«Fusion-Musik mündet oft in Konfusion»

Der anglo-indische Musiker, DJ und Produzent Talvin Singh über Branding, Crossover-Effekte und Musiktraditionen.

Kreative Freiheit. Singh bewegt sich in der Welt der klassischen indischen Musik und der elektronischen Avantgarde.

Kreative Freiheit. Singh bewegt sich in der Welt der klassischen indischen Musik und der elektronischen Avantgarde.

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BaZ: Talvin Singh, Ihre letzte Europatournee lief unter dem Banner «20 Jahre Asian Underground». Ist dieser Brand für Sie überhaupt noch zutreffend?
Nicht wirklich, aber das war er noch nie. Ich habe schon immer viele Parallelprojekte verfolgt, die sich schwerlich unter einem Banner vereinen liessen. Gleichzeitig profitiere ich bis heute von der Saat, die ich vor zwanzig Jahren mit dem Asian Underground gestreut habe. Neulich in Berlin ist das Fell meiner Tabla gerissen, ich stand kurz vor einem Konzert ohne Instrument da. Zum Glück bin ich einigen Musikern begegnet, die mit indischen Instrumenten arbeiten und mir so einen Ersatz beschaffen konnten. Diesen Glücksfall verdanke ich der Tatsache, dass der Asian Underground diese Musiker inspiriert hat, sich mit indischer Kultur auseinanderzusetzen.

Einige Ihrer alten Weggefährten behaupten, dass der Begriff «Asian Underground» einen rassistischen Anstrich hat. Schliesslich sei dieses Etikett an eine bestimmte Ethnizität gekoppelt.
Das hat natürlich etwas. Hätte ich diesen Brand aber nicht erfunden, wäre ich nie bei einer Londoner Plattenfirma untergekommen. Bis ich mich als Exponent dieser angeblich blühenden Underground-Szene anmeldete, wollte die Musikindustrie von mir nichts wissen. Danach standen mir alle Türen offen. Ironisch ist nur, dass der Asian Underground gar nicht so «Asian» war: Schliesslich haben viele weisse Briten darin mitgemischt.

Die Musik des Asian Underground klingt heute erschlagend optimistisch. Eine solche Zuversicht wirkt mittlerweile unvorstellbar.
Damals herrschte in England eine grosse Aufbruchsstimmung. Mir kam diese zugute: Ich konnte kreativ tun und lassen, was ich wollte. Heute hat sich die Stimmung weltweit eingetrübt. Es geschehen jetzt Dinge, die damals unvorstellbar waren. Zum Glück kann ich als Kulturschaffender anderen Menschen helfen, emotional irgendwie über die Runden zu kommen. Ansonsten wäre ich dazu verdammt, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist.

Heute stehen Sie mit einem Fuss in der Welt der klassischen indischen Musik und mit dem anderen in der elektronischen Avantgarde. Wie leicht fällt Ihnen dieser weite Spagat?
Mir ist es wichtig, dass meine Musik immer eine künstlerische Authentizität hat. Das bedeutet, dass ich meine unterschiedlichen Arbeitsbereiche so klar auseinanderhalten muss, dass es zu keinen Verzerrungs- oder Verwässerungseffekten kommt. Ich will keine sogenannte Fusion-Musik machen, weil Stilverschmelzungen dieser Art oft in musikalische Konfusion münden.

Also rücken Sie immer mehr davon ab, verschiedene Musikstile zusammenzuführen?
Nicht wirklich. Ich habe von Anfang an immer nur Musik zusammengebracht, die rhythmisch oder melodisch zusammengepasst hat, so etwa indische Ragas und britische Drum’n’Bass-Patterns. Es wird immer wieder gesagt, dass Musik eine universelle Sprache sei, aber das stimmt nur bedingt. Wenn man ihre einzelnen Dialekte und Akzente nicht respektiert, entsteht nur musikalisches Esperanto. Oder um eine kulinarische Metapher zu bemühen: Eine Kartoffel bleibt doch immer nur eine Kartoffel, völlig unabhängig davon, wie man sie zubereitet.

Sie betreiben ein eigenes Label, über das Sie sowohl Alben mit klassischer indischer Musik wie auch Maxi-Singles mit Dance-Tracks veröffentlichen. Warum nehmen Sie überhaupt die Mühe auf sich, physische Tonträger zu pressen?
Mein grösstes Problem besteht darin, dem Label trotz meinen vielen unterschiedlichen Projekten eine kohärente Identität zu geben. Für mich ist es wichtig, dass Musik eine physische Präsenz hat und darum taktil bleibt. Eine Vinyl-LP ist ein Artefakt, das man bei sich zu Hause stehen hat, auch wenn man sich die Musik daraus als Download oder Stream anhört.

