Ein Spiel für fast die ganze Familie

Die «Rocky Horror Show» kommt nach Basel: ohne Tabubrüche, dafür mit hartem Rock.

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Und ewig lockt – ja was eigentlich: das Weib, der Mann oder vielleicht doch Rocky? Der Run auf die «Rocky Horror Show» scheint ungebremst. Das 1973 uraufgeführte Musical von Richard O’Brien (wie auch die wenig später entstandene Verfilmung) dreht sich um den verrückten Dr. Frank N. Furter, der sich sein Objekt der Begierde (Rocky) gleich selbst im Labor kreiert. Die Idee einer sexuell befreiten Gesellschaft wird exzessiv auf die Spitze getrieben

Die Utopie erweist sich zwar als Horror, doch die Zuschauer kriegen nicht genug. Im Museum Lichtspiele in München beispielsweise läuft der Film Woche für Woche, seit über 40 Jahren. Alle paar Jahre ist zudem das Musical zusehen, auch in Basel. Morgen läuft eine Neuproduktion in der Schweiz an, für die ein alter Bekannter, der Regisseur Sam Buntrock, zeichnet.

Rock für Rocky

Wir haben uns kürzlich bei der Münchner Premiere einen Eindruck von der Neuinszenierung verschafft, die im Grunde gar nicht so viele Neuerungen bietet, sondern sich aufs Wesentliche konzentriert. Bei dieser «Rocky Horror Show» liegt die Betonung auf dem Rock: Die Band unter der Leitung des Österreichers Jeff Frohner gibt mit krachenden Akkorden den Tarif durch, fällt den Darstellern mitunter heftig ins Wort und zeigt viel rhythmisches Flair. Der Groove trägt einen durch den Abend.

Die Darsteller können auf dieser Welle reiten. Das tun sie auch, allen voran der englische Schauspieler Gary Tushaw, der als Dr. Frank N. Furter mit mächtiger, voluminöser Stimme um Aufmerksamkeit buhlt. Tushaw hat sich die Rolle neu angeeignet, bewegt sich aber schon jetzt wie ein Fisch im Wasser: Er lebt die Extravaganzen seiner Figur aus, zeigt aber auch erstaunlich ängstliche, verletzliche Seiten. Seine Bühnenpräsenz kommt jener von Tim Curry, dem unschlagbaren «Original» aus den Siebzigern, sehr nahe.

Wie in früheren Jahren spielt Stuart Matthew Price den vordergründig devoten, aber im Grunde ziemlich eigensinnigen Riff Raff. Stimmlich fesselnd ist Sophie Isaacs als Brautfrau Janet. Ihr Gatte Brad, gespielt von Felix Mosse, bringt eine etwas dünne Stimme mit, bewegt sich aber mit ansteckender Begeisterung über die Bühne. Nebenbei lernt man interessante Unterwäsche-Trends kennen. Bei «Doktorspielen» mischen praktisch alle mit, ausser der Band und dem Erzähler des Abends: Moderator Sky du Mont hält als Gentleman die bürgerliche Fassade aufrecht, lässt es aber auch nicht an Selbstironie fehlen. Die zahlreichen «Boring!»-Rufe aus dem Publikum, die zu einer «Rocky Horror Show» gehören wie das Amen in der Kirche, pariert er mit gut einstudierten Sprüchen («Boring, ich weiss, ich krieg aber wenigstens Geld dafür»). Du Mont wird bei den Schweizer Vorstellungen zum Grossteil durch den Schweizer Rapper Knackeboul ersetzt. Gut vorstellbar, dass dieser etwas schärfere Töne anschlägt (siehe Interview unten).

Der Verzicht auf grössere inhaltliche Neuerungen ist sinnvoll. Denn die «Rocky Horror Show» ist ja nicht einfach ein Musical oder ein Film, sondern ein Setting, ein Arrangement, in dem sich anarchische Kräfte Bahn brechen. Konkret: Das Publikum darf mit Wasserpistolen spritzen, Konfetti werfen und sich lautstark in Szenen einbringen; es erinnert ein wenig an Fasnacht. Bei alldem ist allerdings gutes Timing gefragt, wehe dem, der zu früh oder zu spät spritzt! Nicht nur die Regeln sollte man kennen, sondern auch einige Liedzeilen aus dem «Time Warp». Denn mitsingen ist lustiger als einfach dasitzen.

«Oasch ins Gsicht»

Das Publikum bei der Münchner Premiere im Deutschen Theater hat mitgemacht. Ein Teil schien mit den Regeln bestens vertraut, die anderen liessen sich anstecken. Junge und ältere Semester, Eltern mit Kindern ab zwölf Jahren, verschieden- und gleichgeschlechtliche Paare, Dragqueens: Man entdeckte einen breiten Querschnitt der Gesellschaft; die Stimmung war fast schon familiär.

Nach der Premiere zeigte sich ein Lokalmatador dennoch von «seinem», dem Münchner Publikum, enttäuscht. Zumindest von den Premierengästen in den vorderen Parkettreihen war er wenig angetan. Aus seiner Sicht hätte Gary Tushaw alias Dr. Frank N. Furter bei seinen Tanz- und Stripeinlagen einen Schritt weiter gehen müssen; das bayerische Hauptstadtpublikum lasse sich sonst nicht aus der Reserve locken. Sein Fazit: «Ma mua dem Minchna den Oasch ins Gsicht streckn, sonst kapiad ea’s oafach ned.» Zumindest in einem Punkt hat er wohl Recht: Tabus werden in der Show keine gebrochen. Das grösste Delikt besteht im Reiswerfen. Das war früher Usus, doch die Theater erlauben nur noch schnödes Konfetti. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.04.2018, 22:52 Uhr

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