Eigentlich hiess er Urs

Polo Hofer hat dem Schweizer Mundartrock zu einer breiten Akzeptanz verholfen.

Polo Hofer im Restaurant Aarbergerhof in Bern im September 1990.

Polo Hofer im Restaurant Aarbergerhof in Bern im September 1990. Bild: Keystone

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Mit dem Tod hatte sich Polo Hofer schon 1980 im Song «Wenn mys letschte Stündli schlaht» auseinandergesetzt. Warum er das damals getan hatte, konnte er allerdings nicht sagen. Das war typisch für Hofer, der vieles unbedacht geschehen und passieren liess: Sogar die Veröffentlichung seines Abschiedsalbums «Ändspurt» zögerte er lange hinaus

Das Werk, das aus neuen Liedern, Remakes und auch Raritäten besteht, erschien schliesslich im Januar, fast ein Jahr später als ursprünglich vorgesehen. Sylvie Widmer, die das Projekt für die Berner Plattenfirma Sound Service betreute, zeigte sich von der Verschleppung wenig überrascht. Sie beginne mit der Arbeit immer erst dann, wenn Polo und Band ein fertiges Album abgeliefert hätten, sagte die erfahrene Musikmanagerin vergangenen Dezember der BaZ. Zu planen hatte bei Hofer wenig Sinn.

Polo Hofer war schon so lange dabei, dass man beinah vergessen hatte, dass er eigentlich als Urs Hofer zur Welt gekommen war. Weil sein Vater in Interlaken ein Kleidergeschäft führte, wo man die damals noch neuartigen Polohemden kaufen konnte, taufte sein Pfadfinderführer ihn Polo.

Als Musiker war Hofers wichtigste Errungenschaft, dass er dem Mundart-Rock als Frontmann und Texter von Rumpelstilz zur breiten Akzeptanz verhalf. Ohne seinen Spagat zwischen Mani Matters journalistisch anmutendem Schalk und Bob Dylans rauer Poesie wären so unterschiedliche Mundart-Künstler wie Züri West, Patent Ochsner, Stop The Shoppers, Bligg oder Jeans For Jesus undenkbar.

Wobei Hofer sich von vielen seiner musikalischen Nachfahren wenig begeistert zeigte: In der «Kinderlyrik» von Stern, Ritschi und Florian Ast stellte er eine einseitige Thematik fest. In deren Liedern ginge es nur gerade um Liebe und Beziehungen, monierte Hofer unlängst, die politisierte Gangart seiner Generation sei spurlos verpufft.

Schon während der 1960er-Jahre spielte Polo Hofer den schrägen Linken, der die Berner Bünzlis mit für damalige Verhältnisse provokativen Aktionen irritierte. Später bekleidete er die Rolle des torkelnden Originals.

In seiner an sich exzellenten Schmetterband, von der er sich 2003 trennte, markierte Hofer immer den Zufallsgenerator, der rhythmisch und melodisch leicht danebenlag. Durch seine dilettantisch wirkende Art brach er aber auch das abgeklärte Spiel seiner Musiker auf.

Nur noch Gastauftritte

Seit dem Jahreswechsel wollte sich der gelehrte Handlithograf Hofer auf die Malerei konzentrieren. Die Organisationsarbeit und Herumreiserei, die die Konzerttourneen mit sich brachten, wollte er sich nicht mehr antun. Warum die Rolling Stones mit über 70 noch auf der Bühne standen, war Hofer ein Rätsel. Nur noch Gastauftritte bei anderen Musikern wollte er fortan wahrnehmen. Das passte zu einem, der in der eigenen Band oft wie ein Gast wirkte, wohl wissend, dass seine Stärken weder beim Gesang noch beim Moderieren lagen, sondern beim Texten. Eleganter als er hätte kein anderer Marc Cohns Welthit «Walking In Memphis» ins Bärndütsche übertragen können. Hofers Single «In Memphis» (1991) ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Mundart- Gurgeln und Gospel-Exaltiertheit wider Erwarten zusammengehen können.

Mitte Mai war Hofer zur Feier von Bob Dylans 75. Geburtstag in der Fernsehsendung «Sternstunde Musik» aufgetreten. Beim All-Star-Konzert aus dem Zürcher Musikclub «El Lokal» zeigte er sich in seiner ganzen Zwiespältigkeit. Im Duett mit Toni Vescoli wirkte Hofer fahrig und etwas hilflos, erst gegen Ende der Sendung, als er allein am Mikrofon «Man In the Long Black Coat» anstimmte, tat sich eine bodenlose Schwermut auf. Hofers als «Ma im schwarze Chleid» kongenial übersetzte Interpretation wirkte wie der Auftritt eines Geists, das wusste wohl niemand besser als er.

Bereits 2007 hatte Hofer sich Polypen von den stark strapazierten Stimmbändern schneiden lassen; vor vier Jahren gab seine Bauchspeicheldrüse zum zweiten Mal Anlass zur Sorge und einem langen Aufenthalt im Berner Insel-Spital. Nun ist er am Samstag verstorben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.07.2017, 09:31 Uhr

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