Bern, Baby, burn!

Céline Dion live im Stade de Suisse: Charismatisch, charmant und etwas unentschlossen.

Hatte dem Publikum viel zu sagen. Céline Dion (49) erwies sich im Stade de Suisse als tolle Sängerin und plauderfreudige Unterhalterin.

Hatte dem Publikum viel zu sagen. Céline Dion (49) erwies sich im Stade de Suisse als tolle Sängerin und plauderfreudige Unterhalterin. Bild: Keystone

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Der Titel dieses Artikels, dieses Wortspiel mit dem englisch ausgesprochenen Namen der Bundesstadt «Börn» und der Anspielung auf den Discohit von den Trammps ist von Céline Dion. Sie stellte schon bei ihrer ersten Ansage zwischen den Songs fest, dass sie nun zum ersten Mal in «Börn» sei und wie gut es ihr hier gefalle und so fort. Am Schluss des gut zweistündigen Konzerts versprach sie, «bald» wieder nach «Börn» zurückzukehren. Die übliche Floskel oder mehr?

Sollte es wahr sein, werden sich mindestens all die 24 000 Konzertbesucher, die am Samstagabend im Stade de Suisse waren, darauf freuen, denn Céline Dion ist eine grossartige Künstlerin, sie hat eine tolle Stimme, sie hat Bühnenpräsenz, Charisma und eine grosses Repertoire an Songs, aus dem sie schöpfen kann.

Aber so wie sie gleich zu Beginn, als sie sich zum ersten Mal an ihr Publikum wandte, etwas unsicher war, ob sie in Englisch oder in Französisch durch den Abend führen sollte, so erwies sie sich generell als ein wenig unentschlossen. In mehrfacher Hinsicht: Ist sie trauernde Witwe oder lasziver Star? Ist sie eher dem französischen Chanson zugewandt oder dem Rock’n’Roll?

Ganzkörperstrumpf

Bei den Ansagen zog sich diese Ambivalenz bis zum Schluss durch. Sie wechselte von Englisch zu Französisch und wieder zurück. Da sehr, sehr viele Konzertbesucher aus der Welschschweiz angereist waren, passte das. Bei ihrer Persönlichkeit wog beides sehr stark: Trauer wie Lebenskraft. Sie kam mehrfach auf ihren verstorbenen Mann und Manager René Angélil zu sprechen, blickte gen Himmel, dachte an ihn, war manchmal den Tränen nahe. Er scheint in ihrem Leben immer noch sehr präsent. Aber zur Mitte des Konzerts nach dem ersten Kleiderwechsel, erschien sie in einem verführerischen, schwarzen Bodysuit, das wirkte, als habe sie es direkt von Cher ausgeliehen, auch wenn es wesentlich mehr bestickt war als deren Ganzkörperstrümpfe. Sie tanzte hautnah mit einem halb so jungen, gut gebauten Mann, dessen Finger ungeniert über ihren Körper wandern durften. Da knisterte es. Da war Céline sexy, lustvoll, heiss. Den Griff in den Schritt wie bei ihrer Interpretation von Michael Jacksons «Black or White» hätte es nachher gar nicht gebraucht.

Was die Musik angeht: Da bot sie mit ihren insgesamt 22 Songs einen breiten Mix an Stilen und Stimmungen. Angefangen mit dem grandiosen «The Power of Love» über ein kraftvolles «It’s All Coming Back to Me Now», ein fades «Beauty and the Beast» bis hin zu den französischen Balladen im Stil von «S’il suffisait d’aimer». Manches gelang herausragend und führte zu Hühnerhaut – «Recovering», «All by Myself», «My Heart Will Go On» – manches erwies sich als Fehlgriff: Niemand ausser Freddie Mercury sollte «The Show Must Go On» singen, auf jeden Fall nicht Céline Dion. Auch «River Deep, Mountain High» war nicht gut genug, um Tina Turner Paroli zu bieten.

Leise und laut

Trotzdem: Diese zierliche Person kann singen, kann mitreissen, hat ein Gespür für die feinen, leisen Momente wie für die Kracher und Dampfhämmer. Und vor allem merkt man ihr an, dass sie gerne auf der Bühne steht, dass sie eine geborene Entertainerin ist und auch nicht Angst vor ihrem Publikum hat. Sie kommuniziert mit ihm, sie weiss es zu packen. In Bern redete sie extrem viel, sprach über ihre Befindlichkeit, über René, über seine Ratschläge, seine Lieblingssongs und so weiter.

Vielleicht ist es eine Schwäche der Journalisten, ständig alles zu hinterfragen, allem zu misstrauen. Vielleicht eine Stärke. Aber nach über tausend Shows in der Glitzerstadt Las Vegas wird Céline Dion das eine oder andere gelernt haben. Gehört diese Sentimentalität zu ihrem Bühnenrepertoire? Ist die verdrückte Träne echt? Was ist authentisch, was Show?

Der Eindruck überwiegt, dass es für sie ebenfalls ein besonderes Konzert war. Sie sagte schon gleich zu Beginn einmal, wenn sie so weiter plaudere, werde dieser Auftritt ewig dauern. Sie sei mit 13 Geschwistern aufgewachsen, wenn sie schon mal zum Reden komme, dann rede sie auch. Und das tat sie.

Doch egal ob ganz echt, halbecht, gespielt: Sie begeisterte das Publikum, die Herzen fielen ihr zu. Umso schwacher war das Finale: Für die zweite Zugabe «Love of My Life» (wieder von Freddie), stand sie auf einer Hydraulikbühne mitten in den Zuschauerreihen. Nur sie und der Gitarrist. Dann Schluss, aus, Abgang auf Französisch durch den Hinterausgang, Licht an. Schade.

Ein Wort noch zum Styling, das zuletzt bei ihr zum Thema geworden ist. In Bern war es schlicht, dezent, simpel, abgesehen vom Cher-Bodysuit. Was bleibt da anderes als der Kanadierin zu wünschen: «burn, baby, burn!» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 09:32 Uhr

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