«Heute Abend gehöre ich nur euch»

Helene Fischer live im Basler St.-Jakob-Park: Ein unterhaltsamer Abend, der mit zwiespältigen Gefühlen endet.

Zwischen Superwoman und Hippie-Chic. Helene Fischer (33) open air am Dienstagabend in Basel vor über 30 000 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Zwischen Superwoman und Hippie-Chic. Helene Fischer (33) open air am Dienstagabend in Basel vor über 30 000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Bild: Keystone

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Für diesen Artikel wären auch andere Titel in Frage gekommen: «Zwischen Kindergeburtstag und Parfum-Reklame», «Helene Fischer unterzuckert» oder «Rodeo-Reiterin auf rotem Herz».

Das ist ein gutes Zeichen. Wäre es ein langweiliger, ereignisloser Abend im St.-Jakob-Park gewesen mit Helene Fischer, ihrer Band, ihren Tänzerinnen und Tänzern und den rund 30'000 anderen Zuschauern, es würden sich nicht derart viele Titel aufdrängen. Aber «Zwischen Kindergeburtstag und Parfum-Reklame» klänge vielleicht zu despektierlich. Auch wenn beides zutrifft: Als Fischer, ungefähr in der Hälfte ihrer rund zweieinhalbstündigen Show, auf der Zweitbühne mitten in der Masse steht, verwendet sie das Wort «Kindergeburtstag» gleich selber. Eine Assoziation, die sich vielleicht aufdrängt, weil grosse, bunte Luftballons von den Zuschauern unten auf dem Spielfeld herumbugsiert werden.

Und Parfum-Reklame? Nun, in ihren Umziehpausen, es gab deren fünf, laufen auf den Riesenleinwänden der Bühne Einspieler von Helene in allerlei lasziven Posen und mit die-sem «komm-her-ich-vernasch-dich»-Gesichtsausdruck, den man aus den einschlägigen TV-Spots kennt. Das steht selbstverständlich in starkem Kontrast zum Kindergeburtstag.

Mit Ben Zucker

Auch der Titel «Helene Fischer unterzuckert» hätte gepasst. Er braucht etwas mehr Erklärung: Im Vorprogramm der aktuellen Stadiontournee mit dem Titel «Spürst Du das?», die am 23. Juni in Leipzig begann, tritt der Berliner Ben Zucker auf. Der Mann mit der Reibeisenstimme und dem Hang zum Rockigen. Während ihres Konzertes singt Fischer zusammen mit Zucker auf der bereits erwähnten Zweitbühne «Freiheit» von Marius Müller-Westernhagen. Ein toller Song von 1987. Ein Duett, das gelingt. Es erinnert an die Helene-Fischer-Weihnachts-Specials, bei denen sie ja gerne mit anderen zusammen auftritt und musiziert.

Es wäre ein schönes Wortspiel, weil es eine doppelte Bedeutung hat: Wer unterzuckert ist, leidet an einer kurzzeitigen Mangelerscheinung. Das hat etwas. Denn man hätte gerne mehr schöne Balladen wie diese zusammen mit Ben Zucker gehabt. Sie hatte einen recht eigenständigen Charakter, der aber nicht ganz zum restlichen Set passte. Unterzuckert ist aber auch ein Spiel mit dem Namen des sehr talentierten Zweitkünstlers dieses Abends. Doch man denkt dann vielleicht an Zuckerguss oder eine Glasur – dabei ist das Gegenteil der Fall. «Freiheit», der Song, und Zucker, der Sänger, sind überhaupt nicht süss oder klebrig.

«Rodeo-Reiterin auf rotem Herz» wäre ein beschreibender Titel gewesen; die Beobachtung einer Szene gegen Ende des Konzerts. Zu «Herzbeben» liegt Helene Fischer zuerst auf einem grossen, roten Herzen, setzt sich dann breitbeinig darauf und das Ding bewegt sich plötzlich wie diese Rodeobullenreitapparate, bei denen es darum geht, sich möglichst nicht abwerfen zu lassen.

Holprige Symbolik

Stimmt diese Symbolik? Bedeutet «Herzbeben», dass jederzeit die Gefahr droht, dass man abgeworfen wird?

Schon zuvor bei ihrer Version von «Verdammt ich lieb dich», dem Ohrwurm von Matthias Reim, passt die Umsetzung in der Choreografie nicht zum Text. Konzentriert man sich auf die Worte, so ist das ein Liebeslied, ohne Zweifel. Ein Mann hat sich von seiner Freundin getrennt, ist aber schwer hin- und hergerissen: «Verdammt ich lieb dich, lieb dich nicht.» Aber ist ja klar: Er liebt sie eben doch!

In der tänzerischen Umsetzung ergibt sich allerdings ein ganz anderes Bild: Fischer sitzt auf einem Stuhl, spreizt aufreizend ihre (schönen) Beine. Das Visuelle erinnert an das Crazy Horse in Paris oder ein anderes, ähnliches erotisches Cabaret. Eigentlich müsste der Text zu diesen Bildern heissen, «verdammt ich f--- dich».

