Ms. Hill lässt sich bitten

Lauryn Hill tritt an der Baloise Session so ton- und selbstsicher auf wie vor zwanzig Jahren.

So muss Aretha Franklin einmal geklungen haben.
Lauryn Hill (43) wirkte am Konzert an der Baloise Session von Anfang an souverän

So muss Aretha Franklin einmal geklungen haben. Lauryn Hill (43) wirkte am Konzert an der Baloise Session von Anfang an souverän Bild: Dominik Plüss

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Vor zwanzig Jahren war Lauryn Hill ein musikalischer Referenzwert, dem man Taten von der Innovationskraft eines Prince oder eines Stevie Wonder zutraute. Bereits als Sängerin und Rapperin beim amerikanisch-haitianischen Hip-Hop-Kollektiv Fugees hatte Hill mit einer Neuinterpretation von Roberta Flacks «Killing Me Softly» eine Neo-Soul-Variante vorgeführt, die den Sprung über den Tellerrand der sogenannten Black Music schaffte. Auf ihrem 1998 erschienenen Soloalbum «The Miseducation Of Lauryn Hill» verdichtete die damals erst 22-Jährige dieses Stilamalgam auf unwiderstehliche Art und Weise weiter.

Seither ist bei Hill künstlerisch wenig passiert. Ausser einen durchzogenen Konzertmitschnitt in der Unplugged-Serie des Fernsehsenders MTV brachte sie kein weiteres Album zustande, eine nachhaltige Wiedervereinigung mit den übrigen Fugees scheiterte laut ihren alten Weggefährten an Hills fragilem Geisteszustand. Eine weitere Zusammenarbeit würde es nicht geben, sagten Wyclef Jean und Pras Michel.

Gospel-Messe ohne Pastor

Bis heute kratzt Hill weiter an ihrem guten Ruf. Immer wieder liess sie Konzerte platzen, bei der aktuellen Tournee zum 20. Jubiläum von «The Miseducation Of Lauryn Hill» machte sie keine Ausnahme. So gibt sich das Publikum anfänglich noch gelassen, als der angekündigte Zeitpunkt für Hills Erscheinen in der vollen Eventhalle der Messe Basel um 21.15 kommentarlos verstreicht. Von dieser unsteten Künstlerin erwartet man nichts anderes.

Kurz vor 22 Uhr verspricht Beatrice Stirnimann, CEO der Baloise Session, dass Hill erstens da und zweitens gut drauf sei. Bis die ersten Musiker und Musikerinnen ihre Plätze auf der breiten Bühne einnehmen, vergeht eine knappe halbe Stunde. Auch dann glaubt das nervös gewordene Sitzpublikum nicht so recht daran, dass Hill tatsächlich noch erscheinen wird.

Aber dann ist Ms. Lauryn Hill da. Und rappt sich engagiert souverän durch die Eröffnungsnummer «Lost Ones», hinter ihr scheint die generös bestückte Band regelrecht zu explodieren. Mit den wallenden Chören und eruptiven Grooves klingen die ersten Stücke im insgesamt 90 Minuten langen Programm nach Gospel-Messe ohne Pastor.

Die Band muss sich noch einspielen, aber Hill wirkt von Anfang an souverän. Keinen Ton setzt sie falsch, im Verlauf des Konzerts gewinnt ihre Stimme an Fülle und Wärme. So etwa muss Aretha Franklin einmal geklungen haben, die neben Marvin Gaye und Curtis Mayfield und seinen Impressions zu Hills frühen Vorbildern gehörte. So viel verrät sie in einer ihrer wenigen Moderationen.

Schmaler Kanon

Allerdings hätten Franklin, Gaye und Mayfield ihre kollektive Ekstase stringenter orchestriert. Hill zieht den Refrain zur Ballade «Hurts So Bad» so weit in die Länge, dass man um einen sinnigen Weiterverlauf des Konzerts bangt, das Funk-Stück «Every Ghetto, Every City» verhallt seltsam wirkungslos. Erst bei der Coverversion von Frankie Vallis «Can’t Take My Eyes Off You» zeigen Band und Bandleaderin die Intelligenz ihres Zusammenspiels: Der fesche Fast-Schlager schlendert mit Walking-Bass und Reggae-Beats scheinbar mühelos zwischen den Stilen, mit ihrem fruchtigen Gesang verleiht Hill dem dünnen Songtext etwas Neckisches.

Auf der Zielgeraden packt Hill die Publikumsfavoriten aus. «Doo Wop (That Thing)», der grosse Hit aus «The Miseducation Of Lauryn Hill», enthält so viele musikalische Verweise und dynamische Wendungen, dass es einem beim Zuhören geradezu schwindlig wird; «Killing Me Softly» klingt hier härter und trauriger als im Original. Die Nummer ist aber gleichzeitig die erste erkennbare Pflichtübung an diesem Abend, mit «Fu-Gee-La» und «Ready Or Not» legt Hill nach.

Ohne die Fugees hat Lauryn Hill bessere Songs geschrieben. Umso trauriger ist es, dass ihr Kanon so schmal geblieben ist. Trotzdem: In Basel wirkt dieser verblichene Referenzwert so ton- und selbstsicher wie vor zwanzig Jahren. Das ist weit mehr, als man von Lauryn Hill erwartet hatte. Die Ovation zum Konzertende hat sie sich redlich verdient. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 09:59 Uhr

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