Souveräne Rückkehr statt grosses Comeback

Die Basler Rap-Crew Brandhärd hat nach fünf Jahren wieder ein neues Album zustande gebracht – trotz Verpflichtungen in Job und Familie.

«Umarm sie»: Der Videoclip des eingängigen Brandhär-Clips.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Brandhärd sind jung genug, um eine Welt ohne Hip-Hop nie gekannt zu haben: Als Fetch, Fierce und DJ Johnny Holiday Mitte der 90er-Jahre in Allsch­wil zur Schule gingen, füllten MC Hammer, Ice Cube und die Beastie Boys bereits die grossen Hallen, gleichzeitig inspirierten die Pionierarbeiten von Black Tiger und MC Poet die Baselbieter, die eigene Rap-Crew zu gründen.

Brandhärd fanden sich 1997 zusammen und waren gut positioniert, die erste Hochzeit des Mundart-Rap 2003– 2005 mitzuprägen. Der Videoclip zum Song «Noochbrand» war beim Musik­kanal Viva zwischen 50 Cent und Snoop Dogg in der Heavy Rotation, ihre Tonträger verkauften sich bis zu 12'000 Mal. Auch spielte sich das umtriebige Trio vom Basler Sommercasino in die Zürcher Rote Fabrik empor, also in die heilige Halle des Schweizer Undergrounds. «Was uns besonders machte, war die Tatsache, dass wir keine Poser waren», erinnert sich Rapper Fetch. «Wir waren Normalos ohne Allüren.»

Agenda als Flickenteppich

Inzwischen sind Joel Gernet, Stefan Fierz und Tobias Gees, wie Fetch, Fierce und Johnny Holiday bürgerlich heissen, Mitte dreissig. Und haben neben Brandhärd andere Verpflichtungen. Sie sind als Journalisten und Rechts­anwälte tätig, Gernet und Gees haben Familien. Das macht Terminfindung und Langzeitplanung schwierig. «Die Agenda ist zum Flicken­teppich geworden», sagt Fetch. «Trotzdem habe ich noch immer das grosse Reissen, Musik zu machen: Ich definiere mich nicht über meinen Job, sondern über meinen Sound.»

Seit ihrem letzten Album «Blackbox» sind fünf Jahre vergangen, in denen Brandhärd live nur noch sporadisch aufflackerten. Im Internet versprachen sie wiederholt, das ursprünglich für 2012 geplante Werk sei bald fertig. Geglaubt hat man ihnen das immer weniger. Morgen Freitag erscheint «Zuckerbrot und Peitsche» endlich, das Album klingt mehr nach souveräner Rückkehr als nach grossem Comeback. Nicht umsonst bezeichnet Rapper Fetch Brandhärd als AC/DC des Rap. «Wir wollen uns nicht neu erfinden. Nur unsere Sache mit den Mitteln, die uns gerade zur Verfügung stehen, möglichst gut machen.»

Breites Spektrum

Auf «Zuckerbrot und Peitsche» blubbert Fetch baseldeutsche Reime mit Schnitzelbank-Qualität in die Welt hinaus, Produzent Fierce und Platten­leger Johnny Holiday liefern farbige Beats und dichte Scratches. In den langsamen Stücken erklingen Richard-Clayderman-Harmonien, und tatsächlich soll der Albumtitel die Extreme in Brandhärds Musik umschreiben. «Manche unserer Stücke sind pathetisch und zuckersüss», gibt Fetch zu. «Andere gehen mitten in die Fresse rein.»

Nicht zuletzt dank Brandhärd hat der Mundart-Rap seinen Weg ins öffentliche Bewusstsein gefunden. Gleichzeitig sind die Erfolgschancen für die meisten Künstler drastisch geschrumpft. Das Interesse der grossen Plattenfirmen an der Szene habe stark nachgelassen, bestätigen Brandhärd, auch gäbe es kaum noch Anlässe, wo Headliner und Newcomer aufeinandertreffen. «Das grosse Gemeinschaftsgefühl ist etwas verflogen», sagt DJ Johnny Holiday.

Kritik an Digitalisierung

Die hiesige Rap-Szene sei unübersichtlicher, aber auch facettenreicher geworden, sind Brandhärd überzeugt. Lokal habe Black Tigers Rap-Marathon «1 City, 1 Song» viele Basler Rapper und Produzenten zusammengebracht. Positiv sei indes auch, dass die Kommunikation zwischen Bands und Fans einfacher denn je funktioniere. «Wenn man früher ein Album herausbrachte, passierte erstmal gar nichts,» sagt Johnny Holiday. «Dank den Social Networks kriegt man heute sofort Feedback.»

Trotzdem stehen Brandhärd dem technologischen Fortschritt kritisch gegenüber. «Digital Driveby» heisst ein Stück auf «Zuckerbrot und Peitsche», es handelt von der Verzettelung im Alltag. «Man muss das Handy auch mal weg­legen können», sagt Fetch. «Und nicht gleich jedem antworten, der im Internet etwas Nettes über deine Band schreibt.»

Ambivalenz als Spiegelbild

Beim Reimen hat Fetch freie Hand, Fierce und Holiday reden ihm da nicht rein. Das könnte für Brandhärd ein Nachteil sein, fehlen Fetchs Raps manchmal die Standortschärfe. Man weiss nicht immer, wo die Ironie aufhört und die Kernaussage beginnt. In «Machete» geht es beispielsweise um die Skandalisierung der Jugend: Ob Fetch auf der Seite der Komatrinker und Wildpisser steht oder doppelbödig Medienhysterie und Verbotskultur anprangert, ist unklar.

Die Ambivalenz könnte durchaus mit Fetchs aktueller Lebenslage zu tun haben. «Ich fühle mich noch immer wie ein Teenager, obwohl ich keiner mehr bin», verrät er. «In Wirklichkeit bin ich mit meinen 35 Jahren auf halbem Weg zum Bünzli. Und erwische mich schon mal dabei, dass ich mich so aufführe.»

Brandhärd: «Zuckerbrot und Peitsche», Knackeboul Entertainment. Erhältlich bei iTunes.

Plattentaufe: Kaserne, Basel. Klybeckstrasse 1b. 5. Dezember. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.09.2015, 12:34 Uhr

Artikel zum Thema

Ein insolventer Rapper kauft sich eine Villa

Heute auf dem Boulevard: +++ Gündogan und Sahin trennen sich +++ Kim Kardashian muss Instagram-Krone abgeben +++ Sienna Miller ist fix und fertig +++ Mehr...

Rapper Sean Price gestorben

Im Alter von 43 Jahren ist Price in seiner Wohnung im Schlaf gestorben. Mehr...

50 Cent muss zwei Millionen Dollar draufzahlen

Hip-Hopper 50 Cent zahlt zusätzliche zwei Millionen Dollar zur Entschädigung an Lastonia Leviston. Der Rapper hat Sexvideo von ihr aus dem Jahr 2008 im Internet veröffentlicht. Mehr...

Video

«100 Bars Brandgschicht»

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Der Ölpreis als Wirtschaftsseismograf

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...