagt: «Wir werden eine riesige Party haben!» Diese Form der verordneten Heiterkeit macht skeptisch. Doch dann steht sie da, die blonde Schöne, 30 Jahre alt, sexy, strahlend, fast wie Superwoman mit einem gelbgoldenen Kleid und einer Art Toga. Und ihre magischen Kräfte?

Die setzt sie ein. Zweieinhalb Stunden lang gelingt es ihr, die 32'000 Besucher im St.-Jakob-Park zu packen, zu fesseln und zu rühren. Sie fliegt einmal – während «Von hier bis unendlich» – von vier Drahtseilen gehalten wie Spiderwoman über ihr Publikum. Sie tanzt gekonnt, sie räkelt sich lasziv auf einem roten Kussmundsofa und sie stimmt, etwa nach zwei Dritteln ihres Konzertes auf einer zweiten, kleineren Bühne mitten im Stadion eines ihrer Lieblingslieder an: «The Rose», dank Bette Midler und dem gleichnamigen Film 1979 zum Hit geworden.

Kurz: Würde man Superwoman daran messen, in wie viel Rollen sie schlüpfen und sie ausfüllen kann, ohne je lächerlich zu wirken oder sich gar zu blamieren, Fischer wäre tatsächlich eine Frau der Superlative.

Das mag mit eine Erklärung für ihren derzeitigen sensationellen Erfolg sein. Das mag erklären, weshalb das Publikum so bunt gemischt ist. Teenies, die Mittelalterlichen und Ehepaare weit über 60 sind gekommen. Jene, die extra aus irgendwo in Deutschland angereist sind, und jene aus irgendeinem Krachen im Aargau sind da. «Männlein, Weiblein, Jung und Alt» begrüsst Helene Fischer zu ihrem Konzert in Basel. Und wenn die einen bei den typisch deutschen Schlagern wie beispielsweise «Fehlerfrei» Zeile für Zeile mitsingen, dann gehen die anderen eher beim Rock-Medley mit, wenn sie «Simply the Best» von Tina Turner oder «Männer» von Grönemeyer interpretiert.

Schlager, Disco, Rock, Balladen – all das wird geboten. Helene Fischer mag zwar nicht das Stimmvolumen einer Tina Turner haben, nicht eine Rockröhre wie Bonnie Tyler und nicht die sanfte Schlagerstimme der Mireille Mathieu, aber sie vermag zu bezaubern. Ihre langen Beine setzt sie immer wieder gekonnt in Szene, ihr Haar fällt wunderschön und sie weiss, dass sie Sex ausstrahlt, und geht mit dieser Urkraft von Superwoman gekonnt um.

Lust auf der Haut

Da ist nichts vom Aseptischen einer Mathieu oder einer Nicole. Das unterscheidet sie von den Schlagersängerinnen alter Garde. Fischer singt von einer Waffe, «für die es keinen Waffenschein gibt», von Lust, die auf ihrer Haut pulsiert. Und man schaut sie sich an, gut, lang und genau, und nimmt es ihr ab.

Der Toga ihres Kostüms entledigt sie sich schon nach zwei oder drei Songs und steht dann in einem Kleidchen da, das ein bisschen an Jane erinnert, die sich auf Tarzan freut. Um den Busen knapp und eng geschnitten, damit er auch ja zur Geltung kommt.

Die musikalische Bandbreite ihrer aktuellen «Farbenspiel»-Tournee steht im Einklang mit den fünf verschiedenen Outfits, die sie trägt: von sexy Super­woman zu Beginn über ein silbrigweisses Glitzerkleid, über eine Kreation in Rosa (zwischen Ballkleid und Negligé) bis hin zu schwarzen Jeans und einem smaragdgrünen Top, dem simpelsten aller gewählten Kleider. Als sie so – mit schwarzen Turnschuhen statt der Highheels – in der beschriebenen Manier über ihrem Publikum schwebt und turnt und taucht, fast wie eine Bodenakrobatin ohne Boden unter den Füssen, da jauchzt sie auch ein Mal völlig losgelöst ein entspanntes «Juhu».

Das Phänomen Fischer: Sie findet es selber erstaunlich, dass sie jetzt eine Stadiontournee vor wirklich grossen Massen macht. Sagt sie jedenfalls. Das habe sie alles dem Superhit «Atemlos» zu verdanken, der Schluss- und Höhepunkt ihres Auftrittes gleichermassen ist. Ein Lied, bei dem das Publikum endlich ganz aus sich herausgeht. Fischer meistert im Verlauf des Abends gekonnt zwei kleinere Pannen und beweist, dass sie kein Püppchen ist, von einem cleveren Manager aus der Retorte geformt.

Denn sie hat ohne Frage die Qualitäten einer guten Entertainerin, und wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann vielleicht diese bunte Vielfalt, die sie handkehrum so beliebt macht. Sollte man ihr also raten, die Schlager bleiben zu lassen? Oder wäre es umgekehrt klüger, sie würde auf eine deutsche Version von Bryan Adams’ «(Everything I Do) I Do It for You» und Ähnliches künftig verzichten? Wer so viel Erfolg hat, braucht keinen Rat. Aber es wird spannend sein zu sehen, wo Fischer steht, wenn sie das nächste Mal in Basel ist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.06.2015, 10:13 Uhr

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