Man merkt, die zwiespältigen Eindrücke überwiegen. Da ist auf der einen Seite eine wirklich tolle Performance, eine tolle Show, eine sehr schöne, attraktive, trainierte, erfolgreiche 33-Jährige, die eine Stadiontour stemmt. Sie hat das Zeug dazu! Sie hat Charisma, Sex-Appeal, Stimme und genug Bewunde-rung der Fans, dass das aufgeht. Und vor allem ist Helene Fischer keine Diva. Sie geht nicht nach 90 Minuten ab und denkt, damit sei ihrer Pflicht Genüge getan. Sie schenkt ihrem Publikum fast 150 Minuten und hält mehr oder weniger, was sie am Anfang versprochen hat: Sie macht das Konzert zur Party. «Heute Abend gehöre ich nur euch.»

Das ist cool. Das wird von den Leuten im Innenraum genauso geschätzt wie von jenen auf den Rängen. Dazu ist die Show richtig gross, richtig klotzig, richtig «boah». Feuereffekte, Konfetti, Hebebühnen, Laser. Alles inklusive.

Das Helenmobil

Und da ist andererseits das Helenmobil, analog dem Papamobil: Zwei Mal taucht der Star des Abends auf der Bühne eines Autos auf, das auf extra ausgesparten Korridoren durch das Stadion zuckelt. Und schon kippt das gute Gefühl wieder. Denn, sorry, das ist einfach nur zum Lachen, diese Runden mit dem Volkswagen, der zur Starkarre mutierte. Was soll das? Nähe zum Publikum vorgaukeln? Misslungen.

Womit wir bei der Interaktion wären, der Verbindung zwischen Helene Fischer und den Leuten, die für sehr gutes Geld ein Ticket erworben haben. Von Anfang an versucht Fischer, eine Verbindung herzustellen, verspricht einen tollen Abend, verspricht, ganz für die Leute da zu sein. Gefühlte 20-mal sagt sie «ihr Lieben», gezählte 25-mal sagt sie «Basel», als müsse sie sich versichern, wo sie gerade auf der Bühne steht. Und trotzdem will der Funke nicht ganz springen. Die Mitmachqualität der 30 000 ist soso lala. Beim Stadionkracher «Atemlos» geht die Post ab, ja. Aber noch vor drei Jahren, bei der Tournee «Farbenspiel», war im sommerlichen St.-Jakob-Park insgesamt mehr Begeisterung spürbar, liessen sich Jung und Alt, Mann und Frau mehr hinreissen.

Verschwenderische Sexualität

«Heute Abend gehöre ich nur euch» hat etwas Anbiederndes an sich, klingt fast schon wie der Spruch eines Escort-Girls, vor allem, wenn man dazu all die verschwenderische Sexualität in Betracht zieht. Die gespreizten Beine, das Silberröckchen, dessen Fransen vorne so geknotet sind, dass man ja auch das Bikinihöschen sieht, der rote Latex-BH, der aus einem Sex-Shop sein könnte ...

Das ist insgesamt zu viel. Und ein toller Abend lässt sich nun mal nicht herbeireden, nicht versprechen. Er muss sich ergeben. Das ist eine Binsenweisheit. Wer so etwas schon nach einem Song ankündet, muss mit einer grossen Portion Skepsis rechnen.

Hat sich Helene Fischer zu verfügbar gemacht? Tritt sie zu häufig auf, zeigt sie sich zu oft und zeigt sie zu viel? Vielleicht. Vielleicht steckt hinter dem auch eine latente Sinnkrise. Denn wohin steuert Helene Fischer? Ist sie die typisch deutsche Schlagersängerin, die mit Gassenhauern wie «Mit keinem Andern» ihr Publikum betört? Ist sie die Rock Lady, die auch bei härteren Beats gute Falle machen kann? Fühlt sie sich mit Electro-Disco wohl? Setzt sie künftig auf das Balladenhafte oder das Schmusige?

Sie bewegt sich oft in der gleichen, hohen Stimmlage. Da sind Helene Fischer gewisse Grenzen gesetzt. Die Lieder unterscheiden sich manchmal kaum. Aber sie ist eine hervorragende Entertainerin, der man manchmal, wenn auch nur ganz kurz, ansehen kann, dass so eine Mega-Show in einem grossen Fussballstadion ihr wirklich und ehrlich Spass macht, dass es nicht nur um Knete geht.

Sie ist Profi durch und durch, ist redlich bemüht, den Menschen, die sie mögen, für all das Geld auch etwas zu bieten. Wenn die Kameras auf die Gesichter im Zuschauerraum zoomen, sieht man die Strahlenden, die Glücklichen, die Zufriedenen. Die, die Texte auswendig können und mitsingen. Doch noch bevor der letzte Song verhallt, die letzte Zugabe fertig ist, strömen auch schon erstaunlich viele Menschen heim, raus, weg. Das Konzert war übrigens nicht ausverkauft.

«Spürst du das?», heisst es am Ende gross auf den Videoscreens der Bühne. Spürst du was, Helene? Dass dieses Muster nicht mehr ewig funktioniert? (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.06.2018, 09:31 Uhr

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