Phänomen Blondie

Debbie Harry alias «Blondie» bringt ihr neues Album «Pollinator» heraus. Und man fragt sich, ob nicht eigentlich ihre Person der Hit ist.

Debbie Harry ist immer noch Debbie Harry – ihre Musik eher weniger. (Foto: 13. Februar 2017)

Debbie Harry ist immer noch Debbie Harry – ihre Musik eher weniger. (Foto: 13. Februar 2017) Bild: Keystone

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Debbie Harry ist nicht Blondie an diesem Nachmittag, sie ist eine ältere Dame mit einer Augenentzündung, die in einem Hotelzimmer sitzt und ein Interview geben muss. Der Grund für diese unleidliche Angelegenheit ist ein neues Blondie-Album: «Pollinator» (Warner, erscheint am 5. Mai).

Die Platte – das vorweg – ist schrecklich und lediglich Nostalgikern zu empfehlen, die ihren Idolen lieber ins Zombiestadium folgen, als Musik zu hören, die noch selbstständig atmet. Debbie Harry dagegen ist immer noch Debbie Harry. Ikone Warhols, Postergirl des New Wave, «Nicki» in David Cronenbergs Film «Videodrome». Sie ist 71 Jahre alt.

Die Vergangenheit langweilt sie

Sie spricht leise und sehr artikuliert. Wie viele Interviews sie in ihrem Leben gegeben hat? «Ein paar Tausend.» Manchmal korrigieren die Fragesteller sie, wenn sie Jahreszahlen verwechselt. Sie kennen ihr Leben besser als sie selbst. Debbie Harry ist sehr höflich. Die meiste Zeit fühlt man sich, als rede man mit der Apple-Assistenz-Software Siri. Es sei denn, man fragt sie etwas Überraschendes.

«Ein paar der Songs haben sich selbst totgespielt», sagt sie. «Sie sind eingefroren.» Dann zieht sich ihr ganzes Gesicht nach hinten zu einem Lächeln, das ihr ins Gesicht fällt wie ein Fremdkörper. Das geschieht meist, wenn es um ihre persönlichen Ansichten geht. Als sei sie verblüfft, dass sich auch jemand für sie als Person interessiert. Nicht nur als Denkmal. Die Vergangenheit langweilt sie.

«Ein paar der Songs haben sich selbst totgespielt, sie sind eingefroren. Sie öden mich an.»Debbie Harry

Ihre Hits langweilen sie. «Sie sind süss, und das Publikum liebt sie, aber ich interessiere mich nicht dafür, sie zu spielen. Für ‹Heart of Glass› haben wir ein neues Ende geschrieben. Es ist manchmal länger und manchmal kürzer. Aber ein paar der Songs haben sich selbst totgespielt, sie sind eingefroren. Sie öden mich an.»

Die meisten Songs sind von anderen

Der Zeitgeist möchte Debbie Harry gern als feministische Ikone sehen, als erste Frau, die in «Rapture» einen Song mit einem Rap-Teil an die Spitze der amerikanischen Charts brachte. «Ich habe die meisten der Songs nicht selbst geschrieben», sagt sie. «Ich achte nur darauf, ob ich vertreten kann, wofür sie stehen.»

Die einzigen Songs, die auf dem neuen Album leidlich gelungen sind, haben aktuelle Pop-Sängerinnen wie Charli XCX und Sia geschrieben. «Gravity» ist ein schnörkelloser Chartpop-Song. Alles Übrige beginnt ambitioniert als Art-Pop mit Achtzigerjahre-Anklängen und landet dann als billige Kopie irgendwo in der musikalischen 1-Euro-Shop-Welt. Die Produktion des Albums klingt meist, als hätte man einem Sechzehnjährigen ein ganzes Haus voll Profi-Soundstudio-Equipment geschenkt.

Es ist schwer auszumachen, wer sie eigentlich ist

Abgesehen vom Album wird Debbie Harry vor allem dann leidenschaftlich, wenn sie über ihre Haare sprechen darf. Wie exakt also färbt sie sich ihre berühmten Haare? Schnell. Und so, dass das Bleichmittel nicht auf die Kopfhaut kommt. Sie tut es selbst, weil sie nicht gerne beim Coiffeur stillsitzt. Ansonsten glaubt sie daran, dass sie übersinnliche Fähigkeiten hat, Hellsehen sei ihre besondere Stärke. Donald Trumps Wahlsieg hat sie vorhergesehen. «Alle haben gesagt, dass Trump nicht gewinnen würde, und ich hab gesagt: Er gewinnt. Ich hab es gespürt.» Jetzt trägt sie eine Korsage, auf der «Not my president» steht.

Es ist schwer auszumachen, wer sie eigentlich ist. Der erste Song, den sie selbst für die Band schrieb, hiess «Atomic Blonde», und es ging darum, «blond zu sein, um ein Statement zu machen». Manchmal, wenn einer eine Maske abnimmt, ist dahinter kein Gesicht. Wie viel hat sie selbst zu diesem Zustand beigetragen – und wie viel die Öffentlichkeit im Umgang mit solchen Ikonen? Debbie Harry hat als junge Frau in der Zeit des Übergangs von Punk zu New Wave eine Ausstrahlung gehabt, die bis heute ihr Publikum um den Verstand bringt. Oft gab es das in solch extremer Form in diesem Musikstil nicht. Sie ist die grösstmögliche Spannung erzeugende Mischung aus Unschuld und Verruchtheit.

Das Mädchenhafte in dieser Stimme nun konserviert

Und genauso hat sie stets im Spannungsfeld von Punk und Pop agiert. Ihr Gesicht kennen auch Menschen, die ihr keinen ihrer Songs zuordnen könnten. Als reine Projektionsfläche passt sie natürlich perfekt zu Andy Warhols Kunstkonzept: Wie wichtig ist dieses wahnsinnig hübsche Mädchen für den Mythos Blondie gewesen? Und ist so gesehen nicht vielleicht doch «Heart of Glass» «ihr» Song in seiner ganzen Künstlichkeit und Kalkuliertheit, in seiner Unterkühltheit und Zugänglichkeit?

Und was ändert es, dass sie nun alt ist? Gesanglich fällt auf, dass sie irgendwie immer etwas verzögert klingt. Als würde sie sich – selbst in den beschwingtesten Melodien – nur mit der Musik mitschleppen. Nicht aus Gebrechlichkeit, eher aus Widerwillen und Lustlosigkeit. Das Mädchenhafte ist das Zentrale ihrer Stimme. Es nun so konserviert, fast mumifiziert zu hören, ist seltsam.

Keine Lust mehr auf sich als Hit

«Ich wünschte, ich hätte viel mehr geschauspielert», sagt Debbie Harry. «Ich liebe Cronenberg. Er ist fantastisch. Es hat mir auch sehr viel Freude bereitet, mit John Waters zu arbeiten. Ich muss sagen, auch wenn ich Musikerin bin: In gewissem Sinne habe ich mein Leben lang Blondie gespielt. All diese Jahre hindurch.»

Es klingt wie auswendig gelernt, wie wenn sie über ihr Angeödetsein von ihren eigenen Hits spricht. Als wäre das Sich-Distanzieren nur eine weitere Meta-Umdrehung des Phänomens Blondie. Zugleich fragt man sich, ob ihr Auftreten nicht doch die wichtigste Antwort schon enthält – dass eigentlich ihre Person der Hit ist, den zu spielen sie keine Lust mehr hat. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2017, 17:10 Uhr

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