Der Mann, der das Schweizer Liedgut erweiterte

Polo Hofer wird wegen seiner vielen schönen Lieder nicht in Vergessenheit geraten.

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«Am Samschtig, 22. Juli, churz vor Mitternacht, het mys letschte Stündli gschlage und i bi zfriede deheime ygschlafe», heisst es in einer Mitteilung, die gestern Abend zusammen mit Polo Hofers Todesanzeige verbreitet wurde. «I säge: Tschou zäme, es isch schön gsy!» Und schliesslich: «Uf my Wunsch git’s weder Ufbahrig no Abdankig».

Aber Danke sagen wollen wir Polo Hofer trotzdem, aus tiefstem Herzen. Herzlichen Dank für all die unvergesslichen Lieder wie «Kiosk», «Teddybär», «Alperose», «D Rosmarie und i» oder «Ramona» schulden wir diesem Mundartpoeten der fast ersten Stunde, der zusammen mit Hanery Amman geniale Lieder schrieb, der selber gute Lieder schrieb und der ein untrügliches Gefühl dafür hatte, welche Lieder seiner amerikanischen Kollegen wie Bob Dylan, Marc Cohn oder Tom Waits sich dazu eignen, auf Berndeutsch gesungen zu werden. Ein ganz persönlicher Favorit fällt mir hier ein, oft, oft und öfter gehört: «Wyssebüehl», seine Interpretation von «Jersey Girl».

Mitte November 2014 stand Hofer zum letzten Mal im Z7 in Pratteln auf der Bühne. Er hörte auf mit «Eine nähme mer no» und dann «Im letschte Tram» und, um seinen wackeligen Gesundheitszustand wissend, fragte sich der eine oder andere bestimmt damals schon: War es das? Zum letzten Mal Polo Hofer live? Dieses Urgestein auf der Bühne, der Mann, der wusste, wie man seine Musiker kommandiert, der wusste, wie man mit einem vollen Saal umspringt, der aufblühte, je länger das Konzert dauerte, der noch einmal alle Register zog.

«Das unterscheidet Polo Hofer & die Band von all jenen, die zwar live spielen, aber so wenig lebendig wirken, dass man auch geradeso gut daheim hätte eine CD einwerfen können: die Dynamik in der Darbietung, das gekonnte Spiel mit Wucht und Subtilität, mit Kraft und Sanftheit.» Das schrieb ich vor zweieinhalb Jahren.

Einer der merkwürdigsten Momente war, als er mitten im Konzert sagte, es tue ihm also leid, aber er müsse jetzt «go schiffe» – sich kurz zurückzog und bald wieder kam. Das habe ich noch nie vorher bei einem Konzert erlebt, wahrscheinlich werde ich es auch nie mehr erleben – und die Band spielte, nicht ohne Witz und Ironie «Purple Rain».

Melancholie und Widerborstigkeit

Polo Hofer hatte diese Melancholie in seinen Liedern und in seiner Stimme. Dieses Zurückschauen auf Momente des Glücks, der grossen Liebe, des Überschwangs. Aber da war auch das Störrische, Knorrige, Widerborstige, das er ausstrahlte. Wenn ihn das SRF in den letzten Jahren gelegentlich vor die Fernsehkameras zerrte, erweckte er nie den Eindruck, er habe bei den Verantwortlichen am Leutschenbach darum gebeten oder gebettelt. Er sehnte sich offensichtlich nicht nach gestiegener Aufmerksamkeit und Ehrerbietung mit höherem Alter, und trotzdem gibt es einen Moment, der sich mir eingeprägt hat, weil er so speziell war. Da steht Polo Hofer irgendwo an einem Waldrand und eine Schulklasse zieht vorbei und singt «Alperose».

Wie wunderschön muss das für einen Musiker sein, wenn Kinder, Jugendliche, Teenies, gut zwei Generationen jünger, die Lieder kennen und singen, die man geschrieben hat? Ist das nicht die allerhöchste Anerkennung überhaupt? Gemäss Zuschauerstimmen von 2006 soll «Alperose» gar der «grösste Schweizer Hit aller Zeiten» sein.

Gestern Abend, die Meldung von Hofers Tod war noch keine Stunde alt, meldete sich auch Bundesrat Alain Berset zu Wort: «Polo Hofer hat ganzen Generationen in allen Sprachregionen der Schweiz gezeigt, wie viel Kraft, wie viel Geist, wie viel Poesie in der Berner Mundart steckt», so der SP-Bundesrat. Der Gedanke ist reizvoll: Wie mag das Polo reingekommen sein? Sitzt er im Himmel oben und freut sich über höchstes Lob oder schüttelt er nur den Kopf? (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.07.2017, 09:22 Uhr

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