Ein Ausflug nach Las Vegas

Sängerin Mary J. Blige nahm ihren Songs beim Auftritt auf dem Dolder jegliche Rauheit.

Die Show, die sie ablieferte, war zu sehr Las Vegas: Mary J. Blige gestern Abend am Live at Sunset.

Die Show, die sie ablieferte, war zu sehr Las Vegas: Mary J. Blige gestern Abend am Live at Sunset. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Man nannte sie die Königin des Hip-Hop Soul. Man kannte sie als Sängerin, die das Muskuläre der Hip-Hop-Kultur mit der Verletzlichkeit des Souls paarte. Seit Mary J. Blige 1991 mit der Hilfe von Sean Combs alias Puff Daddy oder schlicht Diddy die Szene betrat, war ihr Profil klar herausgearbeitet: Seelenbotschafterin mit Strassenattitüde. Die Beats gerne etwas roh und kantig, die Stimme durchs Leben geprüft, die Songs zum Mitsingen.

Am späten Sonntagabend war die 46-Jährige mit ihrer achtköpfigen Band auf dem Dolder zu Gast – und die Bedingungen waren eigentlich ideal: Die sturzbachartigen Regenfälle hatten dafür gesorgt, dass nur jene Zuschauer anwesend waren, die auch tatsächlich wegen der Musik den Weg auf den Adlisberg auf sich genommen hatten. Zudem überliess die als Vorgruppe engagierte A-cappella-Combo Naturally 7 das Publikum in bester Verfassung. Mit Standing Ovation verabschiedete die Pelerinen-Versammlung die Stimmimitatoren, die sich durch Hits von Phil Collins, Michael Jackson und Sting und immer wieder auf Instrumenten solierten, die man zwar klar und deutlich zu hören glaubte, nicht aber zu sehen bekam.

Es hätte was werden können

Die Show, die darauf folgte, war allerdings viel zu statisch, viel zu modulartig, viel zu sehr Las Vegas. Als sie nach dem Bandintro und einer Gesangseinlage aus dem Off in den Scheinwerferkreis trat – rote Glanzstiefel bis über die Knie, knappe Jeanskombi, goldumrandete Sonnenbrille – bewies sie schnell erst mal ihre derzeitige Fitness.

«Strength of a Woman» heisst ihr aktuelles, bereits dreizehntes Album, das Ende April erschien. Dessen Klangbild, wie auch die neuen Songs, hinterliessen jedoch kein Bild der Stärke und auch die Klassiker blieben unterverkauft. Die musikalische Leitung dieser Konzertrevue schien eher unentschlossen, was man nun in den Vordergrund stellen sollte. Im Zuge der Kompromisslösung ging alles in sämigen, mit Synthesizersound zugekleisterten Songbandwürmern unter. Zwischendurch hielt sie lange Dankesreden, subsumierte ihre gescheiterte Ehe und gab unterhaltsame Tipps an alle starken und weniger starken Frauen. Es wurde deutlich: Hätte man alles griffiger aufbereitet und mutiger instrumentiert, hätte das was werden können.

So wirkte die Band wie eine Showmaschine, die man anwirft, wenn es denn eben Zeit für die Show ist. Ihre Darbietung blieb ohne jegliche Distinktion. Den glatt geschliffenen Sound versuchte die New Yorkerin stimmlich aufzurauen. Etliche Male fiel sie auf die Knie, liess die Stimme ausschweifen, schwirrte protokollarisch zwischen hoher und tiefer Lage. Doch viele Gefühlsausbrüche wirkten künstlich aufgebauscht, ihre Stimme konnte kaum je den Reiz ihrer besten Aufnahmen entwickeln – eine der wenigen Ausnahmen: «I’m Going Down», ihr 94er-Cover des Klassikers von Rose Royce. Und schlussendlich ist sie ja auch nicht die beeindruckende Revue-Sängerin, als die sie in diesem Setting präsentiert wird. Hätte sie uns doch nach New York statt nach Las Vegas entführt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 10:10 Uhr

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