Sie sind seit vielen Jahren mit dem in Basel heimischen Sarod-Maestro Ken Zuckerman befreundet. Wie sind Sie ursprünglich auf ihn gekommen?
Als ich zum allerersten Mal auf Amerikatournee war, habe ich in jeder Stadt, wo ich aufgetreten bin, die dort ansässigen indischen Musiker besucht. In San Francisco hat der grosse Ali Akbar Khan mir geraten, seinen Schüler Ken Zuckerman in Basel aufzusuchen. Von London nach Basel sei es ja nur ein Katzensprung, sagte er mir damals, und von indischer Musik verstehe kaum jemand so viel wie Ken Zuckerman.

Man liest immer wieder vom Niedergang der klassischen indischen Musiktradition. Wie schlecht ist es tatsächlich um sie bestellt?
Ursprünglich wurde diese Musik in Tempeln aufgeführt, später haben die Maharajas diese Tradition in ihren Palästen gepflegt. Heute sind es die Industriekonzerne, die Konzerte mit traditioneller Musik möglich machen. Nur mögen die Manager eigentlich gar keine traditionelle indische Musik. Ihnen ist es lieber, wenn die auftretenden Künstler, an die sie eh miserable Gagen entrichten, leichte Fusion-Kost auftischen. Wegen dieser Misere gab es neulich einen Versuch, den indischen Premier Narendra Modi für die Einrichtung eines nationalen Kulturfonds zu gewinnen. Der war aber der Meinung, dass eine staatliche Förderung unweigerlich zur Abflachung der indischen Kultur führen würde. Darum wollte er von einem nationalen Kulturfonds nichts wissen.

Mit dieser Haltung steht Herr Modi nicht alleine da. Die Kulturförderung ist auch in Europa umstritten.
Staatliche Kulturförderung funktioniert je nach Gebiet mal besser, mal schlechter. In England unterstützt der dafür zuständige Arts Council die Hochkultur grosszügig und auch sachkundig, im multikulturellen Bereich ist er aber nicht ganz so sattelfest. Und tendiert darum dazu, Künstler zu fördern, die von der Materie nicht wirklich etwas verstehen.

Anders als in anderen Ländern haben Musiker in Indien doch die Möglichkeit, in der Filmindustrie gutes Geld zu verdienen.
In Mumbai werden Film-Soundtracks nicht mehr mit grossen Orchestern eingespielt. Stattdessen mailen die Produzenten, Musiker und Toningenieure einfach Sounddateien hin- und her, bis ein Stück die richtige Form erhalten hat. Bei diesem Prozess werden die Urheberrechte der daran beteiligten Sänger und Songwriter oft mit Füssen getreten. Da ich nur peripher mit der indischen Filmindustrie zu tun habe, muss ich bei diesem grossen Trauerspiel zum Glück nicht mitmachen.

Sie arbeiten mit modernster Musiktechnologie, beklagen aber gleichzeitig die Folgen der Digitalisierung. Sind Sie ein Kulturpessimist?
Keineswegs. In Indien wird es ganz sicher zu einem grossen Revival der klassischen indischen Musik kommen, sobald die Jugend sie für sich wiederentdeckt. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass dies in nächster Zeit passieren wird. In England begeistert man sich gerade wieder für die eigene Folk-Tradition, parallel dazu erlebt die Barock-Musik einen Boom.

Was darf man als Nächstes von Ihnen erwarten?
Am Tag, an dem der Sitar-Meister Ravi Shankar 2012 verstarb, habe ich eine Hommage an ihn komponiert. Ich verdanke ihm viel, war seine Musik doch einer der Gründe dafür, warum ich selber Musiker geworden bin. Das Stück mit dem Titel «Prayer» soll auf meinem nächsten Album erscheinen, das ich im kommenden Sommer herausbringen will. Eine gross angelegte Marketing-Kampagne werde ich dazu nicht lostreten: Die Menschen sollen das Album für sich entdecken können. Den ganzen Medienrummel habe ich vor zwanzig Jahren mit dem Asian Underground durchgemacht, den muss ich heute nicht mehr haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.01.2018, 10:53 Uhr

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